Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Meinung

Ruf nach staatlicher Hilfe

Von Olga Rösch | 19. Oktober 2017 | Ausgabe 42

FH-Forschung dürfe sich nicht allein über Firmenaufträge finanzieren, mahnt Professorin Olga Rösch.

Meinung BU
Foto: panthermedia.net/stockasso

Initiativforschung fristet laut Olga Rösch an Fachhochschulen ein Schattendasein: Die Drittmittelabhängigkeit ist zu groß.

Foto: TH Wildau

Es gibt sie immer noch, die vielfach reproduzierte Vorstellung, die Forschung an den Fachhochschulen geschehe lediglich im Rahmen der Drittmittelfinanzierung, was angesichts der Ausrichtung auf praxisbezogene Forschungsthemen nur folgerichtig sei. Auf diese Weise kämen die Fachhochschulen ihrem Auftrag zur Durchführung der angewandten Forschung nach und eine staatlicherseits grundfinanzierte Forschung wäre gar nicht erforderlich.

Olga Rösch

Abgesehen von der Tatsache, dass sich diese Sicht bisher gut als Rechtfertigung für politische Entscheider eignet, den Fachhochschulen keine aufgabenangemessenen Budgets für Forschung zur Verfügung zu stellen, transportiert dieses Narrativ eine überholte Auffassung der Realitäten an den Fachhochschulen.

Dass die angewandte Forschung nicht per se drittmittelfinanziert, erst recht nicht gleich Auftragsforschung und auch nicht zwingend auf die unmittelbare wirtschaftliche Nutzung ausgerichtet sein muss, dürfte eigentlich einleuchten. Im Gegensatz zu den Ingenieurschulen der 1970er-Jahre decken die heutigen Hochschulen für angewandte Wissenschaften praktisch fast alle Wissenschaftsgebiete ab.

Selbst wenn die Ingenieur- und Naturwissenschaftler, die traditionell mit der Industrie direkt zusammenarbeiten, immer noch einen bedeutenden Teil der Professorenschaft ausmachen, ist das Fächerspektrum der modernen Fachhochschulen heute doch viel breiter. Auch Juristen, Kulturwissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Gesundheits- und Wirtschaftswissenschaftler an Fachhochschulen verstehen ihre Disziplinen als angewandte Wissenschaften, die sich in ihren Forschungsarbeiten praxisrelevanten Fragen stellen und interdisziplinär arbeiten, wovon regelmäßig auch die technischen Fächer profitieren.

Nur ist das Angebot an bzw. der Zugang zu den Drittmitteln für die „Nicht-Mint-Fächer“ wesentlich schwerer. Forschungsvorhaben können deshalb dort meist nur im Rahmen der Initiativforschung realisiert werden. Und das heißt bisher normalerweise ohne Geld (ohne Reise-, Sach- und Personalmittel) und ohne Zeitbudget für die durchführenden Professoren (ohne Entlastung in der Lehre und bei der Betreuung von Abschlussarbeiten), also nur durch „Selbstausbeutung“ – so die Alltagserfahrung vieler Professorinnen und Professoren an den Fachhochschulen.

Und somit sind wir bei der Problematik der Drittmittelabhängigkeit und der fehlenden staatlichen Grundfinanzierung der Forschung an den Fachhochschulen: Seit etlichen Jahren ist ein immer stärker spürbares Missverhältnis zwischen den positiven dynamischen Entwicklungen des Hochschultyps Fachhochschule und der stagnierenden Anpassung von hochschulpolitischen Konzepten festzustellen, die auf diese Veränderungen reagieren. „Bewegungen“ gab es, aber bisher nur auf der Ebene gestiegener Leistungsanforderungen und kostenloser Symbolpolitik: Die Gesetzgebung hat den Fachhochschulen seit den 1990er-Jahren angewandte Forschung und Technologietransfer als Aufgaben zugewiesen und sie in „Hochschulen“ bzw. „Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW)“ umbenannt. Die Absolventen der Masterstudiengänge der Fachhochschulen sind seit der Bologna-Reform (1999) ebenso wie die Universitätsabsolventen promotionsberechtigt, folgerichtig sind die Anforderungen an die Lehre gewachsen.

Die Schaffung eines angemessenen Zeitbudgets für Professoren an den Fachhochschulen würde eine gesetzliche Lehrdeputatsabsenkung mindestens um ein Drittel erfordern, wonach immer noch 150 % der Lehrverpflichtung der Universitätsprofessoren zu leisten wären.

Eine solche zeitgemäße Regelung lässt allerdings auf sich warten. Stattdessen werden, allerdings in homöopathischen Mengen, sogenannte Forschungsprofessuren mit halber Lehrverpflichtung für eine begrenzte Zeit ausgelobt, die wieder fast komplett bei den Mint-Fächern (es sei ihnen gegönnt!) angesiedelt werden. Auch die Anforderungen an die Forschungs- und Publikationstätigkeiten von Professoren an den HAW sind gestiegen, ohne dass ihnen dafür haushaltsfinanzierte akademische Mitarbeiterstellen zur Verfügung stünden. Es besteht somit eine offenkundige Diskrepanz zwischen der gesetzlich auch für die Fachhochschulen formulierten Pflichtaufgabe der Professoren, zu forschen und zu publizieren, und der dafür erforderlichen Ressourcenzuweisungen seitens des Staates.

Unter diesen Bedingungen hat die angewandte praxisnahe Initiativforschung kaum Chancen – da hilft auch der neue Name Hochschulen für angewandte Forschung nicht weiter. 

stellenangebote

mehr