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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ausstellung

Pilotinnen ist nichts verboten

Von Renate Ell | 20. April 2017 | Ausgabe 16

„Fliegen zwischen Traum und Wirklichkeit“ in der Flugwerft Schleißheim zeigt, wie Frauen es schafften, trotz gesellschaftlichen Gegenwinds ihren Traum vom Fliegen wahr zu machen.

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Foto: B.-Archiv

Melli Beese (1886–1925) machte in Deutschland als erste Frau den Pilotenschein.

Als 1985 die zwei ersten Frauen ihre Flugausbildung bei der Lufthansa begannen, bemühte sich die Fluggesellschaft ganz offiziell um eine korrekte Bezeichnung ihrer späteren Tätigkeit: Mit der Gesellschaft für Deutsche Sprache stimmte sie die neue Berufsbezeichnung „Kapitänin“ ab. Pilotinnen hingegen gab es in Deutschland schon lange: 1911 machte Melli Beese (1886–1925) als erste Frau ihren Pilotenschein. Außer ihr saßen vor dem Ersten Weltkrieg nur zwei weitere Frauen am Steuerknüppel, aber 814 Männer. Die ersten Pilotinnen hatten ganz praktische Probleme: Was sollten sie anziehen in einer Zeit, als lange Röcke und Korsetts üblich waren? Pluderhosen waren der Ausweg.

Königinnen der Lüfte

Der Erste Weltkrieg gab der Fliegerei einen starken Auftrieb, die Zahl der Piloten vervielfachte sich – und der Frauenanteil sank. Fliegen im Krieg galt als technisch anspruchsvoll und gefährlich, wurde mit den männlichen Tugenden Mut, Tapferkeit und Stärke verbunden. Die ursprünglichen Motive Freude an der Fliegerei und Fortschrittsglaube, die Männer und Frauen teilten, traten in den Hintergrund.

Thea Rasche (1899–1971) sah in der Fliegerei die Völker verbindenden und friedensstiftenden Möglichkeiten. Sie reiste in die USA, aber ihre Pläne, als erste Frau den Atlantik zu überqueren oder in einem Friedensflug die Welt zu umrunden, scheiterten an fehlender Finanzierung. Es war dann Elly Beinhorn (1907–2007), die durch ihre Rekordflüge über die Kontinente berühmt wurde. Tausende Zuschauer kamen zu ihren Starts und Landungen, sie war ein Medienstar.

Fliegende Frauen zierten nicht selten die Titelblätter von Technikzeitschriften, gern im tief ausgeschnittenen Abendkleid. Sie waren meist unverheiratet – die Fliegerei war als exotische Beschäftigung vor der Ehe gerade noch akzeptiert. Auch Elly Beinhorns Karriere endete mit ihrer Heirat 1936. Die Medienberichte changierten zwischen Bewunderung für ihre Leistungen und ihre Anmut einerseits und Berichten über ihre Unfälle andererseits.

Foto: Bundesarchiv

Hanna Reitsch (1912–1979) ließ sich von den Nazis instrumentalisieren und war Testpilotin. Sie distanzierte sich später nicht von der NS-Ideologie.

In den frühen Jahren der Fliegerei hatten Frauen es schwerer als Männer, ihre Leidenschaft zu finanzieren: Kommerzieller Passagiertransport war ihnen ab 1925 untersagt, mögliche Einnahmequellen waren Wettbewerbe oder Werbeflüge. Noch schwieriger wurde es in der Zeit des Nationalsozialismus, als Pilotinnen erst recht nicht ins Frauenbild passten.

Ein paar Betätigungsmöglichkeiten gab es immer noch für flugbegeisterte Frauen: Beate Uhse (1919–2001) arbeitete in den 1940er-Jahren bei verschiedenen Flugzeugherstellern und als Deutschlands jüngste Stuntpilotin bei der UFA. Ab 1944 überführte sie sogar Flugzeuge für die Luftwaffe. Uhse beschrieb diese Flüge später als „gefährliche Himmelfahrtskommandos“; 1945 geriet sie in britische Gefangenschaft. Auch Hanna Reitsch (1912–1979) flog Militärmaschinen, ab 1937 als Testpilotin. Und sie wirkte als Demagogin: mit Vorträgen, in denen sie die Jugend zum Einsatz für das Vaterland aufforderte und mit einem Besuch an der Ostfront 1943. Anschließend schlug sie Adolf Hitler den Einsatz von Selbstopfer-Flugzeugen vor. Reitsch war nie NSDAP-Mitglied, setzte sich aber auch nach Kriegsende in ihren Büchern nie kritisch mit der NS-Ideologie auseinander. Als Testpilotin arbeitete sie ab 1954 an der wiedergegründeten Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt und war 1968 Gründungsmitglied der Vereinigung Deutscher Pilotinnen.

Die kleine Ausstellung „Fliegen zwischen Traum und Wirklichkeit“ in der Flugwerft Schleißheim des Deutschen Museums zeigt, wie Frauen es schafften, trotz gesellschaftlichen Gegenwinds ihren Traum vom Fliegen wahr zu machen. Mit viel Hartnäckigkeit – oder indem sie sich von den Herrschenden für ihre Ziele instrumentalisieren ließen. Ein zweites Thema der Ausstellung ist die Rezeption der Frauenfliegerei in der Gesellschaft: Pilotinnen waren Stars, von denen es Ansichtskarten und Zigaretten-Sammelbildchen gab, die Bücher über ihre Flugabenteuer veröffentlichten oder die wie Thea Rasche Werbung für Hautcreme machten. Zitate von Pilotinnen an einer Hörstation und Biografien an einer Lesestation vervollständigen das Bild.

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Thea Rasche (1899–1971) sah in der Fliegerei friedensstiftende Möglichkeiten. Das Foto ist aus dem Jahr 1926.

Wie wenig selbstverständlich Pilotinnen oder Kapitäninnen bis heute sind, zeigen einige markante Ausstellungsstücke. Etwa das Faschingskostüm „Pilotinnen-Uniform“ von 2015: ein dünnes Kleidchen mit sehr kurzem Minirock und dem Werbespruch „Wow, hier werden Männerträume wahr!“. Oder eine Piloten-Barbie, für die, obwohl passender gekleidet, etwa dasselbe gilt. 2015 flogen für die Lufthansa 300 Pilotinnen, 40 von ihnen als Kapitänin. Das entspricht nur 6 % ihrer Piloten – aber immerhin wurde nicht wahr, was der Leiter der Lufthansa-Verkehrsfliegerschule in den 1970er-Jahren prophezeite: „Eher wird eine Frau Boxweltmeisterin im Schwergewicht als Pilotin bei der Lufthansa.“  cer

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