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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Digitalisierung

Mehr Angst als Zuversicht

Von Wolfgang Schmitz | 7. Dezember 2017 | Ausgabe 49

Wenn Menschen dem technologischen Wandel skeptisch begegnen, hat das viele Gründe.

Gesellschaft BU
Foto: panthermedia.net/Tyler Olson

Da hinten ist die Zukunft. Was ist hinter dem Nebel? Der Mensch, speziell der Deutsche, neigt zum Pessimismus, so Wirtschaftspsychologen.

Obwohl Ökonom, gehört es auch zu Bruno S. Freys Aufgaben, in die Tiefen menschlicher Seelen zu schauen. Schließlich widmet sich der Schweizer seit Jahrzehnten der ökonomischen Glücksforschung. In Frageform heißt das: Unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen finden Menschen ihr Glück?

Dabei hat der Wissenschaftspionier in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Die Digitalisierung hat der Menschheit zwar viele Erleichterungen und Vorteile beschert, sie hat ihn aber auch in die Abhängigkeit getrieben. Und von der versuchen sich immer mehr Digitalisierungsjunkies zu befreien. Frey spricht von „Statusumkehrung“: „Früher waren die digital Vernetzten ganz oben, heute sind es die Digitalverweigerer. Sie entgiften sich.“ Wer etwas auf sich hält und hip sein will, der schaltet im wahrsten Sinne des Wortes ab, zumindest phasenweise.

Sich der Handyritis zu entziehen, sei nur eine Lösung, um sich von den Datenschnüfflern zu verabschieden, die den gläsernen Menschen kommerziell bis auf das letzte Hemd ausnehmen wollen. Wohin die vernetzte Überwachung führen könne, zeigten die Beispiele USA und China. Mit Credit Scores, der automatisierten Vermögenskontrolle, überwachen Unternehmen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Kreditwürdigkeit von Personen. In China soll die gesamte Bevölkerung durch Citizen Score auf ihre Parteitreue hin gecheckt werden. Quertreiber werden sozial ausgegrenzt.

Wer sich digital vernetzt, sollte sich über diese Entwicklung im Klaren sein, sagte Frey auf der Tagung „Arbeit, Werte, Zukunft: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ des Roman Herzog Instituts in München. So müsse die Frage erlaubt sein, ob es wirklich nötig ist, Krankenkassen via Smartwatch mit den aktuellen Gesundheitsdaten zu versorgen. „Gehen Sie mit Ihrer Frau eine Runde spazieren. Da wissen Sie, dass das gesund ist. Dafür brauchen Sie keine kluge Uhr.“

Bei der Frage nach dem Glück stehen sich die Deutschen selbst im Weg. „Uns geht es gut, aber so wird es nicht bleiben“, sei eine typisch preußische Einstellung, haben die Kölner Wirtschaftspsychologen Detlef Fetchenhauer und Daniel Ehlebracht ermittelt. Der Gedanken an die Zukunft bleibe immer nebulös. Das bedeute Kontrollverlust und erzeuge Ängste. So würden mögliche positive Aspekte flexibler Arbeitszeitregelungen übersehen und der Status quo als die beste – weil bekannte – Lösungsvariante präferiert. Ehlebracht: „Zudem neigen Menschen dazu, wenige schlechte Aspekte stärker zu betonen als viele gute Dinge.“

Ein Trend zur Säkularisierung sei im Zuge der technischen Entwicklung unverkennbar, glauben die beiden Kölner Wissenschaftler. Durch den Verlust religiöser Werte hätten viele Menschen Halt verloren. Diese Lücke könne der Glaube an den technischen Fortschritt füllen und damit zu größerer Lebenszufriedenheit beitragen. Eine Studie aus Umfragen in 72 Ländern beweise, dass ein positiver Zusammenhang zwischen technologischem Fortschritt und einem zufriedenen Leben bestehe. Als bekennende Atheistin setzt Sabine Pfeiffer nicht auf religiösen Glauben, sondern auf die Erkenntnisse der Aufklärung, auf ein selbstbestimmtes Leben, dessen Basis die Vernunft bildet. Die Religion sei heute der dauerhafte Konsum, meint die Hohenheimer Soziologin. „Wir werden süchtig gemacht. Ist das die Welt, in der wir leben wollen? Man kann mit schönen Produkten keine Gemeinschaft schaffen.“

Bei der Frage, welche Art von Ökonomie wir wollen, geht es laut Pfeiffer weniger um Digitalisierung als vielmehr um die Verteilung. Das betreffe nicht nur Arbeitsplätze und Einkommen der Beschäftigten. „Mittelständler sind häufig nicht in der Lage, im Konzert der Großen mitzuspielen.“ Viele Menschen fühlten sich von der Entwicklung ausgeschlossen. Es fehle das Wir-Gefühl, den technisch getriebenen Wandel gemeinsam zu vollziehen.

Die Hamburger Technikhistorikerin Martina Heßler sieht in der Digitalisierung die Gefahr menschlicher Abhängigkeit. „Wir werden immer mehr zu Kollaborateuren der Roboter. Der Mensch entscheidet gemeinsam mit der Maschine, wobei wir viele Entscheidungen der Maschine nicht mehr verstehen. Die Frage ist: Welche Kompetenzen geben wir ab und welche behalten wir bei uns?“

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