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Freitag, 15. Dezember 2017

Technikgeschichte

Mit einem dünnen Draht fing alles an

Von Sabine Neumann | 27. Juli 2017 | Ausgabe 30

Das Kaltwalzmuseum im Hohenlimburger Schloss ist einzigartig in Deutschland.

Bildartikel zu JamesKaltwalzmus-016.JPG
Foto: Sabine Neumann

Blick auf ein Stück Industriegeschichte: Museumsleiter Gustav Plötz steht an der Längsteilschere. Sie schneidet breites Band in schmale Streifen je nach Kundenwunsch.

Ohne Verwendung eines feinen flach gewalzten Drahtes hätten die Damen im 18. Jahrhundert das Nachsehen gehabt. Dieses flexible Material sorgte für die Stabilität der damals modischen runden Reifröcke und fand somit seinen eigentlichen – ziemlich ungewöhnlichen – ursprünglichen Einsatz in der Textilindustrie. Die 1856 erfundene Stahlreifenkrinoline war eine eigenartige Käfigkonstruktion für die Reifröcke. Dieses seltsame Gebilde hatte aber leider einen großen Nachteil: Der zunächst verarbeitete Rundstahl knickte sehr leicht ein und die Röcke verloren dadurch ihre Passform. Erst durch das Kaltwalzverfahren, entwickelt von den Drahtziehern aus Hohenlimburg, blieb ein Reifrock aus flexiblem Federbandstahl endlich auch in seiner gewünschten Form. Dieses damals neue Produkt war stabiler und dazu noch biegsamer als die zuvor verwendeten Fischbein-Konstruktionen für die Krinolinen.

Besucherinfos

Diese Historie und noch vieles mehr sind im Deutschen Kaltwalzmuseum, dem einzigen seiner Art in der Bundesrepublik, zu sehen. Seit fast 30 Jahren ist diese Ausstellung im Hohenlimburger Schloss untergebracht. Sehr anschaulich wird hier die Entwicklung des Kaltwalzens erklärt; aus den ehemaligen Drahtziehern wurden später wahre Kaltwalzspezialisten. „Walzen ist ein Umformvorgang,“ erklärt Museumsleiter Gustav Plötz, „denn der bereits produzierte Stahl wird zwischen zwei gegeneinander laufenden Walzen, die mit hohem Druck aufeinander gepresst werden, hindurchgeführt. Das Walzen bei Raumtemperatur heißt Kaltwalzen; bei künstlich erhöhter Temperatur des Bandes Warmwalzen.“

Die Kaltwalzindustrie entwickelte sich seit 1830: Verschiedene Modifikationen des Verfahrens, beispielsweise durch Kombination mehrerer Walzen, führten zu ständigen Verbesserungen, um Bleche zu Bandstahl in beliebiger Dicke und Eigenschaft zu pressen. Das Kaltwalzen ist die Umformung eines sogenannten Breitflach-Produktes (Walzgut), das unter seiner Rekristallisationstemperatur mit mechanischen Vorrichtungen – meist bei Raumtemperatur ohne Materialerhitzung – hergestellt wird. Mit dieser ausgeklügelten Kaltwalztechnik arbeiteten die Drahtzieher, die größtenteils im Nachbarort Altena wohnten und dort auch ihrer beruflichen Tätigkeit nachgingen. Der Fabrikant J. P. Hüsecken galt als Vorreiter auf diesem Gebiet und hatte sich für die Kaltwalz-spezialisierung starkgemacht. Von Alfred Krupp erhielt er 1830 die ersten geschliffenen und gehärteten Stahlwalzen. Ein entsprechender Brief ist im Deutschen Kaltwalzmuseum zu sehen. Auch für die Textilindustrie war Bandstahl vielseitig verwendbar: Die Kämme („Weberiete“) der Webstühle wurden aus Bandstahl angefertigt, die sich bei der dauerhaften Benutzung als sehr haltbar erwiesen.

Vereinsarbeit

Viele Drahtziehereien und Kaltwalzbetriebe siedelten sich im Laufe von Jahrhunderten in und um Hohenlimburg und Altena an, um Stahlbänder und Spezialdrähte zu produzieren. Noch heute entstehen bis zu 70 % der deutschen Kalt- walzerzeugnisse im Lennetal in der Nähe von Hagen. Auch bei der Fahrradherstellung verwendet man den biegsamen Bandstahl: Zu finden in den geschweißten Rohren für den Rahmen und in den Felgenprofilen. Der Laschenbandstahl wurde für die Fahrradketten und der Glockenbandstahl für die Fahrradklingeln verwendet. Kaltband ist unersetzlich geblieben: In Autos, Elektro- und Sportgeräten sowie auch in Kinderblechspielzeug „versteckt“ sich dieses feine Material. Auch an den Kanten für Skier und Snowboards findet man Stahlprodukte aus dem Hohenlimburger Raum. Und Röhrenbildschirme für Fernseher und PC waren ohne Schattenmasken aus Bandstahl undenkbar. Auch wenn heutzutage immer mehr Kunststoff zum Einsatz kommt, für die Automobilindustrie sind die Kaltbandprodukte unersetzlich geblieben.

Damit die Besucher eine Vorstellung über die Arbeit und die Anfänge des Kaltwalzens bekommen, wurden einige alte Maschinen aus Bandstahlwerken und Dokumente im Kaltwalzmuseum ausgestellt, wie beispielsweise der Brief von Alfried Krupp, in dem er die Auslieferung von nicht brechenden geschmiedeten Walzen ankündigte.

Foto: Sabine Neumann

Das war die Arbeitskleidung eines Kaltwalzers bis zum Zweiten Weltkrieg.

Ein kleiner Film lädt die Besucher ferner zu einer Betriebsbesichtigung in ein Kaltwalzwerk ein. An der Herstellung ist viel verändert worden: Die Geschwindigkeit, Produktivität und Präzision hat sich im Laufe der Jahrhunderte wesentlich verbessert. Ehrenamtliche Helfer, die früher in diesem Beruf tätig waren, führen die Besucher gerne durch „ihr“ Museum. Einer von ihnen ist Gustav Plötz, der als gelernter Schlossermeister 41 Jahre lang in der mechanischen Werkstatt im Kaltwalzwerk von Krupp Hohenlimburg tätig war. Seit 22 Jahren führt er die Besucher durch „sein“ Kaltwalzmuseum und ist stolz darauf, in acht Räumen die historischen Maschinen und Geräte zeigen zu dürfen:

Gustav Plötz führt seine Besucher auch gern zu den „Wurzeln“ zurück, zeigt stolz in einem gläsernen Schaukasten die Stahlreifenkrinoline und erklärt dabei, dass die Hohenlimburger Drahtzieher ihren Draht flach auswalzten und den Antrieb durch die Wasserräder an den Bächen bekamen. Nur so entstand der flexible Federbandstahl, der unter den Reifröcken der feinen Damen verschwand und auch seine gewünschte Form behielt.  

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