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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Arbeitsmarkt

Lockrufe aus China

Von Sebastian Wolking | 23. Februar 2017 | Ausgabe 08

Chinesische Automobilfirmen werben in Deutschland Top-Arbeitskräfte ab. Und locken mit Gehältern, die den hiesigen Rahmen sprengen.

China BU
Foto: dpa picture alliance/AP Photo/Ng Han Guan

Die Produkte des Autoherstellers Chery können sich sehen lassen, wie hier auf der Shanghai Auto Show. Deutsche Ingenieure sollen vermehrt zur chinesischen Erfolgsstory beitragen.

Die Zeiten scheinen vorbei, in denen es für BMW, Daimler und Co. gereicht hat, in den Beliebtheitsranglisten der Absolventen oben zu stehen. Internationale Konkurrenz greift mit Elektro- und selbstfahrenden Autos an und eröffnet auch deutschen Fachleuten neue Perspektiven. Vor allem chinesische Neulinge werben hierzulande eine Top-Kraft nach der anderen ab.

NextEV ist einer dieser Neuen. 2016 ließen die Chinesen ihr Elektro-Superauto NIO EP9 über den Nürburgring donnern. 313 km/h: Weltrekord für Stromer. Mehrere Investoren haben Geld in das Start-up gesteckt, darunter die chinesische Tencent Holding mit Zentrale in Schanghai. NextEV will ein Elektroauto „Made in China“ bauen, das höchsten Qualitätsansprüchen genügt.

Im Juni 2015 eröffnete das Unternehmen ein Büro in München, wo man ein Designerteam aufbaut. Schon jetzt arbeiten nach Angaben von NextEV 75 Designer aus 21 Nationen am Standort München. Für dieses Jahr sind 250 Mitarbeiter in diesem Bereich angepeilt.

Man habe viele Kräfte am Campus abgeworben, auch konventionelle Stellenanzeigen geschaltet, sagt Philipp-Maximilian Erdmannsdorffer, Sprecher von NextEV in Deutschland. Über ein Dutzend Mitarbeiter sind direkt von BMW abgeworben worden, darunter Jochen Paesen, der vorherige Head of Interior Design der Elektro-Marke BMWi.

Die Future Mobility Corporation (FMC) hatte sich schon zuvor bei BMW bedient. Anfang 2016 warb das chinesische No-Name-Start-up den Entwicklungsleiter des Hybrid-Sportwagens BMW i8 ab. Carsten Breitfeld ist nun CEO von FMC in Hongkong. Dazu kamen mit Dirk Abendroth, Chefentwickler des elektrischen Antriebsstrangs, Henrik Wenders, Leiter des Produktmanagements, und Designchef Benoit Jacob drei weitere Elektro-Fachleute von BMW. Auch Daniel Kirchert, Chief Operating Officer (COO) von FMC, hatte lange Jahre bei den Bayern gearbeitet. Vor wenigen Wochen eröffnete auch FMC ein Designerbüro in München.

Müssen sich die deutschen Automobilbauer Sorgen um ihre Fachkräfte machen? Glaubt man Jochen Tüting, gibt es darauf nur eine Antwort: ja, sogar sehr. Tüting hat für Ford in Köln gearbeitet, bis er von der chinesischen Automobilfirma Chery das Angebot erhielt, in Shanghai ein neues Entwicklungszentrum aufzubauen. Chinesische Firmen, so Tüting, kauften mit relativ aggressiven Angeboten Talente ein.

Dabei könnten attraktive Vergütungspakete mit Stellen verknüpft sein, die mehr Freiräume und Verantwortung einräumen als in deutschen Automobilkonzernen. Das Ziel, so Tüting, sei offensichtlich: Die Chinesen wollen „die Aufholjagd gegenüber den etablierten Firmen beschleunigen“.

Chery zählt noch zu den konventionellen Automobilherstellern, die mit neuen Elektro-Playern wie FMC, NextEV oder auch Tesla kaum vergleichbar sind und die eher den Heimatmarkt im Blick haben.

Das Interesse aus dem Ausland, speziell aus dem Reich der Mitte, an deutschen Automobilexperten dürfte eher noch wachsen als sinken. Laut einer McKinsey-Auswertung aus dem Juli 2016 ist China erstmals wichtigstes Herstellerland für Elektrofahrzeuge, noch vor Japan, Deutschland und den USA. Seit 2010 wurden – auch mithilfe staatlicher Förderung – 330 000 E-Autos zugelassen. „Auch wenn wir nur ein Start-up sind, sehen wir es als unsere Verpflichtung an, Talente für die gesamte Automobilindustrie in China auszubilden“, kündigte NextEV-Gründer William Li in China vollmundig an.

Die Umwälzung auf dem Arbeitsmarkt ist nicht nur auf den Stromer-Boom zurückzuführen, auch selbstfahrende Autos spielen eine Hauptrolle. Eine Auswertung der Jobsuchmaschine Indeed kam im Oktober 2016 zu dem Ergebnis, dass allein im Bereich der selbstfahrenden Technologien 2000 Jobofferten online sind — die meisten von General Motors, Google und Ford. Sogar Lucid Motors liegt in dieser Rangliste noch vor Daimler und BMW. Der US-Anbieter, vormals unter dem Namen Atieva bekannt, will einen elektrischen Luxussportwagen bauen und sucht für seinen Stammsitz im kalifornischen Menlo Park derzeit händeringend nach Ingenieuren und IT-Spezialisten.

Um die steigende Nachfrage zu decken, beschreitet die Branche auch unkonventionelle Pfade. So kündigte die Online-Universität Udacity, gegründet vom deutschen Google-Selbstfahrauto-Pionier Sebastian Thrun, ein neues Online-Weiterbildungsprogramm an. 1000 Nachwuchsingenieure sollen in neun Monaten lernen, wie man Kinematik, Sensorfusion und Deep Learning anwendet – und ihre Arbeitsmarktchancen dadurch entscheidend verbessern.

Als Bonbon wirbt Udacity damit, dass man als Self Driving Car Engineer mit Jahresgehältern zwischen 67 000 $ und 265 000 $ rechnen könne. 14 Automotive-Unternehmen beteiligen sich an dem Programm, darunter Mercedes-Benz, BMW — und auch NextEV. „Die Großen nehmen uns noch nicht ernst“, hat NextEV-Sprecher Philipp-Maximilian Erdmannsdorffer festgestellt.

Durchaus vorstellbar, dass die neuen Rivalen schnell wieder untergehen. Oder aber auf lange Sicht an den Platzhirschen aus Germany vorbeiziehen. Für den Moment jedenfalls gilt, so Tüting: „Wer Talente halten will, sieht sich nun damit konfrontiert, dass es nicht mehr ausreicht, ein in Deutschland attraktiver Arbeitnehmer zu sein.“ 

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