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Dienstag, 12. Dezember 2017

Stress

„Ingenieure hinterfragen sich nur selten“

Von Wolfgang Schmitz | 30. März 2017 | Ausgabe 13

Der Coburger Forscher Niko Kohls über Erfahrungen mit Achtsamkeit in der Unternehmenspraxis.

VDI nachrichten: Professor Kohls, wo haben Sie Achtsamkeit untersucht?

Foto: Hochschule Coburg

 

Kohls: In 25 Unternehmen, aber auch in Schulen und Hochschulen. Einer meiner Doktoranden hat Achtsamkeit im Militär untersucht, bei Soldaten, die aus dem Afghanistan-Krieg zurückgekehrt sind.

Niko Kohls

Welche Unternehmen haben Sie ausgewählt?

Das war kunterbunt gemischt, vom Weltunternehmen in Hamburg bis zum kleinen Start-up in Berlin. Wir haben Firmen gesucht, die von ihrer Philosophie in das Anforderungsprofil passen.

Welche Unternehmen passen nicht?

Ein Unternehmen etwa, in dem zur einen Hälfte Festangestellte und zur anderen Leiharbeiter tätig sind. Dort sagt man womöglich: Natürlich möchten wir etwas für unsere festen Mitarbeiter tun, aber für die anderen lohnt das doch gar nicht. In solchen Firmen macht Achtsamkeitstraining kaum Sinn.

Wann greift so ein Projekt?

Die Programme zu implementieren, geht schnell. In vergleichsweise kurzer Zeit sind psychologische und neurobiologische Veränderungen zu beobachten. Wir wollen Unternehmen aber länger begleiten. Wir wollen wissen, welche Auswirkungen Achtsamkeitsprogramme in Unternehmen über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren haben, um etwa die Frage zu beantworten: Was ändert sich durch Achtsamkeit an der Firmenkultur?

Welche Befunde haben die Untersuchungen bislang ergeben?

Individuelle Gesundheits- und Leistungsparameter steigen zuerst an, dann entwickeln sich die Gruppen- und Organisationsparameter, der Teamgeist verbessert sich signifikant.

Welche Auswirkungen hat das auf den Arbeitsalltag?

Bei einmaligem Achtsamkeitstraining in der Woche fühlen sich die Mitarbeiter nach zwei bis drei Monaten besser, ausgeruhter. Das Unternehmen stellt fest, dass die Meetingkultur eine andere geworden ist, Der Zeitaufwand ist um 20 % bis 30 % gesunken, weil jeder vor dem Treffen eine Minute in sich geht und sich überprüft: Habe ich substanziell etwas beizutragen oder gehe ich nur dahin, um mich zu produzieren? Das ist ein Grund, weshalb Vorstände aus Industrieunternehmen die Bitte geäußert haben, das Programm weiterzuführen. Das größte Problem ist meist ein räumliches: Wo soll das Achtsamkeitstraining durchgeführt werden?

Und sicherlich ein Problem des Zeitbudgets.

Das ist in der Tat ein Problem. Es gibt zwei wichtige Voraussetzungen, Achtsamkeit umzusetzen. Zum einen muss die Geschäftsführung dem Projekt positiv gegenüberstehen, idealerweise sollte sie mitmachen. Zudem sollte man solche Programme zeitlich nicht on top planen. Wenn Vorgesetzte sagen „Bitte schön, meditiert, aber nach Feierabend!“, ist das Projekt zum Scheitern verurteilt. Die besten Resultate werden erzielt, wenn der Arbeitgeber Freiräume während der Arbeitszeit schafft.

Kann man das von Arbeitgebern verlangen?

Ja, schließlich profitiert das Unternehmen durch kompetente Mitarbeiter. Ihre Fremd- und Eigenwahrnehmung verbessert sich durch Achtsamkeit, ihr Urteilsvermögen schärft sich. Wird die Initiative auf den Schultern der Mitarbeiter abgeladen, stellt das ein Stressbewältigungsprogramm und die Bereitschaft der Führung, etwas zum Wohle des Unternehmens verändern zu wollen, infrage.

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass Mitarbeiter durch Achtsamkeit optimiert werden könnten, um noch mehr aus ihnen herauszupressen?

Die Rahmenbedingungen müssen menschen- bzw. mitarbeiterfreundlich gestaltet werden, sonst geht der Schuss nach hinten los. Wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, dass es den Arbeitgebern einseitig darum geht, den letzten Tropfen Effizienz aus ihrer Belegschaft herauszuquetschen, ohne ihnen entgegenzukommen, ist die innere Kündigung häufig eine natürliche Konsequenz.

Gibt es berufliche Eigenarten? Was haben speziell Ingenieure von Achtsamkeit?

Ingenieure sind sehr rational-analytisch orientiert und intellektuell ausgebildet. Was bei ihnen mitunter noch weniger Beachtung findet als bei anderen Berufsgruppen, ist die Auseinandersetzung mit sich selbst. Die emotionale Selbstregulation hat man ihnen in der Ausbildung genauso wenig beigebracht wie Ärzten und anderen Berufsgruppen, die hohe analytische Fähigkeiten haben, sich aber selbst nicht hinterfragen. Selbststeuerungskompetenzen fallen aber nun mal nicht als „positiver Kollateralschaden“ einer sach- und fachgebundenen Ausbildung vom Himmel. Vielen Menschen bricht deswegen in der Mitte des Arbeitslebens nicht die mangelnde kognitive Fähigkeit das Genick, sondern die mangelnde Kompetenz, persönliche Grenzen zu erkennen und den dafür geeigneten moralisch-ethischen Kompass zu entwickeln. Ziel muss es sein, nicht immer auf 100 % zu fahren, sondern authentisch zu leben.

Wie groß ist die Bereitschaft in den Unternehmen, sich auf Achtsamkeit einzulassen?

Es gibt Fans von Achtsamkeit und Leute, die sagen: Hau ab mit dem esoterischen Schwachsinn! Das Interesse ist aber sicherlich in den letzten Jahren in der Arbeitswelt gewaltig gestiegen. Hat man uns vor einigen Jahren von den Hinterhöfen der Industrie gejagt, ist das Thema inzwischen bei allen großen Dax-Unternehmen angekommen.

Praktizieren Sie selbst?

Ich mache morgens und abends meine Achtsamkeitsübungen. Darüber hinaus führe ich regelmäßig mit den Studierenden Stressbewältigungs- und Entspannungsübungen durch. Was mir vor allem geholfen hat, ist die Erkenntnis, wie oft ich unachtsam bin. Inzwischen ist es eine schöne Erfahrung, nicht mehr per Autopilot durch den Park zu gehen, sondern die Umwelt bewusst wahrzunehmen. Um aber Missverständnisse auszuräumen: Achtsamkeit ist nicht die funktionale Ritterrüstung gegen alle Unbill des Lebens, sie ist kein Allheilmittel.

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