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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

projekt

Praktiker erwecken die Theorie zum Leben

Von Ines Gollnick | 18. Mai 2017 | Ausgabe 20

Ingenieure unterrichten an Schulen und geben einen Einblick in den Beruf. Bislang sind 90 Schulen in Deutschland beim Projekt „Junior Ingenieur Akademie“ mit von der Partie.

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Foto: Hochschule Bonn/Rhein-Sieg

Schüler des Hardtberg Gymnasiums Bonn machen sich im externen Unterricht – unterstützt von echten Wissenschaftlern – mit elektronischen Bauteilen vertraut.

Sie bieten bieten Schülern im Rahmen der „Junior Ingenieur Akademie“ (JIA) die Möglichkeit, ihre im Unterricht erworbenen Erkenntnisse in der Praxis anzuwenden: Ingenieure. Davon profitieren beide Seiten. Die JIA ist ein Projekt der Deutsche Telekom Stiftung für den technikorientierten Unterricht in der Mittelstufe an Gymnasien. Die JIA ist ein technikorientiertes Wahlpflichtfach, das auf zwei Jahre angelegt und fest im Lehrplan der Mittelstufe an Gymnasien verankert ist,

Eine dieser Ingenieure, die ihr Wissen weiter vermittelt, ist Josefa Wittbold. Sie hat ihre ersten Stunden in einer achten Klasse am Bottroper Josef-Albers-Gymnasium hinter sich gebracht. Es ist gut gelaufen. Die Diplom-Ingenieurin hat wissbegierige Schüler erlebt. Im Unterrichts wurden sie vor die Herausforderung gestellt, einen Planungsentwurf zur Umfunktionierung eines Gebäudeteils der Schule zu konzipieren. Die Expertin begutachtete diese Arbeit und verdeutlichte, welche Punkte für eine Gebäudeplanung relevant sind.

Dabei lernten die Schüler, dass bei der Aufgabe, eine Turnhalle in ein Jugendzentrum umzubauen und es zu gestalten, viele Aspekte zu berücksichtigen sind. So musste die Idee, in der oberen Etage ein Café einzurichten, verworfen werden, weil der Rettungsweg nicht mehr zugänglich war. Dank der „Gastlehrerin“ erfuhren die Gymnasiasten in einer weiteren Unterrichtseinheit Wissenswertes über die Wärmedämmung von Fachwerkhäusern.

Die Ingenieurin hatte Mineralwolle und Holzwolle in verschiedener Dichtung und Auflösung im Gepäck. Ihre Schüler wissen jetzt, wie sich diese Materialien anfühlen. Die Schüler mussten in diesem „Praxisunterricht“ die Frage klären, wie welche Dämmungen in einem Gebäude wirken. Um das herauszufinden, bauten sie ein kleines Häuschen und dämmten dieses mit verschiedenen Materialien wie Kunststoff, Styropor, Holzschnitzeln und Holzwolle.

Wittbold gab ihr Expertenwissen als Energieberaterin an die Jugendlichen weiter. „Bei jedem Gebäude muss man immer wieder neu denken und neue Themen durchspielen. Kein Objekt ist wie das andere“, erfuhren die Schüler aus erster Hand. Dass am Ende die Schülerideen von einer Ingenieurin, die solche Fälle aus dem echten Leben kennt, bewertet wurden, machte es für die experimentierenden Lernenden so interessant.

Jugendliche stundenweise zu unterrichten, unterstützt durch einen Fachlehrer an ihrer Seite, ist für die Statikerin und Konstrukteurin, die sich unter anderem mit der Standsicherheit von Fachwerkhäusern befasst, eine neue Erfahrung. Sie entschied sich vor eineinhalb Jahren, jungen Menschen, insbesondere Mädchen, etwas von ihren Erfahrungen aus der beruflichen Praxis mitzugeben, „weil diese Arbeit als Ingenieurin viel Freude macht“.

Das Ingenieurwesen sei keineswegs nur eine Männerdomäne, rückte sie vor ihren aufmerksamen Zuhörern das Bild von jungen Frauen im Beruf gerade. Sie will deutlich machen, wie Ingenieuren denken. Schritt für Schritt logisch an eine Problemstellung heranzugehen, ist für sie tägliches Brot. Wenn die Jugendlichen spüren, wie sie für ihren Beruf brennt, springt der Funke über. Da ist sich Wittbold sicher. Kein Wunder, dass sie die Schüler nach ihrem persönlichen Karriereweg fragen. Heraus sticht: Als erste Frau in NRW erhielt sie vor zwanzig Jahren die staatliche Anerkennung als Sachverständige für die Prüfung des baulichen Brandschutzes.

Josefa Wittbold kann sich durchaus vorstellen, mit ihrem Einsatz dazu beizutragen, dass Schüler ein ingenieurwissenschaftliches Studium anpeilen. „Die Akademie ist ein etwas anderer Unterricht. Der Praxisbezug kann die Jugendlichen motivieren, ein Praktikum zu machen. Das wäre ein erster Schritt.“ Gebäudeplanung ist nur eines der Themen am Josef-Albers-Gymnasium, das die JIA seit 2010 umsetzt. Daneben beschäftigen sich die Jungen und Mädchen mit Brückenbau, Verkehrsplanung und Wasserwirtschaft. Die Schule gehört dem bundesweiten Netzwerk von fast 90 Schulen an, die die „Junior Ingenieur Akademie“ eingerichtet haben.

Zu diesem Netzwerk zählt auch das Hardtberg Gymnasium in Bonn, dass unter anderem mit der Fachhochschule Bonn/Rhein Sieg kooperiert. Die Jugendlichen lernen im Rahmen der JIA nicht nur „echte“ Wissenschaftler kennen, sondern arbeiten auch in denselben Labors wie die Studierenden der FH. Die Ingenieure Christopher Schirrmeister und Christoph Mauel, beide wissenschaftliche Mitarbeiter im Fachbereich Elektrotechnik, Maschinenbau, Technikjournalismus (EMT) an der Fachhochschule in Sankt Augustin, konzipierten den Kurs „Elektronik zum Anfassen“.

Dieser Kurs bietet den Schülern die Chance, sich mit den verschiedensten elektronischen Bauteilen vertraut zu machen. „Ob Leuchtdioden und Transistoren für Jugendliche interessant sind, hängt auch davon ab, wie man sie präsentiert“, sind die Wissenschaftler überzeugt, die ihren Kurs als Tandem stemmen. Denn fast 20 Jugendliche an drei Terminen mit einem engen Zeitplan zu betreuen, ist auch für sie eine Herausforderung, allerdings eine, die ihnen sehr viel Freude macht, weil sie Begeisterung für Technik weckt. Wenn die Gymnasiasten zur Fachhochschule kommen, erleben sie, dass ein technisches Studium nicht nur aus Formeln besteht. Wie faszinierend angewandte Elektronik sein kann, ist die Kernbotschaft des Kurses. Deshalb machten die beiden Ingenieure die Jugendlichen nicht nur mit verschiedenen elektronischen Bauteilen vertraut.

Auch das Einsetzen von Leuchtdioden, Widerständen und Transistoren stand auf dem Programm. Die größte Herausforderung war der Einstieg in die Mikro-Controller-Programmierung und das Umsetzen von Kleinprojekten im dritten Abschnitt des externen Unterrichts. „Wenn es um die Herstellung elektronischer Bauteile geht, haben die Schüler beim Bau eines LED-Thermometers oder eines temperaturgesteuerten Lüfters erste Erfolgserlebnisse“, unterstreicht Christopher Schirrmeister.

Für die Mathematik- und Physiklehrerin Mone Veismann, die die Schüler der Mittelstufe in dem Wahlpflichtfach unterrichtet, hat die Zusammenarbeit mit den erfahrenen Wissenschaftlern noch einen anderen Effekt, der ihr als Pädagogin wichtig ist. Die Schüler erfahren, dass sie gebrauchen können, was sie da lernen. Außerdem würden schulische Inhalte durch die praktische Umsetzung an einem anderen Schauplatz glaubwürdiger. Die Erfahrung, dass da eine Koryphäe steht, die vorlebt, was man mit dieser Ausbildung machen kann, könne für die Schüler sehr motivierend sein.

Die Ingenieure hoffen natürlich, dass sie mit ihrem Engagement dazu beitragen, dass die Schüler leichter den Übergang von der Schule zur Hochschule schaffen, auch wenn dieser Schritt in Klasse 9 noch sehr weit weg erscheint.  

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