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Dienstag, 12. Dezember 2017

Digitalisierung

Ohne die Bereitschaft der Belegschaft stockt die Vernetzung

Von Sabine Hense-Ferch | 18. Mai 2017 | Ausgabe 20

Neue Szenarien in der Vernetzung von Produktionsanlagen, Mitarbeitern und Kunden gelingen nur, wenn die Belegschaft mitzieht.

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Foto: panthermedia.net/branex

Mitarbeiter müssen von neuen Technologien überzeugt sein, um effektiv mit ihnen zu arbeiten. Aufklärung kann Wunder wirken.

Gelebte Industrie 4.0: Autozulieferer BorgWarner in Ludwigsburg fertigt im Dreischichtbetrieb Zündkerzen. Muss auftragsbedingt eine Sonderschicht am Wochenende eingelegt werden, wird neuerdings per „Schicht-Doodle-App“ abgefragt, wer aus der Belegschaft Zeit hat: Alle Mitarbeiter bekommen gleichzeitig die Anfrage per Smartphone, E-Mail oder über das Stempelkartenterminal und können sich per Klick zur Schicht melden. Niemand muss sich mehr per Hand in Listen eintragen, keiner kann sich mehr beschweren, dass er zu spät informiert wurde.

Was Entscheider sagen

Das System hat sich hervorragend etabliert, zum beiderseitigen Nutzen von Angestellten und Arbeitgeber. Während die Mitarbeiter selbstbestimmt ihre Arbeitszeit mit dem Privatleben vereinbaren können, hat das Unternehmen ein schnelles Feedback über die Verfügbarkeit seiner Leute und kann flexibel auf Kundenanfragen reagieren. Das Tool berücksichtigt Kompetenzen ebenso wie Urlaubspläne. 2014 gab es für diese pfiffige Idee den Sonderpreis des „Industrie 4.0 Awards“, der jährlich von ROI Management Consulting aufgelegt wird. „Uns hat diese App für innovative Arbeitsorganisation überzeugt, weil alle Beteiligten gleichermaßen zufrieden damit waren: Mitarbeiter, Schichtmeister und Unternehmensleitung“, so Werner Bick von ROI.

Die Möglichkeiten der Digitalisierung setzen derzeit bei vielen Unternehmen Änderungen in Gang, doch nicht überall werden sie durchweg positiv gesehen. Wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Unternehmensberatung Kobaltblau unter Entscheidern unterschiedlicher Branchen zeigt, befürchten die Führungskräfte bei 69 % ihrer Mitarbeiter Kompetenzdefizite. Ängste vor Arbeitsplatzverlust und Orientierungslosigkeit im Umgang mit der neuen Technik kommen hinzu. „Ohne Mitarbeiter und ihr Know-how kommt aber keine Veränderung zustande. Die Reaktion der Mitarbeiter auf das, was digitale Technik kann, hängt davon ab, wie das Unternehmen sie verkauft“, sagt Hans-Werner Feick, Geschäftsführer bei Kobaltblau.

„Wenn kommuniziert wird, dass neue Programme, Plattformen und Geräte die Chance für Wachstum bergen, dann sind auch die Mitarbeiter dabei“, so Feick. Aufhalten lasse sich Digitalisierung ohnehin nicht mehr, auch das Tempo der Umsetzung sei ungebremst. „Unternehmen haben die Relevanz erkannt. Während im Dienstleistungssektor neue technische Möglichkeiten vor allem die Kommunikation mit Kunden verändern, setzt die Industrie auf neue Schnittstellen in Produktionsprozessen.“

Wie lassen sich Mitarbeiter auf diesem Weg mitnehmen? „Wir stellen immer wieder fest, dass die Entscheidung für Digitalisierung über die Köpfe der Mitarbeiter hinweg getroffen wird. Besonders ältere Kollegen fühlen sich durch neue Gerätetypen wie Datenbrillen eingeschüchtert und benötigen länger, um ihre Vorurteile abzubauen“, sagt Anne Prokopp, Content Specialist bei der Itizzimo AG, die Apps und Plattformen für den Maschinen- und Anlagenbau sowie Energieversorger erstellt. Diese digitalen Programme vereinfachen Produktions- und Wartungsprozesse, erleichtern das Antragswesen und sorgen dafür, dass Teile in der Produktion schneller an ihrem Platz liegen. So werden mit Apps programmierte Datenbrillen dazu verwendet, um Bauteile aus dem Lager passgenau identifizieren zu können, bevor sie an die Produktion weitergereicht werden.

„Um die Mitarbeiter als Endnutzer für die Anwendung zu gewinnen, ist entscheidend, sie in Konzeption und Entwicklung einzubeziehen“, ist Prokop überzeugt. Die zu klärende Frage sei: Was müssen Programme können, um Arbeitsprozesse zu erleichtern? Ist das geklärt, wird von einer App ein Mockup erstellt, das ein Bild vermittelt, wie das Programm aussehen könnte. „Gruppen von Endnutzern testen es in einem ‚Proof of Concept‘, neue Arbeitsbedingungen werden simuliert.“ Das Einbeziehen in den Entstehungsprozess erhöhe so die Akzeptanz.

Ähnlich sieht das Boris Kaapke, Sprecher des Telekommunikationsunternehmens BT, das Kunden mit Telefonanlagen und hochauflösenden Videowänden für Konferenzen ausstattet. „Wenn komplexere Tools eingeführt werden, sind oft Change-Management-Projekte erforderlich, weil die Mitarbeiter zu Beginn oft skeptisch sind – besonders bei Firmen, die einen Innovationsstau hatten.“ Hilfreich sei es, einen Teil der Belegschaft die neue Technik vorab ausprobieren zu lassen, manche größere Firmen richteten dafür eigens einen Showroom ein. „Wenn man diese Multiplikatoren gewinnt und von den Veränderungen begeistert, nimmt man auch den anderen Mitarbeitern die Angst.“

Auch Werner Bick von ROI Management Consulting sieht die Hindernisse für die digitale Revolution im Unternehmen nicht unbedingt in der Belegschaft: „Die Mitarbeiter sind selten das Problem. Sie sind flexibel und aus dem privaten Umfeld an den Umgang mit Smartphone und Tablet gewohnt. Viel schwieriger ist es mitunter, das Management für Neues zu gewinnen. Die oberste Führungsebene wartet manchmal zu lange, weil sie den Nutzen nicht sieht oder nicht technikaffin ist.“ „Ist der Anfangswiderstand in der Führungsebene gebrochen, ist vor lauter Aufbruchstimmung kein Halten mehr.“ ws

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