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Montag, 11. Dezember 2017

Hochschule

Heißer Tanz für Flüchtlinge

Von Matilda Jordanova-Duda | 27. Juli 2017 | Ausgabe 30

Die Nachfrage von Migranten nach einer Ingenieurausbildung ist groß, die Hürden ins Studium aber sind hoch.

Flüchtlinge BU
Foto: Uni Duisburg-Essen/eventfotograf.in

Beim Sommerfest der Uni Duisburg-Essen gab es keine kulturellen Mauern, geschweige denn ein Flüchtlingsproblem.

Die Zahl Geflüchteter in Vorbereitungsmaßnahmen und im Regelstudium steigt stetig. Experten des Sachverständigenrats für Migration empfehlen eine strukturierte Eingangsphase des Studiums, passgenaue Unterstützung bei Problemen und soziale Vernetzung. Das würde allen Zielgruppen zugute kommen, die nicht dem Otto Normalstudent entsprechen.

Auskunft im Netz

Rund 200 Flüchtlinge bereiten sich gegenwärtig im Programm International Engineering der Universität des Saarlandes (UdS) auf die Aufnahme eines Studiums in einem Mint-Fach vor. „Die Nachfrage ist überwältigend“, sagt Johannes Abele, Leiter des International Office. Die Universität erarbeitete das Programm aus Deutsch- und Fachkursen vor knapp zwei Jahren speziell für anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte. Angefangen hatte es mit nur 13 Teilnehmern. Bewerber, die keine Zeugnisse aus dem Heimatland herübergerettet haben, müssen einen Mathematik-Eingangstest auf Abiturniveau absolvieren. Damit es nicht an der Sprache scheitert, werden die Aufgaben durch Skizzen und Beispiele erklärt.

Die Universität hat Drittmittel von Unternehmen, Stiftungen und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) eingeworben, um das Angebot um etliche Plätze erweitern zu können. Trotzdem sind die Bewerberzahlen viel höher. Die UdS setzt bewusst auf Präsenzstudium und will damit ihre zulassungsfreien Mint-Studiengänge füllen, die etwa Embedded Systems, Mikro- und Nanotechnologien, Materialwissenschaft oder Cybersicherheit heißen.

„Eine Handvoll exzellenter Studierender ist bereits ins Regelstudium gewechselt, weil sie ihre Hochschulzugangsberechtigung nachweisen und die Deutschprüfung bestehen konnten“, sagt Abele. Die anderen brauchen länger, vor allem wenn sie in Deutsch bei null anfangen.

Im Wintersemester 2016/17 waren knapp 5500 Geflüchtete in studienvorbereitenden Maßnahmen an deutschen Hochschulen, so das Ergebnis einer Umfrage der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) von März. Das sind mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Auch die Zahlen beim Schnupperstudium und der Gasthörerschaft sind gestiegen. Die Zahl der bereits Immatrikulierten hat sich sogar verfünffacht. „Die Maßnahmen zur Vorbereitung und Aufnahme ins Studium greifen“, urteilt die HRK. Aber die Herausforderungen bleiben: allen voran unzureichende Deutschkenntnisse und die Finanzierung von Studium und Studienvorbereitung. Mit der Einschreibung an der Hochschule entfällt nämlich der Anspruch auf Arbeitslosengeld II. Man kann dann zwar Bafög beantragen, aber der bürokratische Aufwand ist selbst für Einheimische hoch. Auch schränkt die Wohnsitzauflage für Geduldete ihre Wahl an Studienorten ein.

Die Idee eines Onlinestudiums erscheint da verlockend. Das Spezialangebot für Flüchtlinge, der FH Lübeck, verzeichnet schon über 8000 registrierte Teilnehmende. Die Plattform bündelt ausgewählte und adaptierte Onlinekurse der Fachhochschule. Besonders gefragt seien die Mint-Fächer, etwa das Modul Fertigungstechnik, erläutert die verantwortliche Linda Wulff. Die Kurse sind gratis, nur eine einfache Anmeldung reicht. Es gibt nichtbetreute Angebote ohne Zertifikat, die als Anreiz dienen sollen, sich digital weiterzubilden.

Der Renner bei integration.oncampus.de sind die ECTS-fähigen Kurse (europa-kompatible Anrechnung von Studienangeboten). Auch hier findet das Lernen im Internet statt, jedoch gibt es Betreuung durch einen Mentor und Webkonferenzen. „Die erbrachten Leistungen können sowohl auf ein Studium an der FH Lübeck als auch an einer anderen deutschen oder europäischen Hochschule angerechnet werden“, so Wulff. Besonders für Geflüchtete biete sich so an, die lange Zeit bis zur Immatrikulation zu überbrücken. Weil das Interesse an den Ingenieurwissenschaften sehr groß sei, habe die Plattform im Rahmen des Verbundprojekts „Integral 2 – Integration und Teilhabe von Geflüchteten im Rahmen von digitalen Lehr- und Lernszenarien“ mit den Partnern Kiron Open Higher Education und der RWTH Aachen die ECTS-fähigen Kurse „Materials Science“ und „Manufacturing Engineering“ auf Englisch bereitgestellt.

Kiron, eine gemeinnützige GmbH, verschafft Geflüchteten eine unkonventionelle Möglichkeit zum Studieren. Kiron ist ein Bildungs-Start-up und hat die ersten Studierenden 2016 aufgenommen. Inzwischen sind es rund 2300. Die Idee ist, zwei Jahre lang Moocs (Massive Open Online Courses) zu absolvieren, die auf der „kiron.campus.platform“ aus dem kostenlosen englischsprachigen Angebot deutscher und internationaler Hochschulen zu Lernmodulen zusammengestellt wurden. So sollen die Teilnehmenden insgesamt 60 ECTS erwerben. Danach wechseln sie an eine Partnerhochschule, um ihren Bachelor-Abschluss zu machen. In Deutschland kooperieren derzeit nach Angaben Kirons 23 Universitäten und Fachhochschulen mit der Non-Profit-Organisation, unter anderem die RWTH Aachen.

Geflüchtete können sich ohne Zeugnisse, Eingangstests oder sicheren Status, ja sogar noch im Ausland, einschreiben. Benötigte Unterlagen können sie während der ersten zwei Jahre nachreichen. Da es sich aber in Flüchtlingsunterkünften oder im Café nicht gut lernen lässt, hat Kiron auch lokale Anlaufpunkte (Studi Hubs) und persönliche Unterstützung off- und online geschaffen. „Besonders das erste Pilotsemester hat gezeigt, wie wichtig personalisierte Programme neben den Moocs sind“, so die Kiron-Pressesprecherin Fabienne Huber.

Ehrenamtliche betreuen die Studierenden vor Ort. So unterstützen studentische Buddies und Mentoren in psychosozialen Beratungen und Studienberatungen in den verschiedenen Phasen, besonders beim Übergang in den Präsenzteil.

Wie lange die Onlinephase dauere, dürfte, so Fabienne Huber, individuell unterschiedlich ausfallen, wie an herkömmlichen Hochschulen auch. Bei normalen Moocs bleiben sehr wenige Teilnehmende bei der Stange, von den Kiron-Studierenden haben aber schon die ersten die geplante Punktzahl erreicht.

Die FH Lübeck ist federführend in einem Team aus Hochschulexperten, das ein Verfahren zum Prüfen der Kompetenzen von Moocs-Teilnehmern entwickelt. 14 Personen aus dem Iran, Syrien, Afghanistan, Gambia und Ägypten wurden bereits im Fach Medieninformatik schriftlich und mündlich getestet – die Mehrheit erfolgreich. „Die guten Ergebnisse ermutigen, uns für eine einfache Anrechnung von Moocs einzusetzen“, meint Rolf Granow, E-Learning-Beauftragter der FH. Bei Modulen, bei denen mehrere Prüflinge schwächelten, empfahlen die Experten, Lerninhalte zu ergänzen, zusätzliche Tutorien einzuführen sowie mehr und frühere Selbstchecks zu ermöglichen. ws seite 10

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