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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Kommunikation

Pulverfass Politik

Von Sebastian Wolking | 22. Juni 2017 | Ausgabe 25

Die Meinungen gehen auseinander: Ist es sinnvoll, sich mit Kollegen auf den politischen Disput einzulassen? Eine Stimmensammlung.

Politik BU
Foto: panthermedia.net/Scott Griessel

„Was? Der Kollege wählt tatsächlich ...?“ Wer seine politische Gesinnung kundtut, muss unliebsame Reaktionen einkalkulieren.

Die türkische Politik und die von US-Präsident Donald Trump, das Wirken von Wladimir Putin oder die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel – politische Diskussionen werden im Wahljahr 2017 auch vermehrt zwischen Kaffeeküche und Kantine geführt, sind aber ein Minenfeld. Wie kann man sie entschärfen?

Politikdiskussion im Büro: So geht es

Als sich Kevin Plank, CEO von dem Sportartikelhersteller Under Armour, im US-Fernsehen positiv zu Donald Trump äußerte, löste er damit auch in Deutschland heftige Reaktionen aus. Plank hatte Trump in einem Interview im Februar als „echten Gewinn“ für das Land bezeichnet. Under Armour ist Ausrüster des FC St. Pauli, der für seine linksalternative Fanschaft bekannt ist. Und so sah sich der deutsche Fußball-Zweitligist bemüßigt, per Pressemitteilung zu antworten. Man wünsche sich, so St. Pauli, „dass Under-Armour-Gründer Kevin Plank seine Aussage überdenkt“. Eine öffentliche Maßregelung für einen wichtigen Geldgeber aufgrund einer politischen Äußerung – das gab es lange nicht mehr. Die Frage drängt sich auf: Was würde passieren, wenn sich ein Mitarbeiter der Pauli-Geschäftsstelle positiv über den US-Präsidenten äußern würde?

Beim Chef lieb Kind machen

Prinzipiell ist die Meinungsfreiheit auch am Arbeitsplatz von der Verfassung gedeckt. Zwar gibt es Ausnahmen (etwa das Neutralitätsgebot in der öffentlichen Verwaltung), aber vom Grundsatz her darf jeder seine Meinung offen und frei vertreten. Aber ist es clever, das auch wirklich zu tun?

Ja, sagt Jack Welch. „Sie sollten immer ihr ganzes Ich mit zum Arbeitsplatz bringen“, riet der ehemalige CEO von General Electric voriges Jahr, noch vor der heißen Phase des US-Präsidentschaftswahlkampfs, in einem Blogbeitrag. „Sie sollten Ihre Interessen und Leidenschaften mitbringen. Sie sollten Ihre Authentizität mitbringen. Also bringen Sie auch Ihre politische Meinung mit zur Arbeit.“ Andernfalls verbringe man 40 bis 50 Stunden pro Woche mit Heucheleien und Fake-Konversationen. „Ich könnte im Büro nicht nicht über Politik reden, selbst wenn ich es versuchte.“

„Das überzeugt mich nicht“, schrieb Jessica L. Benjamin in einer Replik. Benjamin arbeitet für die Jobplattform Monster und hat sich dort bis zur Teamleiterin hochgearbeitet. „Meine politische Weltsicht hat sich in der Highschool verfestigt. Ich bin bei Dingen, an die ich glaube, sehr leidenschaftlich. Trotzdem versuche ich das Thema in meinem Berufsleben auszuklammern.“ Eine weise Entscheidung?

Im September 2016, also mitten im US-Wahlkampf, ergab eine Umfrage des Psychologen-Fachverbands American Psychological Association (APA), dass sich einer von vier jüngeren Arbeitnehmern in den USA aufgrund politischer Diskussionen am Arbeitsplatz gestresst fühle. Viele Befragte hätten laut Umfrage große Schwierigkeiten, ihre Arbeit zu erledigen, vor allem die Produktivität von Männern leide. Auch können Jüngere mit politischen Konflikten offenbar schlechter umgehen als Ältere.

Mit Benjamin halten es viele. Sie gehen politischen Diskussionen am Arbeitsplatz aus dem Weg. In einer Umfrage des US-Weiterbildungsdienstleisters Vital Smarts hatten 81 % der befragten Amerikaner im Mai 2016 nach den US-Vorwahlen geantwortet, dass sie politische Debatten am Arbeitsplatz unter allen Umständen vermeiden würden. Die meisten würden sogar lieber mit einem völlig Fremden als mit den eigenen Kollegen über Trump, Obamacare oder Einwanderung diskutieren. Ein Viertel der Befragten sagte, dass politische Differenzen sie bereits mindestens eine Freundschaft gekostet hätten.

Das wiederum zeigt: Selbst wenn man es versucht, poppt die Politik immer wieder vor einem auf. So war es auch bei Jessica L. Benjamin. „In einem früheren Job hatte ich eine gute Freundin im Büro, die auf einmal politische Ansichten äußerte, die ich für unmöglich hielt. Ich war geschockt. Meine Einstellung zu dieser Person änderte sich schlagartig. Ich bezweifele, dass unser Verhältnis jemals wieder so sein wird wie zuvor. In diesem Fall wäre Ignoranz ein Segen gewesen; ich wäre sehr viel glücklicher, wenn ich ihre Einstellung zu den jeweiligen Themen nicht gekannt hätte.“

Die Episode blieb nicht ohne Folgen. Benjamin: „Sobald man das Urteilsvermögen eines Menschen infrage stellt, ist es schwierig, nicht auch dessen Urteilsvermögen in Bezug auf den Job anzuzweifeln. Jede Möglichkeit für uns, in einem Projekt zusammenzuarbeiten, war in diesem Moment verloren. Und wir hätten vermutlich großartige Dinge zusammen erreichen können.“

Der Verdacht liegt nahe – wenngleich entsprechende Umfragen oder Erhebungen noch fehlen –, dass die Politik auch in Deutschland Keile in die Belegschaften treibt. „Die politische Großwetterlage hat sich dramatisch geändert in den letzten Jahren. Das bleibt bei den Menschen nicht ohne Spuren“, sagt die Hamburger Führungskräftetrainerin Heidrun Schüler-Lubienetzki.

Zur offenen Konfrontation ist es bei Stemmer Imaging, einem Anbieter für industrielle Bildverarbeitungstechnologien in Puchheim bei München, noch nicht gekommen. „Das gibt es bei uns nicht“, sagt Personalleiter Jürgen Fehr. Er habe jedenfalls noch nicht erlebt, dass es wegen Merkel, Schulz oder Erdogan zu hitzigen Verbalgefechten im Büro gekommen sei. Politik als heimliches Tabu? „Ich denke, dass das so ist, ja.“

Damit könnten die Beschäftigten bei Stemmer eine Menge richtig machen. „Ein Wertekonflikt ist so ziemlich das Tiefgreifendste, das man austragen kann, weil wir emotional sehr stark involviert sind. Das ist nichts, was die Arbeitsatmosphäre nach vorne bringt“, lautet das Urteil von Schüler-Lubienetzki. Und mehr noch: „Menschen können einen weltpolitischen Konflikt auch instrumentalisieren, indem sie sagen: ‚Der ist ja genauso demokratisch wie Erdogan.‘ Oder: ‚Das ist ja Trump-Politik.‘ Das ist gefährlich, weil es den Ruf einer Führungskraft sehr stark schädigen kann.“

Die logische Schlussfolgerung aus alldem müsste lauten: Vermeiden Sie politische Debatten am Arbeitsplatz! Doch kann das wirklich die Lösung sein, angesichts einer Demokratie, die auf Partizipation, freie Meinungsbildung und einen Wettstreit politischer Ideen angewiesen ist? Werden dadurch nicht vielmehr Duckmäuser- und Mitläufertum begünstigt? Immerhin liegt im Konflikt auch – frei nach dem Soziologen Ralf Dahrendorf – eine schöpferische Kraft von Gesellschaften.

Außerdem lassen sich politische Zusammenhänge ohnehin nicht immer ganz ausblenden. „Im kommunalen Kontext gibt es häufig Führungskräfte mit Parteibuch. Da ist klar, dass gewisse Haltungen vertreten und gepusht werden“, sagt Schüler-Lubienetzki. „In solchen Fällen fände ich es völlig in Ordnung, als Führungskraft den Mitarbeitern eine Orientierung zu geben. Da kann man sich durchaus positionieren, ohne in die Polemik zu gehen.“ Beispiel Trump: Eine protektionistische Politik, die negative Auswirkungen auf das eigene Unternehmen haben könnte, dürfe man ruhig offen negativ bewerten.

Beim Pro und Kontra stellt Trainerin Schüler-Lubienetzki grundsätzlich fest: „Man muss nicht immer einer Meinung sein.“ Beim Thema politische Diskussion am Arbeitsplatz hänge viel davon ab, wie die Führungskraft über soziale Spielregeln wacht und auf deren Einhaltung pocht. „Meinungsfreiheit ist ein wunderbares Gut, das aber nur so lange funktioniert, wie ich damit andere Menschen nicht diffamiere und verletze und damit für sozialen Unfrieden am Arbeitsplatz sorge.“ Aber wie kann man das umsetzen?

Diese Frage stellte man sich auch beim US-Anbieter Vital Smarts. In einem Experiment hatte man rund 3700 Personen zu ihrer politischen Einstellung gefragt und ihnen daraufhin eines von zwei Videos gezeigt, mit einem Protagonisten, der die genau entgegengesetzte politische Meinung des Zusehenden sehr deutlich vertrat. In der ersten Version des Videos wandte der Redner nun spezielle Taktiken an. Er zeigte Neugier für andere Positionen, war höflich und respektvoll, nicht rechthaberisch und hielt Ausschau nach inhaltlichen Überschneidungen mit dem politischen Gegner. In der zweiten Version dämonisierte er die Gegenseite, trat kompromisslos auf, zeigte, dass er seinen Standpunkt für den einzig legitimen hielt. Logische Folge: Das Auftreten der Person in Video 1 wurde von den Probanden als sympathischer, diplomatischer und überzeugender bewertet.

Der Clou aber folgte erst im Anschluss: Denn danach spielte man das Experiment noch einmal durch. Diesmal vertrat der Protagonist im Video die gleiche politische Position wie der Zuseher. Und siehe da: Sogar unter diesen Umständen bewerteten die Probanden den Auftritt im ersten Video als besser und überzeugender. Das heißt wohl: Man kann sogar einen Kollegen, der die gleichen politischen Ansichten vertritt wie man selbst, verprellen, wenn man zu selbstherrlich und kompromisslos auftritt. Solange man sich an gewisse Spielregeln hält, kann man mit Andersdenkenden vernünftig über politische Zusammenhänge diskutieren – sogar am Arbeitsplatz.

Am Ende sollte man es mit Kant halten, glaubt Schüler-Lubienetzki: „Kritisiere andere so, wie du selbst kritisiert werden möchtest!“ Und außerdem sollte man bei allen Meinungsverschiedenheiten nicht vergessen: „Menschen sind mehr als eine politische Einstellung.“ 

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