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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Wissenschaft

Im Würgegriff der Politik

Von Wolfgang Schmitz | 27. Juli 2017 | Ausgabe 30

Nationalchauvinistische Strömungen fördern „Hightech-Antiintellektualismus“, so DFG-Präsident Peter Strohschneider. Forschung und Gesellschaft seien gefordert.

Strohschneider BU
Foto: DFG/David Ausserhofer

Peter Strohschneider mahnt Wissenschaftler, mit ihren Versprechen Maß zu halten.

VDI nachrichten: Seit Jahren ist vom europäischen Hochschulraum die Rede, das Forschungsministerium hebt die Bedeutung internationaler Forschungskooperationen hervor. Man hat aber angesichts von Isolationstendenzen eher das Gefühl, als seien solche Ziele weiter weg denn je.

Strohschneider: Dass es eine Form des politischen Isolationismus gibt, ist offensichtlich. Den sehen wir aber eher bei Donald Trump als in Europa. Und deshalb hat zumindest er auf die europäische Wissenschaft nur geringe Auswirkungen. So ist der Brexit nicht notwendig mit dem Austritt Großbritanniens aus dem europäischen Hochschulraum verbunden. Dazu dürfte es auch nicht kommen. Dramatische Entwicklungen sind aber durchaus zu beobachten. Die „Säuberung“ der türkischen Universitäten ist ebenso bedenklich wie die Hochschulpolitik in Ungarn.

Peter Strohschneider

Die Entwicklung in der Türkei ist bekannt. Was spielt sich in Ungarn ab?

Dort wird mit unverhohlen antisemitischen Untertönen versucht, die international orientierte Central European University aus dem Land zu treiben. Die rechtskonservative ungarische Regierung führt einen Kleinkrieg gegen den US-amerikanischen CEU-Gründer George Soros, der Bürgerrechtsorganisationen sowie politische Aktivisten unterstützt. Das ist aber genauso wie in der Türkei nicht unmittelbare Folge einer isolationistischen Politik, sondern Ausdruck von nationalchauvinistischen Strömungen, die freilich nicht weniger bedenklich sind ...

… und die Deutschland immer näher rücken. In Polen sind ähnliche Tendenzen spürbar.

Genau, sie rücken uns tatsächlich näher. Aber Formen des Antiintellektualismus und der Wissens- und Wissenschaftsfeindlichkeit gibt es inzwischen auch bei uns. Man schaue nur ins Parteiprogramm der AfD, wo der anthropogene Klimawandel bestritten wird. Oder man nehme die Forderung nach einer völligen Abschaffung der Genderforschung an Universitäten.

Haben Wissenschaftsfeindlichkeit und Antiintellektualismus eine neue Qualität erreicht?

Ja, auch wenn es diese Strömungen in hochtechnologischen Wissenschaftsgesellschaften schon länger gibt. Denken Sie an Silvio Berlusconi in Italien oder Sarah Palin, die immerhin amerikanische Präsidentin werden wollte. Dieser Typus des Hightech-Antiintellektuellen hat das neueste technische Gadget in der Hand, greift aber massiv die akademischen und wissenschaftlichen Grundlagen dieser Entwicklungen an. Dieses Krisenphänomen der Wissensgesellschaften verbreitet sich und wird immer akuter.

Gab es nicht schon immer Versuche der Politik, wissenschaftliche Tatsachen zu beugen?

Ja, aber es ist eine Verdichtung erreicht, die uns Sorgen bereiten muss. Dabei ist sicherlich nicht alles auf generelle Wissenschaftsfeindlichkeit oder auf die Ablehnung einer bestimmten Wissenschaft zurückzuführen. Wir dürfen nicht auf primitive Formen des Machtkampfes hereinfallen. Wenn der amerikanische Präsident den menschengemachten Klimawandel in Abrede stellt, handelt es sich um den Machtkampf eines Lobbyisten und um dessen ökonomische Interessen. Trump würde niemals Wissenschaftsbereiche infrage stellen, die ihm in den Kram passen.

Sabine Kunst, Präsidentin der Berliner Humboldt-Universität, stellt in der Bevölkerung eine abnehmende Ehrfurcht vor der Wissenschaft fest. Wie viel Elfenbeinturm braucht die Wissenschaft?

Ich beobachte eine Veralltäglichung von Wissenschaft. Sie hat viele Facetten, auch die, dass der hierarchische Abstand, der in den Sozialverhältnissen mit dem Professorenberuf verbunden war, dramatisch geschrumpft ist. Das Wissenschaftssystem selbst fördert diese Veralltäglichung, indem wir sagen: Nichts ist in allen Lebensbezügen – ökonomisch, sozial, individuell – bedeutsamer als Wissenschaft. Das, was allgegenwärtig ist, kann aber nicht auf höchstem Niveau knapp und auratisch sein.

Das steigende Interesse der Bevölkerung an Wissenschaft ist doch zu befürworten.

Wissenschaft ist nicht nur mit der Reproduktion bekannten Wissens beschäftigt, sondern auch mit der Störung etablierten Wissens. Der Elfenbeinturm war eine Form der Ermöglichung solcher Störungen. Das funktioniert heute in dieser Form nicht mehr. Wir müssen uns fragen: Wie muss sich das Wissenschaftssystem gegenüber der Gesellschaft verhalten, damit solche Störungen tatsächlich möglich werden und wie erhalten wir von der Öffentlichkeit den nötigen Vertrauensvorschuss für unsere Störversuche? Welche Kommunikationsformen sind dafür sinnvoll?

Wo liegen vor diesem Hintergrund Chancen und Gefahren sozialer Medien?

Die Neukonfiguration des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft ist nicht zu lösen, indem wir „more of the same“ machen, also mehr Wissenschaftskommunikation in den bislang üblichen Formen. Andererseits sind die Ambivalenzen sozialer Medien – generell neuer Medienstrukturen – noch längst nicht genau genug durchdacht, um Rückschlüsse zuzulassen und Folgen aufzuzeigen.

Welche Fragen wirft die Entwicklung jenseits technischer Kommunikation auf?

Die Frage nach guter wissenschaftlicher Praxis etwa oder die nach Vertrauenswürdigkeit wissenschaftlicher Prozesse. Ein anderer Punkt sind die Grenzen wissenschaftlichen Wissens und die Ambivalenzen, etwa Möglichkeiten und Risiken, die mit ihm verbunden sind. Drittens müssen wir sehr viel zurückhaltender mit unseren Verheißungen sein.

Sind aus Wissenschaftler verkappte Wahrsager geworden?

Wissenschaftler versprechen oft mehr, als sie halten können. Krebserkrankungen sind vermeintlich oft besiegt worden und es gibt sie immer noch. Die Klimafrage ist technisch schon seit Langem beantwortet, das Problem ist immer noch akut. Die Gesellschaft beobachtet das genau und merkt, dass unsere Versprechen nicht in Erfüllung gehen. Das ist vertrauenszerstörend.

Warum verhalten sich Wissenschaftler so?

Wir befinden uns in einer Impactspirale. Die Gesellschaft erwartet von einer Wissenschaft, die unentwegt von sich erzählt, wie bedeutsam sie ist, mehr Einflussnahme. Die Wissenschaft wiederum reagiert mit Verheißungen und steigert dadurch die gesellschaftlichen Erwartungen. Und so dreht sich die Spirale immer weiter. Verheißungen sind als Antwort auf Legitimationsdruck hochkritisch zu betrachten. Zuweilen sind auch Wissenschaftler dann näher am Populismus als an der Popularität.

Vertrauen benötigt als Grundlage Verständlichkeit. Braucht die Wissenschaft einen neuen Typus Wissenschaftler, vor allem in der zunehmend komplexer werdenden Welt der Ingenieure: den Präsentationsexperten, den Vermittler zwischen Forschung und Gesellschaft?

Was wir nicht brauchen, ist, dass an jede Wissenschaftlerin und jeden Wissenschaftler unentwegt die Forderung gestellt wird, öffentlich als Kommunikationsexperte aufzutreten. Aber sicherlich bilden sich neue intermediäre Rollen heraus. Es sind Leute gefragt, die komplexe wissenschaftliche Sachverhalte, das Problem, auf das diese reagieren, und die methodische Skepsis, die mit jedem wissenschaftlichen Wissensanspruch verbunden ist, in neuer Weise gesellschaftlich kommunizieren können.

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