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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ausstellung

Menschliche Gesten sollen Roboter inspirieren

Von Manfred Schulze | 9. November 2017 | Ausgabe 45

Das Industriemuseum Chemnitz widmet sich ab dem 17. 11. der Körpersprache von gestern und übermorgen.

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Foto: Ars Electronica Futurelab

Blick in die Ausstellung: Auch in der virtuellen Welt sind Gesten wichtig und lassen die Ebenen verschmelzen.

Für die meisten Menschen völlig unbewusst gehören Gesten zum Alltag – und das nicht nur im privaten Bereich. Gestik hat in der Industriegeschichte immer einen breiten Raum eingenommen. Und für die Zukunft erwarten Experten, dass diese sich nicht nur dem technologischen Fortschritt anpassen, sondern eine noch viel wichtigere Rolle etwa in der Mensch-Maschine-Kommunikation spielen werden. Im Chemnitzer Industriemuseum eröffnet zu diesem Thema am 17. 11. eine wohl europaweit einmalige Sonderschau.

Sonderschau in Chemnitz

„Mit Händen und Füßen“ kann sich ein Mitteleuropäer im Notfall auch in Zentralasien oder im Hochland Patagoniens verständigen. Ein nach oben gereckter Daumen heißt „alles in Ordnung“, zwei Hände, die parallel etwa an einer Unfallstelle nach unten bewegt werden, werden überall als „langsam fahren“ interpretiert und auf jeder Baustelle kennt man das Zeichen an den Kranführer, wenn es aufwärts gehen soll – auch wenn hier längst der Sprechfunk Einzug gehalten hat.

Der technische Wandel ist inzwischen schneller unterwegs, als wir mit unseren Gesten nachkommen können – man denke nur an das Symbol für „telefonieren“. Da wird in Zeiten der Smartphones noch immer mit den Fingern ein Telefonhörer simuliert, den jüngere Zeitgenossen wohl nur noch von Fotos und aus dem Museum kennen.

Warum das so ist, wie sich die Gestik über die Jahrzehnte und Jahrhunderte entwickelt hat und wie sie auf die jeweilige Kultur zurückwirkt – zu diesen Fragen gibt es an der TU Chemnitz seit Jahren einen Forschungscluster. Ellen Fricke, die maßgeblich an der Konzeption der Ausstellung beteiligt ist, hat den Lehrstuhl für Semiotik und Multimodale Kommunikation inne und betont, dass die rund 600 m2 große Schau nicht nur viele Interaktionen anbietet, sondern zugleich Teil der wissenschaftlichen Forschung sein soll. „Wir untersuchen, welche Zusammenhänge zwischen Handlungen und Gesten bestehen. Wir können daraus ableiten, wie bestimmte Prozesse in der Produktion handhabbar gemacht werden könnten.“

Denn nach wie vor sind nicht nur viele Fragen zur Gestaltung einer künstlichen Hand, etwa bei Robotern, zu klären, sondern zunehmend auch die der intuitiven Steuerung. „Wenn wir uns mit Virtual Reality durch einen Raum bewegen, bekommt die Gestik eine völlig neue Aufgabe, weil sie uns zum Beispiel mit einer wie ein Flugzeug geführten Hand zielstrebig zu einem gewünschten Punkt bringen kann“, erklärt die Professorin.

„Das historische Handhabungswissen, entstanden über die Jahrhunderte beim Töpfern, Spinnen, Hämmern oder Dengeln, droht inzwischen verloren zu gehen, auch wenn viele Gesten von heute noch darauf zurückzuführen sind“, beklagt Oliver Brehm, Direktor des Museums. Er zeigt ein Video von einer Töpferin bei der Arbeit, die die einzelnen Schritte mit Worten erklärt und gleichzeitig – mehr oder weniger unbewusst – diese Beschreibungen mit einer weitreichenden Gestik ihrer Hände, manchmal auch mit Gesichtsmimik, erklärt. Ohne diese „Körpersprache“ wäre der Vortrag eintönig, vielleicht sogar unverständlich.

Deshalb werde es in der Ausstellung mehrere Möglichkeiten geben, solche Situationen virtuell nachzuempfinden. Beteiligt hieran ist unter anderem das Ars Electronica Future Lab aus Linz, das den New Yorker Künstler Daniel Rozin mit seinem interaktiven „Wooden Mirror“ nach Chemnitz geholt hat. Hand- und Körperbewegungen eines Betrachters werden von Kameras aufgenommen und steuern 830 nicht reflektierende Holzplättchen so, dass dennoch eine Art Spiegelung entsteht.

Zu sehen ist auch eine Videoinstallation von Anette Rose aus Berlin, die in einem begehbaren Kubus zeigt, wie Wörter und Gesten bei Objektbeschreibungen zusammenwirken. In der „Augmented Hand Series“ von Golan Levins wird die Hand des Besuchers virtuell transformiert – etwa durch zusätzliche Fingerglieder. Das ermöglicht eine völlig neue Gestik – nur, so ganz leicht fällt das dem menschlichen Gehirn dann doch nicht.

Inzwischen ist sogar bereits ein Gestik-Lexikon angelegt, das durchaus von den Kollegen der Robotersparte intensiv genutzt werde, um die Schnittstelle von Mensch und Maschine weiterzuentwickeln, berichtet Fricke. So etwa, wenn ein Roboter ein Glas ergreifen soll: Der Mensch würde, anders als die Maschine, nicht die Hand auf dem kürzesten Weg zum Zugriff führen – und ist damit wesentlich zielsicherer.

Eine Besonderheit ist, dass die dokumentierten Bewegungen zwar viele Übereinstimmungen mit der Gebärdensprache von Gehörlosen aufweisen, aber dennoch eher auf einer intuitiven Ebene basieren und zudem reale Bewegungen nachahmen. Etwa 50 Gesten sind bislang hier als Grundstock erfasst und ausgiebig beschrieben und dokumentiert. Wie viele noch dazu kommen, ist derzeit nicht zu sagen, wobei auch ein internationaler Vergleich der Gestik interessant wäre.  cer

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