Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Donnerstag, 23. März 2017, Ausgabe Nr. 12

Donnerstag, 23. März 2017, Ausgabe Nr. 12

Wissenschaft

Professorenritt auf einer Schnecke

Von Wolfgang Schmitz | 9. Februar 2017 | Ausgabe 06

Karrierewege in der Wissenschaft sind für Frauen meist steiniger als für Männer. Gleichstellung brauche nicht nur einen kulturellen Wandel, sondern auch Verbindlichkeit, meinen Professorinnen.

Frauen BU
Foto: dpa picture alliance/Süddeutsche Zeitung Photo Florian7Peljak

Wunschdenken: Gäbe es mehr Studentinnen in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern, würde auch die Zahl der Professorinnen steigen. Viele stoßen jedoch auf ihrem Karriereweg an eine meist von Männern installierte gläserne Decke.

Es ist erst gut zehn Jahre her, da nahm die Diskussion um die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Wissenschaft Fahrt auf. Ernst Theodor Rietschel erinnert sich: „Damals waren nur rund 15 % der Professoren in Deutschland weiblich. Nach der ersten großen Gender-Konferenz herrschte Aufbruchstimmung. Die Diskussionen sollten in neue Dimensionen führen und die Zahl der Frauen in Spitzenpositionen erhöhen.“

Ingenieurinnen sind in der Professorenschaft rar

Für den Gründungsdirektor des Berlin Institute of Health und ehemaligen Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft ist die Szene in Bewegung geraten, bei einem aktuellen Anteil von fast 23 % gleiche die Entwicklung aber dem „Ritt auf einer Schnecke“. In spätestens zehn Jahren müsse eine kritische Menge von 30 % bis 40 % erreicht sein, um Geschlechtergerechtigkeit im Wissenschaftssystem zu verselbstständigen und zu etablieren.

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen seien allerdings schon einmal besser gewesen, sagte Rietschel auf der Konferenz „Gender 2020“ in Bielefeld. Die Entwicklungen in vielen Ländern, ob Polen, Ungarn, Frankreich, den Niederlanden, der Türkei oder den USA, gäben Anlass zur Sorge. Nationalisten redeten der Rückkehr der Frau an Heim und Herd das Wort und forderten „Schluss mit dem Genderwahn“. Das gelte in Deutschland auch für „unsägliche Bewegungen wie die AfD“, dessen Vorsitzende sogar eine wissenschaftliche Karriere hinter sich habe.

Um das Ziel zu erreichen und um sich nicht gegenseitig zu behindern, schlägt Rietschel die Bündelung der wichtigsten Gender-Projekte von Bund, Ländern, Deutscher Forschungsgemeinschaft und Hochschulen vor. Verbindliche Gleichstellungsstandards sowie klare Zeitvorgaben für die Projektumsetzung sind weitere Eckpunkte, die in einer Deklaration zusammengefasst werden könnten.

Die Initiativen wirkten bereits, sagte in Bielefeld Uschi Baaken aus dem Vorstand der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen. „Dennoch bleiben die Erfolge hinter den Erwartungen zurück.“ Der Anteil an Professorinnen sei zwar kontinuierlich gestiegen, unterscheide man jedoch nach dem Verdienst, offenbarten sich Unstimmigkeiten: „Je höher die Besoldungsgruppe, desto niedriger der Anteil der Wissenschaftlerinnen.“ Auf befristeten Stellen und Teilzeitstellen arbeiteten mehr Frauen als Männer. Zudem seien die Rollenverteilungen immer noch klassisch geprägt, sodass Wissenschaftlerinnen sich stärker als ihre Partner um die Familie kümmern müssten. „Hier wirken die tradierten Hierarchiemuster noch stark.“

Die bislang praktizierten Programme stützten sich auf Selbstverpflichtungen der Hochschulen, seien weder mit Anreiz- noch mit Sanktionsmechanismen ausgestattet, Unterschiede zwischen Karrieren an Universitäten und Fachhochschulen würden zu wenig berücksichtigt. Uschi Baaken: „Solange es keine allgemeinen Standards für die Wissenschaft gibt, so lange bleibt die Gleichstellung unverbindlich.“

Foto: Inga Haar

„Das Mehr an Frauen in der Wissenschaft geht nicht mit einem Reputationsgewinn einher.“ Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

Die unterschiedliche Bezahlung sei ein Problem, die mangelnde öffentliche Wahrnehmung von Professorinnen ein anderes, meint Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. „Das Mehr an Frauen in der Wissenschaft geht nicht mit einem Reputationsgewinn einher.“ Um das zu ändern, brauchten Wissenschaftlerinnen mehr Freiräume und weniger Gremienarbeit, mehr Karriereberatung statt Quotenregelung. Generell seien die Qualitätskriterien wissenschaftlicher Karrieren zu überdenken, fügte Ulrike Beisiegel, Vizepräsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), an. „Es darf nicht mehr nur um die Einwerbung von Drittmitteln und die Anzahl der Publikationen gehen, sondern auch um Kriterien wie Führungskompetenz.“ Als Koordinationszentrale wäre ein Bundesgleichstellungsrat sinnvoll.

Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und Professor für Umformtechnik, warnt vor Aktionismus, ein Kulturwandel koste Zeit. Gleichstellungsstandards als regulatorische Basis des Wandels gebe es bereits seit 2008. „Ein Ingenieur wie ich rechnet so etwas gerne aus. Bei Qualifizierungszeiten von mindestens 20 Jahren, die es vom Studieneinstieg bis zur Professur braucht, sollten wir Geduld aufbringen und den eingeschlagenen Weg in Ruhe weiterverfolgen.“ Ein gravierender Denkfehler sei, für alle Fachbereiche die gleichen Quoten einzufordern. „Auch wenn wir die Hochschultüren für weibliche Führungskräfte noch so weit öffnen, werden wir in Maschinenbau und Elektrotechnik nicht ähnlich viele Frauen gewinnen wie in vielen anderen Disziplinen.“

Die Entscheidung für oder gegen eine Wissenschaftskarriere würde nicht an Hochschulen getroffen, sondern in der Gesellschaft, mahnte HRK-Präsident Horst Hippler. Die deutsche Wirtschaft hätte Anfang der 90er-Jahre ein Eigentor geschossen, als die Wiedervereinigung auf die Konjunkturflaute stieß, man zahlreiche Ingenieurinnen vor die Tür setzte und dem Beruf viel von seiner Attraktivität nahm. Dieser Fehler wirke bis heute nach.

stellenangebote

mehr