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Dienstag, 12. Dezember 2017

Ausland

Kampf gegen Überstunden und Schlafmangel

Von Barbara Odrich | 18. Mai 2017 | Ausgabe 20

Japan setzt auf Reformen und Initiativen auf dem Arbeitsmarkt, um Mitarbeiter zu schützen und den Konsum anzukurbeln.

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Foto: panthermedia.net/deeblue

„Heute ist Freitag, ich mach‘ gleich Schluss.“ Ob dieser Japaner wirklich beim „Premium-“ oder auch „Super-Friday“ mitmacht, ist nicht bekannt.

Premium-Friday (auch Super-Friday) heißt die Initiative der japanischen Regierung, mit der sie das schon lange schwelende Problem der Überarbeitung angehen will. Jeden letzten Freitag des Monats sollen Nippons Arbeitgeber dazu animiert werden, ihren Mitarbeitern schon um 15 Uhr freizugeben und sie vorzeitig ins Wochenende zu entlassen.

Demografische Entwicklung

Auch wenn der Super-Freitag oberflächlich wie eine gut gemeinte, spielerische Kampagne anmutet, ist er Teil einer sehr ernst gemeinten fundamentalen Reform des japanischen Arbeitsmarktes, die Einfluss auf alle Wirtschaftsbereiche haben wird. Analysten sehen zudem einen anderen gewollten Effekt: Die Maßnahme soll wohl auch den privaten Konsum ankurbeln. Ob Premierminister Shinzo Abe auch einkaufen geht, ist nicht bekannt. Er gab aber an, auch früher zu gehen und in einem Tempel von Tokio zu meditieren.

Ende März legte ein speziell gegründeter Ausschuss konkrete Lösungsvorschläge vor, die die Grundlage für eine „historische“ Gesetzgebung zur Förderung von Lohnanhebungen, die Reduzierung der Arbeitszeiten, die Gleichbehandlung von Festangestellten und der Randbelegschaft und damit verbunden die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit bilden sollen. Analysten in Tokio gehen davon aus, dass ein Gesetzentwurf, der viele, vielleicht sogar alle dieser Vorschläge integriert, schon Ende dieses Sommers dem Parlament vorgelegt wird.

Tokio schickt Pendler ins Homeoffice

Der Kerngedanke der Reform besteht darin, einen kleinen Lohnanteil der Festangestellten auf die „irregulär“ Beschäftigten zu übertragen. Mehr als 60 % der Beschäftigten in Japan sind fest angestellt, knapp 40 % sind Teilzeitbeschäftigte und Zeitarbeiter. Die Letzteren verdienen im Schnitt 36 % weniger als Festangestellte.

Während Festangestellte weniger Überstunden leisten sollen, wird daran gedacht, den Irregulären einen höheren Stundenlohn und finanzielle Extraleistungen zu gewähren. Die Unternehmen hätten dadurch keine Einbußen, denn die Einsparungen bei den Überstundenzahlungen würden an ihre Teilzeitkräfte weitergegeben. Zwei Drittel der Irregulären, die stundenweise bezahlt werden, erhalten einen höheren Lohn und das restliche Drittel soll, wie es Festangestellten zusteht, Boni und eine Altersversorgung bekommen.

Im Mittelpunkt der Reform steht die Senkung der hohen Überstundenzahlen in Japans Firmen. Dabei handelt es sich um die erste Begrenzung der Überstunden seit der Festlegung der Arbeitsnormen im Jahr 1947. Erstmals sollen Verstöße dagegen bestraft werden und Firmen namentlich aufgeführt und angeprangert werden. Eine jüngste Untersuchung des japanischen Labour Standards Bureau von 10 059 Firmen ergab, dass 44 % der Unternehmen ihre Mitarbeiter illegal Überstunden arbeiten lassen.

Exzessive Überarbeitung kann zu schweren gesundheitlichen Schäden und im Extremfall sogar zum Tod führen. Für den Tod durch Überarbeitung gibt es in Japan sogar den Begriff „Karoshi“. Es gibt in Japan mehr als 100 Todesfälle im Jahr, bei denen Menschen durch Überarbeitung ums Leben kommen. Im vergangenen Jahr wurde auch das erste Weißbuch zum Thema Karoshi herausgegeben. Eine aktuelle Befragung von 1743 Unternehmen ergab, dass in fast jedem vierten japanischen Unternehmen Mitarbeiter mehr als 80 Überstunden im Monat leisten. Bei 12 % der Unternehmen wurden sogar mehr als 100 Überstunden gezählt.

Der Fall der 24-jährigen Matsuri Takahashi, die bei der Werbeagentur Dentsu über längere Zeit mehr als 100 Überstunden im Monat arbeiten musste und sich als Folge schwerer Depressionen das Leben nahm, sorgte über Monate für eine Flut von Schlagzeilen in den japanischen Medien und entfachte eine hitzige Debatte im Land. Der überraschende Erfolg der neuen, einem Panda ähnelnden Comicfigur Aggretsuko ist ein weiterer Beleg dafür, wie stark das Thema derzeit die japanische Bevölkerung beschäftigt. Aggretsuko verkörpert die japanische Büroarbeiterin. Die Figur ist in der Hierarchie ihres Unternehmens ganz unten angesiedelt, wird mit Arbeit zugeschüttet und leistet viele Überstunden. Anders als in Japan üblich reagiert diese Panda-Figur auf den Bürostress und die Überarbeitung mit Frustration, Wut und Ärger.

In Japan wird traditionell viel gearbeitet und bisher tut sich das Land auch mit einer modernen Work-Life-Balance noch schwer. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass es anders als in Europa, keine Vorschrift für eine Mindestzeit zwischen dem Ende des einen und dem Beginn des anderen Arbeitstages gibt.

Dennoch bahnen sich Veränderungen an, denn inzwischen wird man sich auch über die volkswirtschaftlichen Kosten von übermüdeten und unmotivierten Arbeitnehmern bewusst. Der Thinktank Rand schätzt diese Kosten für Japan in der aktuellen Untersuchung „Why sleep matters“ auf bis zu 138 Mrd. $, fast 3 % des Bruttoinlandprodukts. Die Regierung steuert mit einem Programm von 400 Mio. Yen (rund 3,3 Mio. €) gegen die Überstunden.

Damit soll beispielsweise die Anschaffung einer Software zur Arbeitszeiterfassung ermöglicht werden, um Firmen einen Anreiz zu bieten, die Mindestruhezeiten zu verlängern.

Viele Firmen, etwa Yahoo, wollen die Arbeitsstundenproblematik mit der Einführung der Viertagewoche selbstständig angehen. Zahlen des japanischen Arbeitsministeriums zeigen, dass der Anteil von Unternehmen, die ihren Mitarbeitern eine Viertagewoche anbieten, innerhalb der vergangenen zehn Jahr um das Dreifache auf 8 % gestiegen ist.

Die Firmen sehen dies auch als ein Instrument der Personalpolitik. Da ein akuter Mangel an Arbeitskräften besteht, hoffen Unternehmen wie die Schnellimbisskette KFC und die Bekleidungskette Uniqlo, dass sie damit Teilzeitangestellte besser halten können. Hisao Matsuura, Stratege bei der Investmentbank Nomura, sieht allerdings auch gewisse Gefahren in der Verkürzung der Arbeitszeiten. Das Wertpapierhaus warnt, dass sie zu einem Rückgang der Arbeitsleistung führen könnte, es sei denn die Firmen würden dieses durch eine höhere Produktivität ausgleichen. Ohne derartige Anpassungen würde der Anteil der Personalkosten an den Einnahmen steigen und der Gewinn sinken.  

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