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Sonntag, 17. Dezember 2017

Digitalisierung

Im Strom der Algorithmen

Von Claudia Burger | 7. Dezember 2017 | Ausgabe 49

DieIG Metall pocht auf ihren Gestaltungswillen.

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Foto: panthermedia.net/Andriy Popov

Die Digitalisierung verändert das Arbeitsleben in großem Umfang. Arbeitnehmer sollten ein Mitspracherecht haben, sagt die IG Metall.

Die Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Christiane Benner, trat kämpferisch auf: „Lasst uns selbstbewusst sein wie der United-Auto-Workers (UAW)-Präsident Walter Reuther im Dialog mit Henry Ford“, so Benner, und weiter: „Henry zu Walter: ‚Walter, wie wollen Sie von all den Robotern Gewerkschaftsbeiträge einziehen?‘ Reuther antwortete: ‚Henry, wie wollen Sie all die Roboter dazu bringen, Ihre Autos zu kaufen?‘“

Benner untermalte mit dem Rückgriff die aktuelle Situation. „Ich will, dass die Digitalisierung eine Erfolgsstory für die Beschäftigten wird“, sagte sie vor 300 Betriebsräten auf der von der IG Metall und der Hans-Böckler-Stiftung ausgerichteten Engineering- und IT-Tagung mit dem Titel „Plattformökonomie – Basis für gute Arbeit?“ in Berlin vor rund 300 Betriebsräten.

Benner erklärte, ihr liege der Fokus zu sehr auf der Beschwörung von Gefahren, wenn Gewerkschafter über neue Formen der Arbeit im Zuge der Digitalisierung sprechen würden. Die Arbeitnehmer müssten eigene Vorstellungen entwickeln, wie Arbeit im digitalen Zeitalter gestaltet werden sollte. Nur ein Drittel der Führungskräfte habe eine digitale Vision für ihr Unternehmen. Laut Bitkom Research liegt der Anteil der Unternehmen ohne Weiterbildungsstrategie bei 68 %. „Ich erkenne keinen wirklichen Gestaltungswillen“, sagte Benner. Stattdessen würde die Lockerung des Arbeitszeitgesetzes gefordert. „Das Gesetz ist doch nicht so starr, wie immer getan wird.“ Und: In vielen Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen habe die IG Metall flexible Arbeitszeiten geregelt. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssten auf Augenhöhe agieren. Ein Beispiel sei eine Vereinbarung in einem Unternehmen, in der die Gruppe selbst einen „demokratischen Stopp“ ausrufen könne. Sofort fänden dann Gespräche mit der Unternehmensleitung und dem Betriebsrat statt.

Ein anderes Beispiel sei das „betriebliche Praxislaboratorium“ bei Bosch in Abstatt. Es beschäftige sich mit Themen, die die Beschäftigten in ihren agilen Teams selbst identifiziert haben. Sie würden von einem Lenkungskreis – dem Führungskräfte und Betriebsräte gleichermaßen angehören – diskutiert, bewertet und „im Idealfall in die gesamte Organisation übertragen“. Bei Daimler gebe es eine Betriebsvereinbarung zur „Schwarmarbeit“. Darin sei geregelt, dass alle mitmachen dürfen, aber keiner muss. Beschäftigte, die vorübergehend in „Schwärmen“ oder „Inkubatoren“ arbeiten, werden von ihren Aufgaben aus ihrer Linienfunktion freigestellt. „Es gibt wirklich innovative Ideen, wie man die agilen Teams vor Überlastung schützt“, so Christiane Benner.

Grundsätzlich ließen sich drei Dimensionen der Digitalisierung unterscheiden, erklärte Jan Marko Leimeister vom Fachbereich Wirtschaftsinformatik an der Uni Kassel. Während es den Unternehmen auf der einen Achse darum gehe, ihre internen Prozesse kostengünstiger und intelligenter zu organisieren, suchten sie auf der anderen Achse nach Lösungen, um im Wettbewerb mit Plattformen wie Amazon, Facebook, Google und Co. zu bestehen. Auf der dritten Achse sei all das versammelt, was „Business Development“ heißt, neue Geschäftsmodelle also, die die Digitalisierung hervorbringt.

Key Pousttchi, Professor am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an der Universität Potsdam, forderte: „Wir müssen unsere soziale Marktwirtschaft digital denken. Wir müssen Innovationen hervorbringen in diesem Bereich. Wir müssen den deutschen Ingenieurgeist in die digitale Welt tragen, aber auch das deutsche Verständnis dafür, was gesellschaftliche Verantwortung ist. “ Er sprach sich für Kollaborationen diverser Branchen auf europäischer Ebene aus, um den Plattformriesen die Stirn zu bieten. Dafür sei auch die Entwicklung eines eigenen Betriebssystems nötig.

Auf Chancen und Risiken des Einzugs der Algorithmen im Personalwesen wies Katharina Zweig, Professorin an der TU Kaiserslautern, hin. Die den Algorithmen zugeschriebene Objektivität sei nicht immer real, weil sie sich auf bereits bestehende Daten beziehe. Und: Algorithmen erkennen häufige Muster, positive Abweichungen hingegen nicht. Das fördere nicht die Diversität. „Ich habe ein bisschen Sorge, dass das Zauberpulver der Algorithmen dazu führt, dass wir uns um die analogen Dinge gar nicht mehr kümmern“, sagte Zweig.

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