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Dienstag, 12. Dezember 2017

Wissenschaft

Ingenieure als Grenzgänger

Von Manfred Bergheim | 9. März 2017 | Ausgabe 10

„Frontiertechnologien – Technik in extremen Umwelten“ lautete das Thema der Technikgeschichtlichen Jahrestagung des VDI in Bochum.

Bergheim BU
Foto: dpa picture alliance/Süddeutsche Zeitung Photo/Scherl

Bau der Ostafrikanischen Zentralbahn: Arbeiter ziehen 1910 eine Lokomotive auf die Gleise im heutigen Tansania.

Selbst die Hochalpen sind nicht mehr schneesicher – und zum Fall für Ingenieure geworden: Zur Rettung des Skigebietes werden seit 2009 auf dem Pitztaler Gletscher in einer Höhe von rund 2900 m bis zu 800 m³ Schnee am Tag erzeugt. Die Schneemaschine endeckte Herta Nöbauer, Kultur- und Sozialanthropologien an der Uni Wien, bei Feldstudien in den Alpen. Wie die Wissenschaftlerin auf der Tagung in der Bochumer TH Georg Agricola berichtete, war der Pitztaler Pistenbetriebsleiter alles andere als einverstanden mit dem massiven Eingriff in die Natur am Gletscher. Technik dürfe das Wetter nicht kontrollieren können. Sie könne die Natur immer nur begleiten.

Die Tagung, an der Anfang März 80 Wissenschaftler teilnahmen, widmete sich der Idee der Frontier. Diese hatte der US-Historiker Frederick Jackson Turner Ende des 19. Jahrhunderts als konstitutiv für die amerikanische Gesellschaft und die Erschließung des „Wilden Westens“ beschrieben.

Ingenieure und Naturwissenschaftler griffen den Frontiergedanken später auf. Prägnant zum Ausdruck kommt er in einem Bericht des amerikanischen Computerpioniers Vannevar Bush „Science, the Endless Frontier“, den er 1945 für den US-Präsidenten erstellte. Militärische Interessen oder Gewinnstreben waren und sind dabei häufig Triebfedern technologischer Wagnisse.

Eine Grenze, nicht nur in technischer Hinsicht, hatten deutsche Ingenieure beim Eisenbahnbau in den afrikanischen Kolonien des Kaiserreiches zu überschreiten. „Kolonisieren heißt Eisenbahnen bauen, und umgekehrt, Eisenbahnen bauen heißt kolonisieren“, umschrieb es der zeitgenössische Autor Richard von Hake. Bis kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden über 4000 km Schienen in den deutschen Kolonialgebieten verlegt. Die „Ostafrikanische Zentralbahn“ im heutigen Tansania verband Daressalam am Indischen Ozean mit dem rund 1250 km entfernten Tanganjikasee im Landesinneren.

Es waren nur wenige Hundert Ingenieure, die geprägt und geleitet von der vorherrschenden Rassenideologie, rund 15 000 Afrikaner befehligten. Unter unwürdigen Bedingungen mussten die Einheimischen die Schmalspur-trassen bauen.

Viele Akteure der Kolonialtechnik, Ingenieure und Techniker, fanden sich nach dem Verlust der Kolonien in der Arbeitsgemeinschaft für Kolonial- und Tropentechnik (Akotech) zusammen, berichtete Sebastian Beese, Technikhistoriker an der Universität St. Gallen. Die spezifische Frontiersituation schuf eine Gruppenidentität, mit der man sich innerhalb der technischen Profession abgrenzen konnte und wollte.

Als Europas „Schlüsseltechnologie“ für den Weltraum stellte Tilmann Siebeneichner von der FU Berlin das Weltraumlabor Spacelab vor. Die Beteiligung an diesem Programm der Nasa wurde längst nicht von allen europäischen Mitgliedsländern befürwortet. In Deutschland jedoch galt es in den 1970er-Jahren als fortschrittlichstes Projekt seiner Zeit. „Das Spacelab sollte als Werbeträger europäischer Effizienz und Innovationsfähigkeit fungieren und die seit den 1960er-Jahren beschworene ,technologische Lücke‘ zu den USA schließen helfen“, erläuterte Siebeneichner. Dabei wurde stets die zivile Ausrichtung der Forschung betont.

Das Weltraumlabor bewies zwar zwischen 1983 und 1998 durchaus seine Leistungsfähigkeit – es wurde von 110 Astronauten genutzt, die dabei 720 Experimente an Bord durchführten – doch wird es heute überwiegend als Prestigeobjekt von geringer wissenschaftlicher Bedeutung betrachtet. Und selbst in der Europäischen Weltraumbehörde ESA wurde Spacelab intern bald als Europas teuerstes Geschenk an das amerikanische Volk seit der Freiheitsstatue verspottet.

Außer Spesen nichts gewesen: So können auch manche Versuche zusammengefasst werden, die Tiefsee zu erobern und wirtschaftlich zu nutzen. Jens Ruppenthal von der Uni Bremen und Ole Sparenberg von der Uni des Saarlandes berichteten in ihren Vorträgen über die Versuche internationaler Konsortien unter deutscher Beteiligung in den 1980er-Jahren, die mineralienreichen Manganknollen aus Tiefen von bis 6000 m zu heben. Noch ist der Meeresbergbau jedoch mehr Vision als Wirklichkeit. Die Entwicklung neuer Technologien wird dabei vom vorgeblich riesigen wirtschaftlichen Nutzen vorangetrieben, wie die Referenten ausführten. Derzeit gebe es erneut konkrete Projekte. Sie stoßen jedoch auf immer lautere Kritik von Umweltschützern.

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