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Dienstag, 12. Dezember 2017

Kommentar

Kein Ersatz für das „echte Leben“

Von Wolfgang Schmitz | 2. März 2017 | Ausgabe 09

Als Cristina 18 Jahre alt war, erfuhr sie, dass sie Leukämie hat. Sie veröffentlichte Bilder im Netz, die zeigen sollten, dass man sich aufgrund einer schweren Krankheit nicht verstecken soll.

Wolfgang Schmitz, Redakteur: Wer sich Blößen gibt, wird schnell zum Opfer.

Sie fand Zuspruch und tröstende Worte. Dabei blieb es aber nicht. Solche unerfreulichen Themen gehörten nicht in die Öffentlichkeit, schrieben User zunächst noch zurückhaltend. Dann eskalierten die Kommentare, Demütigungen nahmen zu. „Ich hoffe, du verreckst an deinem Krebs!“ und „Was fällt dir fetten Sau eigentlich ein, deine Krebsfresse in der Öffentlichkeit zu zeigen und die Welt an deiner Hässlichkeit teilhaben zu lassen!“ sind nur zwei Beispiele für sich hochschaukelnde anonyme Hassausbrüche. Cristina verzweifelte, wurde aber von ihrer Familie und ihrer besten Freundin Annika aufgefangen. Das „echte Leben“ sei durch nichts anderes zu ersetzen, bilanziert Cristina. Und Annika fügt hinzu: „Wir beide haben viel Spaß miteinander. Am PC dagegen gibt es nicht viel zu lachen.“

Cristina ließ sich nicht entmutigen. Sie ist heute noch in den sozialen Netzen unterwegs. Nicht jeder steckt das mit solchem Mumm weg. Vor allem wenn der Rückhalt aus Familie und (wahrem) Freundeskreis fehlt.

Cristina ist nur eins von vielen Beispielen. Auf sozialen Plattformen hat alles schön bis perfekt zu sein. Wer sich Blößen gibt, wird schnell zum Opfer. Besonders verletzlich sind Menschen am Scheideweg. Wie Cristina. Oder wie Pubertierende, die zwischen Jugend und Erwachsensein schwanken: zu alt für Welpenschutz, zu jung für ein starkes Rückgrat.

Der Mensch lebt auch im Netz. Das ist gut so, es braucht aber verschärfte Regeln und Kontrollen. Nicht jedes Opfer hat die Stärke einer Cristina. Eltern, Lehrer und Psychologen dürfen nicht mit der Aufgabe allein gelassen werden, als seelische Reparaturdienste nach Hatespeech-Attacken zu fungieren. Darauf zu warten, dass sich Facebook und Co. selbst disziplinieren, ist vertane Zeit.

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