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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Stressmanagement

Sei achtsam mit dir!

Von Wolfgang Schmitz | 30. März 2017 | Ausgabe 13

Die Achtsamkeitswelle hat auch große Industrieunternehmen erfasst. Trainings sollen das Betriebsklima verbessern.

Achtsamkeit BU
Foto: imago/Westend61

Hektik allerorten, nur in meinem Inneren nicht. Die Anhänger von Achtsamkeit klinken sich aus dem Alltag aus, um ihn anschließend besser bewältigen zu können.

Es fing im stillen Kämmerlein an. Peter Bostelmann fragte sich, wie er die Arbeitsintensität in den Griff bekommen sollte. Der Wirtschaftsingenieur entdeckte das Prinzip Achtsamkeit, die Fähigkeit, sich selbst bewusster zu steuern. Durch innere Einkehr entsteht Raum für kreatives und der jeweiligen Situation angepasstes Verhalten.

Das Achtsamkeitstraining

„Zuerst habe ich das allein im Privaten praktiziert und mich nicht als ,Achtsamer‘ geoutet“, erinnert sich Bostelmann. „Durch das Training bin ich lebensfroher und optimistischer geworden.“ Warum sollte dieses Glück nicht auch den Kollegen beim Softwarehersteller SAP widerfahren? Gedacht, getan. Bostelmann gründete die Initiative „Global Mindful Practice“, um die SAP-Mitarbeiter rund um die Welt zu erreichen.

Ähnlich erging es Google-Ingenieur Chade-Meng Tan. Er tat sich schwer, Emotionen raus zu lassen. Das ärgerte den Chinesen in Diensten des Software-Giganten und meditierte sich unter dem Label „Search inside yourself“ ins Glück. Tan traf einen Nerv und auf das Interesse anderer Unternehmen. Aus dem US-amerikanischen Google-Projekt wurde eine Bewegung über Unternehmens- und Landesgrenzen hinaus, um in der Community Erfahrungen auszutauschen. Auch im deutschsprachigen Raum ziehen andere Firmen mit, darunter SAP mit Peter Bostelmann.

Das Geschäft mit Mindfulness boomt. Achtsamkeit (so die deutsche Übersetzung) hat es auf die Titelseiten großer Magazine geschafft. Der Zukunftsforscher Matthias Horx stellt die Frage: „Wenn wir einen Begriff nennen müssten, der in den kommenden Jahren eine Schlüsselrolle spielen wird: Welchen würden wir wählen?“, um sie selbst zu beantworten: „Achtsamkeit!“

In Wissenschaft und Wirtschaft zerbrechen sich schlaue Menschen die Köpfe darüber, ob das Geschäft mit dem Blick ins Menscheninnere tatsächlich lohnt und wenn ja, wie man es am besten umsetzen kann. Und welche Spielart die sinnvollste ist. Denn die eine, die allein selig machende Achtsamkeitstechnik gibt es nicht.

Manchmal ist die Verpackung das entscheidende Moment, um auf Achtsamkeit aufmerksam zu machen. Bei Google lockte man die technikaffine Belegschaft mit der wissenschaftlichen Betonung auf „Neuro-Science“. So sollten Zweifel, es handele sich um esoterischen Hokuspokus, möglichst schon im Keim erstickt werden.

Bosch hatte mit ähnlicher Taktik bei seinen gestressten Führungskräften auch Erfolg. Die Zeiten, in denen sich die Stuttgarter auf einen kleinen, aber feinen Partnerzirkel zurückzogen, sind lange passé. Der Autozulieferer kooperiert nicht nur mit den Klassikern der Branche wie Daimler und VW, sondern auch mit Google und Tesla. Man müsse kreativ sein, empathisch, kommunikativ und selbstverständlich immer gut gelaunt, klagte eine Bosch-Managerin auf dem Kongress „Mindful Leadership“ vor wenigen Tagen an der Universität Witten/Herdecke. Sich nur noch an Kennzahlen zu orientieren, reiche nicht mehr. Das Dasein als Eier legende Wollmilchsau, die auf mehreren Hochzeiten viele verschiedene Partner glücklich tanzt, überfordere viele Boschler.

„Wir können den Stress nicht reduzieren“, nahm Petra Martin, Leiterin des Kompetenzzentrums Leadership bei Bosch in Salzgitter und Achtsamkeitsfan, die Kritik ihrer Kollegin auf. „Schließlich werfen wir im Unternehmen nicht mit Wattebäuschchen.“ Aber seitdem sie Ingenieure für Mindfulness begeistern konnte, hätte sich die Anhängerschaft innerhalb der letzten vier Jahre von 15 Managern auf 900 vervielfacht. Darunter seien auch jene menschlichen Vulkane, die früher zu unkontrollierbaren Ausbrüchen und heute zu besonnenem Verhalten neigten. Die Angebote richteten sich an Führungskräfte, weil sie der Hebel seien, um auch die Hierarchien darunter zu bewegen. Mehr als drei Viertel der deutschen Arbeitnehmer sehen laut einer Studie der Betriebskrankenkasse Pronova in ihren Vorgesetzten kein Vorbild, wenn es um gesundheitsbewusstes Arbeiten geht. Das setze Angestellte erheblich unter Zugzwang, so die Autoren.

So mache alle Achtsamkeit wenig Sinn, hat Barbara Blüm erfahren. Werde es oben nicht vorgelebt, fehle es unten letztlich an Nachhaltigkeit, so das Fazit der Oberärztin am Coburger Klinikum. Sie selbst hatte sich dafür starkgemacht, es probeweise mit Achtsamkeit zu versuchen – „obwohl ich selbst kein Typ bin, der auf Atemübungen steht oder gerne der Aufforderung ,Spüre deine Füße, spüre den Boden!‘ folgt“. Heute nimmt sie sich vor jedem Telefonat, vor jeder wichtigen Besprechung und Entscheidung die Zeit zum Innehalten. In der Führung aber mangele es weiter an Wertschätzung, der Ton sei immer noch rau, manchmal verletzend. Keine Spur von flächendeckender Achtsamkeit.

Auf solche Art wächst die Distanz zwischen Mitarbeiter und Arbeitgeber auf ein trauriges Maß. Rund 60 % der deutschen Beschäftigten empfänden eine geringe emotionale Bindung an ihren Brötchengeber, berichtete in Witten Tobias Esch, Professor für Gesundheitsversorgung. „Wer hingegen Dinge mit ganzem Herzen tut, schützt sich vor Stress und Krankheiten.“ Dienst nach Vorschrift und fehlende Wertschätzung, aber auch Überidentifikation mit dem Arbeitgeber seien Vorstufen zum Burn-out und zu Herzerkrankungen. Gefährdet seien vor allem diejenigen, die keine Kontrolle mehr über ihre Lage hätten, die hoher Arbeitsbelastung bei geringem Gestaltungsspielraum ausgesetzt seien.

Achtsamkeit könne ein probates Mittel sein, um aus dieser Falle zu entrinnen, glaubt Esch. Wer sich emotional und mental zurücknehme, um in einer nicht-wertenden Haltung die Situation vorurteilsfrei zu betrachten, lerne, das Hier und Jetzt zu akzeptieren und damit umzugehen. Das habe nur bedingt etwas mit „Om“ und Meditationskissen zu tun, sondern vor allem mit alltäglichem Verhalten, mit achtsam essen, achtsam reden und achtsam zuhören. Das Hamsterrad anzuhalten, so Esch, funktioniere nicht von heute auf morgen, sondern müsse trainiert werden. Hilfreich seien reale oder geistige Orte, an denen man gerne verweile. „Das kann auch die Arbeit sein. In Deutschland ist das allerdings vergleichsweise selten der Fall.“

In jedem Unternehmen gebe es heimliche Regeln, denen Mitarbeiter zum Opfer fielen, so Rudi Ballreich, Dozent für Mindful-Leadership an der Universität Witten/Herdecke. Achtsamkeit könne ihnen die Augen öffnen. Blinder Aktionismus, schöne, aber inhaltlose Präsentationen und operative Panikmache erübrigten sich dann, Effizienz nähme ihren Platz ein. „Je mehr Mitarbeiter dieses Prinzip verstehen, desto besser das Betriebsklima.“

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