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Donnerstag, 14. September 2017, Ausgabe Nr. 37

Donnerstag, 14. September 2017, Ausgabe Nr. 37

Ausstellung

Im Schaufenster

Von Johannes Wendland | 1. Dezember 2016 | Ausgabe 48

Im Bauhaus Dessau möchte eine Schau Sachsen-Anhalt als Zentrum der Moderne in den 1920er-Jahren darstellen – und scheitert an einer verstiegenen Gestaltung.

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Foto: Felix Förster/ Stiftung Bauhaus Dessau

Hauptgestaltungselement der Dessauer Ausstellung sind dunkelorangefarbene Kanalschachtmodule.

Max Valier war Astronom, Wetterbeobachter, Autor von Science-Fiction-Romanen und Tüftler. Als ihm Mitte der 1920er-Jahre Hermann Oberths Schriften über Raketentechnik in die Hände fielen, beschloss er, die Theorien des Siebenbürger Raketenpioniers in die Praxis umzusetzen. Zunächst rüstete Valier Schlitten mit Pulverraketenantrieben aus und ließ sie über vereiste bayerische Seen rasen, später Raketenwagen. 1928 nahm er Kontakt zu zwei mitteldeutschen Betrieben auf: der Firma Eisfeld in Silberhütte/Anhalt, die sich schwerpunktmäßig mit Feuerwerkkörpern befasste, und der Halberstadt-Blankenburger Eisenbahn im östlichen Harzvorland. Sein Ziel: unbemannte Raketenfahrzeuge auf Schienen zu testen. Im Juli lud er die Presse zu seinem ersten Versuch ein, der entsprechend gut dokumentiert ist. Die ersten beiden Zündungen des „Eisfeld-Valier-Rak1“ verliefen unbefriedigend, doch bei der dritten Zündung erreichte das Fahrzeug auf gerader Strecke ein Tempo von 180 km/h, was im vierten Anlauf noch übertroffen wurde: Mit Tempo 300 km/h entgleiste das Fahrzeug allerdings und zerschellte neben dem Gleisbett. Zwei Jahre nach den Versuchen am Harz starb Valier bei einer Explosion, zu der es beim Probelauf eines neuen Antriebs gekommen war. Er gilt als erstes Todesopfer der Raumfahrt. Die Erkenntnisse, die Valier bei seinen waghalsigen Versuchen gewann, galten dennoch als bahnbrechend und wurden von Pionieren wie Wernher von Braun aufgenommen und weitergeführt.

Ingenieure, Visionäre und Tüftler

Köpfe wie Valier sind es, die im Mittelpunkt der Ausstellung „Große Pläne. Moderne Typen, Fantasten und Erfinder“ im Bauhaus in Dessau stehen. Die Schau ist Kernstück eines landesweiten Projekts in Sachsen-Anhalt, in dessen Rahmen sich kulturelle Einrichtungen von Quedlinburg bis Halle mit der angewandten Moderne in ihrer Region zwischen 1919 und 1933 befassen. Das Projekt ist Teil eines auf drei Jahre angelegten Programms, das im Zeichen von „100 Jahre Bauhaus“ steht. Dessau mit seinem ikonischen Bauhaus-Gebäude von Walter Gropius steht dabei in einer Konkurrenz mit den beiden anderen Bauhaus-Stätten in Weimar. In ihrer Recherche haben sich die Dessauer Ausstellungsmacher auf die Suche nach Technikpionieren, Visionären, Innovatoren und Querköpfen gemacht, die in der Zeit der Weimarer Republik im mitteldeutschen Raum tätig waren. Sie sind auf viele spannende Köpfe gestoßen. Etwa auf den Grafiker und Typografen Walter Dexel, der an der Magdeburger Kunst- und Handwerkerschule Werbegestaltung lehrte und hochmoderne Leuchtreklamen und von innen leuchtende Plakate entwarf. Auf den Architekten Bruno Taut, der als Stadtbaurat in Magdeburg moderne Gartenstädte baute und von der Auflösung der verdichteten, mittelalterlichen Stadt träumte. Auf die Metallgestalterin Marianne Brandt, die am Bauhaus in Dessau lehrte und eine bis dahin undenkbare, fruchtbare Zusammenarbeit der dortigen Metallwerkstatt mit der Industrie einleitete. Oder auf den jungen Architekten Franz Ehrlich, der mit 21 Jahren ein mechanisches Schaufenster konstruierte, in dem Podeste, Stellwände und Ablagen in Bewegung gerieten. Für die Ausstellung ist das erstaunlich zeitgemäße Schaufenster rekonstruiert worden. Die Dessauer Schau präsentiert aber auch Spinner wie Gustaf Nagel, einen Wanderprediger, selbsternannten Jesus-Nachfolger und Betreiber einer gut laufenden Bade- und Tempelanlage in Arendsee in der Altmark.

Warum gerade der mitteldeutsche Raum in der Zeit der Weimarer Republik ein Ort der Innovation und der neuen Denk-, Handels- und Produktionsweisen war, deutet die Ausstellung mit einigen Plänen, Statistiken und Aussagen an. Hier befanden sich bedeutende Bodenschätze, die verstärkt ausgebeutet und in den chemischen und petrochemischen Industriezentren zwischen Halle und Magdeburg zunehmend in weltweit vermarktbare Produkte umgesetzt wurden. Auch die Verwaltung war Neuem aufgeschlossen. So gab es zwischen Thüringen und der Altmark eine fortschrittliche, koordinierte Landesplanung, und mit dem „Plan 23“ wurde 1932 erstmals ein länderübergreifender strategischer Raumordnungsplan vorgelegt. Der ehrgeizige Planungshorizont betrug ganze 50 Jahre. Und eine Stadt wie Magdeburg konnte zu einem Zentrum des neuen Bauens werden, nicht zuletzt dank der innovativen Köpfe, die in diesen Jahren das Stadtbauamt leiteten.

Mit einem heutigen Begriff könnte man Mitteldeutschland also als Cluster bezeichnen – aktive Unternehmer, fortschrittliche Wissenschaftler und Ingenieure sowie innovative Künstler und Architekten trafen gute Rahmenbedingungen an. Dies alles möchte die Ausstellung „Große Pläne“ im Dessauer Bauhaus zeigen. Sie tut es auch, aber der Besucher muss sich seine Erkenntnisse mühsam zusammensuchen. Denn die Ausstellung weist ihm kaum einen Weg. Kurz: Gestalterisch und ausstellungsdidaktisch ist die Jahresausstellung im Bauhaus ein Desaster.

Die Ausstellungsgestaltung lag in den Händen des Stuttgarter Architekturstudios „umschichten“. Dessen Prinzip klingt auf dem Papier gut: Man möchte für die Ausstellungsgestaltung ausschließlich Materialien verwenden, die recycelbar oder anderweitig wiederverwendbar sind. Die Materialien sollten aus der unmittelbaren Umgebung des Ausstellungsortes stammen und nur ausgeliehen werden. Damit sie wiederverwendbar sind, dürfen sie nicht fest verfügt, angebohrt oder anders beschädigt werden. Als Hauptgestaltungselement der Dessauer Ausstellung haben sich die Gestalter für dunkelorangefarbene Kanalschachtmodule entschieden, die dicht an dicht fast bis auf Deckenhöhe aufgestapelt sind. An ihnen sind mit Schraubzwingen und Spanngurten Aluminiumprofile und Kunststofflatten befestigt. Einfache LED-Lampen beleuchten die Exponate, die auf diesen Bauteilen abgestellt oder daran befestigt sind. Der Raum wirkt zugestellt. Plakate, zeitgenössische Fotografie, Werbegrafiken füllen die Wände. Texttafeln sind zum Teil auf dem Boden aufgestellt, sodass sich die häufig älteren Ausstellungsbesucher zur Lektüre auf den Boden knien müssen. Auf der zwei Säle umfassenden Ausstellungsfläche sind sieben Hörstationen verteilt, die sich akustisch zum Teil überschneiden und einen Dauerklangteppich verbreiten.

Ein klar gegliederter Rundgang ist nicht zu ermitteln. Die zum Teil hoch spannenden Exponate werden häufig sich selbst überlassen. Wer sich nicht einer Führung anschließt oder im Katalog liest, verlässt die Ausstellung ohne großen Erkenntnisgewinn. Das alles ist schade. Noch scheint das Designbüro zu sehr von den eigenen Ideen begeistert zu sein, um dabei auch die Benutzer in den Blick zu bekommen. Aber das kann sich ja noch ändern. So mancher Bauhäusler hat schließlich auch den Weg vom Esoterischen zum Praktischen gefunden. 

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