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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Internet

SOS-Button gegen Mobbing

Von Wolfgang Schmitz | 2. März 2017 | Ausgabe 09

Wie Meldefunktionen in sozialen Netzen Jugendlichen helfen könnten.

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Foto: panthermedia.net/HighwayStarz

Cybermobbing ist über Smartphones von jedem Ort aus möglich. Den Opfern bleiben kaum Schutzräume.

Beleidigen, hänseln, beschimpfen oder lügen – alles klassische Mobbingformen, besonders unter Jugendlichen. Standen sich früher Täter und Opfer Auge in Auge gegenüber, können solche Attacken heute von jedem Ort aus eingeleitet werden, Tausende können dabei zusehen.

Die Cybertäter profitieren von der Anonymität des Internets und den zahlreichen Kommunikationsräumen wie Social-Media-Plattformen und Messenger-Diensten, wodurch „Cybermobbing“ erst möglich wird. 

Eine vor Kurzem veröffentlichte TNS Emnid Online-Umfrage ergab, dass 44 % der Eltern in Deutschland fürchten, dass sie selbst oder ihre Kinder Opfer von Onlineangriffen werden könnten. Jeder Vierte der Befragten mit Kindern zwischen zehn und 20 Jahren kennt Opfer aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis und bei 7 % war das eigene Kind betroffen. Außerdem geben 72 % der Familien an, die Mobbingopfer kennen, dass die Attacken über soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram erfolgen.

Foto: VDI nachrichten

„Cybermobbing wird immer mobiler“, weiß Catarina Katzer vom Institut für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln. „Dadurch kann die räumliche Distanz zwischen Opfer und Täter immer größer werden.“ Fotos oder Videos von Opfern können in der Schule gemacht, möglicherweise verändert und später, abseits der Grenzen des Schulhofs, zur Demütigung ins weltweite Netz gestellt werden. Auch das Erstellen von falschen Benutzerprofilen oder das Ausgrenzen von Mitschülern in Gruppenchats gilt als Cybermobbing. Über das Smartphone üben die Täter von überall aus solche Attacken aus, um das Opfer auch zu Hause zu erreichen.

„Wichtig ist, sich in solch einer Situation an die Eltern oder an eine andere Vertrauensperson zu wenden“, rät Katzer. Wenn das Opfer aber keine Hilfe im Umfeld findet, seien Online-Beratungsportale zentrale Anlaufstellen. „Jeder Jugendliche sollte wissen, dass es Leute gibt, die einem bei diesem Thema helfen können und wo sie Hilfe finden können“, sagt Cyberpsychologin Katzer. „Deshalb müssen die Hilfsangebote auch dort zu finden sein, wo sich die Jugendlichen in ihrer Freizeit aufhalten: in sozialen Netzwerken.“

 Zusammen mit 64 Wissenschaftlern, die sich in der 2016 veröffentlichten internationalen Expertenstudie „Digital Risk Survey“ des Instituts für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln mit den Auswirkungen und Entwicklungen des Cybermobbings beschäftigt haben, fordert die Cybermobbing-Forscherin einen Hilfe-Button. Auf Social-Media-Plattformen soll die Taste dort platziert werden, wo sie jeder sehen kann. Katzer: „Wenn wir einen Button hätten, wäre die Wahrnehmung für dieses Problem auch größer.“

Mit einem Klick soll automatisch eine Onlinehilfe durch professionelle Beratung erfolgen, „sodass mir als Opfer sofort jemand zuhört und mich berät“. Präventionsmaßnahmen helfen, Attacken bereits in ihrer Entstehung zu verhindern. Hier hält die Mobbing-Expertin einen „Rethink-Button“ für sinnvoll. Beim Verfassen einer Nachricht soll ein Algorithmus, ähnlich einer Jugendschutzsoftware, bestimmte Ausdrücke oder Worte, die in Verbindung mit Hasskommentaren stehen, erkennen. Ein Pop-up-Fenster weist den Verfasser auf sein Vorhaben und auf die möglichen Konsequenzen hin. 

„Das Interesse, solche Präventionsmaßnahmen umzusetzen, ist aber nicht sehr groß“, bedauert Katzer. „Bevor die Anbieter solcher Plattformen keine technischen Lösungen finden und entwickeln müssen, wird sich an der Situation nichts ändern.“

Beate Walter-Rosenheimer vom Bündnis 90/Die Grünen kritisiert, dass bis heute dem Thema Bullying oder Mobbing zu wenig Aufmerksamkeit vonseiten der Bundesregierung zuteil werde. „Wir brauchen eine sehr viel härtere Gangart gegenüber multinationalen Unternehmen, die sich weigern, sich an klare rechtliche Vorgaben zu halten“, erklärt die grüne Sprecherin für Jugendpolitik und Ausbildung. „Dort, wo es zwingend nötig wäre, scheut man seit Jahren den Konflikt mit den großen IT-Firmen.“

Anbieter der großen sozialen Netzwerke sollten sich nicht aus der Verantwortung stehlen und geltendes Recht ignorieren dürfen. Sie müssten zur Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden gedrängt werden.

Außerdem fordert auch Beate Walter-Rosenheimer einen digitalen Rettungsring in Form eines Online-Portals, an das sich Ratsuchende in Problemfällen wenden können. „Wichtig ist, dass Jugendliche und Kinder, wenn sie etwas Belastendes im Netz gesehen, gelesen oder erlebt haben, wissen, wohin sie sich wenden können.“

Abseits der technischen Prävention hält Cyberpsychologin Katzer die Verpflichtung der Schulen zur Präventionsarbeit gegen Mobbing- und Cybermobbing für dringend erforderlich. „Dafür müssen sich aber die Schulstrukturen ändern. Es gibt zwar Schulen, die in Eigenregie bereits Präventionsarbeit leisten, aber es ist nicht flächendeckend genug und auch nicht verpflichtend.“ Andere Länder seien fortschrittlicher, was Aufklärung und Prävention an Schulen anginge.

Auch die Experten des Digital Risks Survey halten die Aufklärungs- und Präventionsarbeit an deutschen Schulen für ausbaufähig. In den Niederlanden gilt seit 2015 für Schulen eine gesetzliche Verpflichtung zur Präventionsarbeit, um Mobbing in digitalen Medien vorzubeugen. Auch in Norwegen werden seit zehn Jahren Mobbing-Präventionsmaßnahmen an Schulen durchgeführt. „Das haben wir in Deutschland alles nicht. Da muss sich in der Politik etwas ändern“, fordert Katzer. „Die Lehrerfortbildung muss so verändert werden, dass Cybermobbing miteinbezogen und die Lehrer fit gemacht werden für das neue Thema.“ Viele Pädagogen seien überfordert und wüssten nicht, wie sie auf solche Situationen reagieren sollen.

Auch der vor Kurzem veröffentlichte 15. Kinder- und Jugendbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend verdeutlicht den Wunsch vieler Jugendlicher, Cybermobbing häufiger in der Schule zu thematisieren. Angesichts mangelnder Transparenz und schwerwiegender Folgen, die Cybermobbing haben kann, sind nicht nur Lehrer ratlos, auch Eltern fühlen sich mit dem Problem allein gelassen. Sie melden jede Menge Beratungsbedarf an.

 Mit welchen Opferzahlen zu rechnen ist, verdeutlicht die aktuelle JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zum Medienumgang von zwölf- bis 19-Jährigen. Demnach waren 8 % der 1200 befragten Jugendlichen selbst schon Opfer von Cybermobbing, was laut Studie einer Größenordnung von 500 000 Jugendlichen in Deutschland entspricht.

Das wiederum entspreche einer mittleren Großstadt voller traumatisierter Jugendlicher, von denen viele noch lange unter den Attacken leiden werden, erläutert Catarina Katzer. Der gesellschaftliche Schaden sei unüberschaubar. Die Sozialpsychologin warnt, Cybermobbing zu unterschätzen, es handele sich nicht um ein Kavaliersdelikt. „Es wird in der Öffentlichkeit nicht deutlich, welche Dramatik dahintersteckt, wenn wir diesen Trend nicht aufhalten.“ 

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