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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Digitalisierung

Maschine und Mensch als Kollegen

Von Chris Löwer | 29. Juni 2017 | Ausgabe 26

Erik Brynjolfsson, US-Wirtschaftswissenschaftler, glaubt, dass es nicht schlecht sein muss, wenn künstliche Intelligenz die Arbeitswelt entert.

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Foto: PeterCade/Getty Images

Widerstand ist zwecklos: Arbeitnehmer müssen sich zunehmend darauf einstellen, dass sie mit künstlicher Intelligenz konkurrieren.

Foto: ddp images/interTOPICS/Photoshot/ J. Flubacher

„Qualifikation entscheidet mehr denn je über ein erfolgreiches Arbeitsleben.“ Erik Brynjolfsson, Direktor des Zentrums für E-Business am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Künstliche Intelligenz wird etliche Mitarbeiter aus ihren Jobs kicken. Davon ist Erik Brynjolfsson überzeugt, Bestsellerautor und Direktor des Zentrums für E-Business am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Robotaxis bräuchten keinen Fahrer, Computer stellten treffsicherere Diagnosen als Radiologen, Börsenberichte würden bereits automatisiert von Rechnern geschrieben. Binnen zehn Monaten habe sich die Fehlerrate von Googles Spracherkennung fast um ein Drittel verbessert, so dass der selbstlernende Sprachassistent nun zu 85 % richtigliegt, wenn man ihn um etwas bittet.

Literaturtipp

Eine Entwicklung, die Brynjolfsson seinen Zuhörern kürzlich bei der Bostoner Technologiekonferenz „LiveWorx“ des IoT-Spezialisten PTC vor Augen führte. Dort gab er auch Einblicke in sein in dieser Woche erschienenes Buch (s. Kasten). „Maschinen, die Deep Learning beherrschen, lernen so schnell und viel wie Babys – und sind in einigen Bereichen am Ende besser als Menschen“, sagte Brynjolfsson. Etwa, wenn es um strategische Entscheidungen geht. „Ein Umstand, der die Gesellschaft grundlegend verändern wird“, ist der Wirtschaftswissenschaftler überzeugt und meint damit die Art, wie wir arbeiten, lernen und mit Technologien zusammenleben werden. „Die digitale Revolution wird unser Arbeitsleben mindestens so grundlegend verändern wie die industrielle Revolution vor 200 Jahren“, betonte Brynjolfsson.

Erik Brynjolfsson

Gemeinsam mit seinem Co-Autor Andrew McAfee entwirft er ein Zukunftsszenario, das aber gar nicht so düster sein muss, wie die Aussagen zunächst manchem erscheinen mögen. Dafür müssten allerdings Bedingungen geschaffen werden: „Mensch und Maschine müssen eng zusammenarbeiten.“ Was eher gut Gebildeten und IT-Affinen gelingen dürfte. In der digitalen Arbeitswelt von morgen werden die eher schlecht Ausgebildeten an den Rand gedrängt, ist sich der MIT-Forscher sicher: „Qualifikation entscheidet mehr denn je über ein erfolgreiches Arbeitsleben.“ Nicht nur Coden sollte eine Grundqualifikation werden, was dem hiesigen Bildungssystem schon einiges abverlangt, sondern auch Softskills wie soziale Kompetenzen, Teamfähigkeit und Kreativität – all das, was Rechner nicht beherrschen.

„Business as usual geht nicht mehr“, meinte Brynjolfsson. „Die Technik wandelt sich schnell, nicht aber unsere Fähigkeiten.“ Rund die Hälfte der 500 umsatzstärksten US-Unternehmen sei seit dem Jahr 2000 vom Markt verschwunden, vor allem aufgrund der digitalen Transformation. Für den Forscher steht eine Generation am Scheideweg: Soll sie sich an Vergangenes klammern (und sich ersetzbar machen) oder die Möglichkeiten der digitalen Revolution ergreifen (und die gibt es zuhauf)? Was heißt: sich auf die Technologien einzulassen, zu lernen, sie für sich arbeiten zu lassen. „Maschinen sind keine Zerstörer“, betonte Brynjolfsson auf der Konferenz mit Blick auf die Warner, die schon die Weltherrschaft in den Händen künstlich intelligenter Wesen wähnen. Wohin die Entwicklung gehe, hänge allein vom Menschen ab, der letztlich vorgibt, was Maschinen machen und welche Ziele sie verfolgen. Computer seien nach wie vor lausige Programmierer und die Sprache der Algorithmen spreche niemand besser als der Mensch. Zusammen seien Mensch und Maschine ein unschlagbares Team.

Im Internet der Dinge könnte diese Symbiose gelingen. Davon vermittelte die Konferenz einen Eindruck. Beispielsweise, wenn über eine Technologieplattform wie „ThingWorx“ die Datenflut von intelligenten, vernetzten Dingen und Systemen erfasst, gebündelt und analysiert wird, um sie etwa für Ingenieure nutzbar zu machen. Sie könnten dann im Idealfall diese Innovationen schneller entwickeln und auf den Markt bringen. Wartungstechniker müssten sich nicht durch dicke Handbücher quälen, weil ihnen ihre Datenbrille via Augmented Reality (AR) einspiegelt, welches Teil wie ausgetauscht werden muss. Der Job des Industriearbeiters werde nicht zwingend gänzlich verschwinden müssen.

Mensch und Maschine könnten auch hier zusammenarbeiten, so Brynjolfsson. Das zeigten heute bereits sogenannte Cobots, also „collaborative robots“, an denen z. B. Kuka arbeitet. Sie sind nicht mehr in Käfigen eingesperrt, sondern greifen und positionieren schwere Teile in der Autofertigung, so dass der Mechaniker nur die diffizile Feinarbeit erledigt oder den Prozess überwacht. Damit er dabei nicht von einem ungestümen Roboterarm ausgeknockt wird, sorgt künstliche Intelligenz dafür, dass der Roboter in unvorhergesehenen Situationen richtig reagiert. Fazit: Je händischer und routinierter die Arbeit, desto eher werden sie Maschinen übernehmen. „Künstliche Intelligenz wird hierbei den Menschen verdrängen“, ist Brynjolfsson überzeugt. Er sieht darin aber mehr Chance als Risiko.

Eltern, die ihn bei der Konferenz fragten, wie sie ihre Kinder fit für die Zukunft machen können, gab er diesen Rat: „Sie sollen das lernen, was Maschinen nicht gut beherrschen: kreativ sein, unkonventionell denken, sich vernetzen, künstlerisch sein.“ Ideal sei eine Kombination aus kreativer, geisteswissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Ausbildung.  

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