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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Arbeitswelt

„Sonst geh‘ ich auf die Alm“

Von Peter Schwarz | 26. Januar 2017 | Ausgabe 04

Ingenieure zählen zu den gefragtesten Akademikern. Doch auch unter ihnen gibt es welche, die unverschuldet arbeitslos wurden – drei Beispiele.

Arbeitslose Ingenieure BU
Foto: Foto [M]: Peter Dazeley/Getty Images/VDIn

Herausforderung: Professionelle Bewerbungsunterlagen sind ein Muss bei der Job- suche. Wer seine Unterlagen zusammenhat, sollte sie von Fachleuten begutachten lassen.

Sander Harms* ist ein Spätberufener. Seit einem halben Jahr darf sich er sich Diplom-Ingenieur FH nennen. Mit einer Gesamtnote von 2,0 schloss er sein Studium der Betriebs- und Prozesstechnik an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in Gießen ab – mit 41 Jahren.

Was der VDI für Arbeit suchende Ingenieure tut

Ein akademischer Werdegang hatte sich zunächst nicht abgezeichnet. Nach dem Realschulabschluss absolvierte er eine kaufmännische Lehre in einem Möbelgeschäft, wechselte später in den Lebensmittelhandel, wo er die Filiale eines Discounters leitete.

Ende der neunziger Jahre wechselte der gebürtige Ostfriese dann in die Welt der Werker und der Werkzeuge. Bei einem Automobilzulieferer in Osnabrück verdingte er sich zunächst als Werkzeugmechaniker. Er stieg rasch auf und brachte es bis zum Leiter des Magazins, das er nach dem Kanban-Prinzip reorganisierte. Das Thema Lean Management ließ ihn in der Folge nicht mehr los. „Doch ohne Studium war an weiteren beruflichen Aufstieg nicht zu denken“, sagt Harms rückblickend.

Als die deutsche Wirtschaft 2009 nach der Weltfinanzkrise in eine tiefe Rezession stürzte, machte der zweifache Familienvater Nägel mit Köpfen: Er gab seinen Industriejob auf und immatrikulierte sich 2010 im Fach Maschinenbau an der THM, die damals noch FH Gießen hieß. Im Jahr zuvor hatte er nebenberuflich die Ausbildung zum Industriefachwirt abgeschlossen, die ihn zum Studium berechtigte.

Die Entscheidung für die Ingenieurausbildung hat Harms noch keine Minute bereut. Doch nicht jeder Absolvent mit gutem Examen findet sofort eine Stelle. Seit einem halben Jahr ist der Maschinenbauingenieur jetzt auf der Suche. Rund 100 Bewerbungen hat er bisher versandt – bislang erfolglos.

Ganz so schwer hatte sich der Jungingenieur die Jobsuche nicht vorgestellt. „Meine Biografie ist nicht gerade stromlinienförmig. Das kommt bei vielen Unternehmen offenbar nicht so gut an“, vermutet Harms inzwischen.

Am liebsten würde der Maschinenbauer in der Verfahrenstechnik oder in der Kunststoffverarbeitung arbeiten. Harms hofft, dass es ihm gelingt, gleich als Teamleiter einzusteigen, schließlich hat er bereits einige Jahre Führungserfahrung in der Industrie gesammelt.

Ein Umzug innerhalb Deutschlands wäre für die Familie kein Problem. Bis zum Frühjahr hofft Harms auf seine erste Anstellung als Ingenieur. Dass er bei einem Konzern anheuern wird, glaubt er nicht: „Wahrscheinlich kann ich eher einen Mittelständler mit meinem buntscheckigen Lebenslauf und meiner praktischen Erfahrung überzeugen.“

Wenn‘s hart auf hart kommt, arbeite ich halt ein halbes Jahr auf der Alm“, sagt Johannes Melzer*. Seinen Humor hat der Maschinenbauingenieur noch nicht verloren. Dabei hätte er durchaus Grund dazu. Im September vergangenen Jahres stellte ihn sein Arbeitgeber, ein amerikanischer Verpackungsspezialist, frei. Völlig überraschend kam die Kündigung nicht. Melzer musste in zweieinhalb Jahren mit acht Chefs zusammenarbeiten. Der neunte wurde ihm schließlich zum Verhängnis. „Die letzten Monate im Unternehmen waren sehr frustrierend. Ich hätte viel früher und konsequenter nach einer Alternative gucken sollen“, resümiert der 59-Jährige.

Seit Januar bezieht er jetzt Arbeitslosengeld. Zwei Jahre maximal. „Zum Glück hab ich Ersparnisse, mit denen ich meine Eigentumswohnung abbezahlen kann. Sonst würde das finanziell alles sehr eng.“

Bis zu seiner Kündigung hatte Melzer eine beachtliche Karriere hingelegt. In seinem Lebenslauf verweist er auf über 25 Jahre Führungserfahrung im strategischen Produktmanagement. Die Liste seiner Arbeitgeber liest sich wie das Who‘s Who des deutschen Maschinenbaus.

Seit seiner Kündigung gibt der begeisterte Motorradfahrer auch bei Bewerbungen Gas. „Ich werte alle großen Jobportale aus, nutze meine Kontakte zu früheren Arbeitgebern und Chefs.“ Ziel ist es, im Maschinenbau eine Position im Entwicklungs- oder Produktmanagement zu finden.

Seit Kurzem hat Melzer auch begonnen, Direktbewerbungen zu schreiben – bisher ohne Erfolg. „Mein Alter ist das größte Handicap. Es gibt leider immer noch viele Firmen, die keine Leute über 50 einstellen. Dabei bin ich leistungsfähig und leistungsbereit.“

Die Reserve vieler Personalverantwortlicher kann der Ingenieur nicht nachvollziehen. „Wenn einer was bewegen will, kann er das auch mit 60. Das ist mehr eine Frage des Charakters als des Alters.“ Ihn ärgert auch die Haltung vieler Politiker, die für immer längere Lebensarbeitszeiten plädieren und dabei die betriebliche Wirklichkeit ignorieren: „Ich würde mir auch mit 65 noch einen neuen Job suchen, wenn ich nicht immer mit der Angst herumlaufen müsste, dass mich sowieso keiner mehr will.“

Wenn es nicht klappen sollte mit einer neuen Stelle, würde Melzer – wohl oder übel – vorzeitig in Rente gehen. Noch lässt sich der gebürtige Rheinländer von den Absagen der vergangenen Monate aber nicht entmutigen: „Ich versuche, mir Optimismus anzutrainieren.“

Nachtrag: Kurz vor Redaktionsschluss erreicht uns eine gute Nachricht von Johannes Melzer. Mit der neuen Stelle hat es doch noch geklappt. Seit wenigen Tagen ist er Leiter Business Development & Produktmanagement bei einem Maschinenbauer in der Nähe von Augsburg.

Bis September 2014 leitete Klaus Schubert* die Softwareentwicklung bei der deutschen Tochter eines großen amerikanischen Unternehmens in Düsseldorf. Als Chef von 30 Mitarbeitern hatte der promovierte Elektrotechniker nach Stationen bei zwei anderen Weltkonzernen eine beachtliche Karriere gemacht. Doch nach sechs Jahren bei dem US-Unternehmen musste er seinen Hut nehmen. 54 Jahre alt war er damals.

Schubert sieht darin kein Einzelschicksal: „Ich kenne viele ältere Ingenieure, die mit Mitte 50 ihre Stelle verloren haben. Die meisten versuchen sich dann als Berater, weil sie keine neue Stelle finden.“ Als er den Aufhebungsvertrag unterschrieb, ahnte Schubert, dass es auch für ihn schwer werden würde. Ein Jahr lang schrieb der Ingenieur Bewerbungen, traf sich mit Headhuntern, aktivierte sein persönliches Netzwerk. Doch eine neue Anstellung fand er nicht.

Neben seinem Alter sieht Schubert die Promotion inzwischen als Handicap: „Mit dem Doktortitel fallen einige Türen zu. Die Personalchefs fürchten, dass man für viele Positionen überqualifiziert ist und sie nur als Zwischenstation sieht. Es ist fast unmöglich, diesen Verdacht auszuräumen.“

Was tun? Der Ex-Manager schlug neue Wege ein. Er bildete sich zum Datenschutzbeauftragten weiter, startete eine eigene Firma, die Beratungsaufträge übernimmt.

Parallel dazu arbeitet Schubert als Dozent an mehreren Hochschulen. Außerdem ist er derzeit als Vertretung an einer Berufsschule tätig.

Beim Einkommen muss der Multijobber Abstriche machen: „Ich bin bewusst an den Niederrhein gezogen, weil ich dort günstig wohnen kann.“ Durch den Verkauf seines Hauses hat er ein „gewisses finanzielles Polster“ aufgebaut. „Mir geht es gesundheitlich gut. Meinen erwachsenen Kindern auch. Dafür bin ich dankbar.“

Der Ingenieur kann sich gut vorstellen, künftig einige Jahre im Ausland zu leben – etwa als Dozent in Entwicklungsländern. „Beim Deutschen Akademischen Austauschdienst werden auch in technischen Fächern immer wieder interessante Stellen angeboten.“

Als beruflich gescheitert sieht sich Schubert nicht. Im Gegenteil: „Ich bin nicht frustriert. Ich genieße die Freiheit, mir Dinge in Ruhe überlegen zu können. Vielleicht ergibt sich dann auch noch mal die Chance, etwas anderes zu machen.“

* Name geändert

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