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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Arbeit

Spannende Vielfalt

Von Ralph H. Ahrens | 4. Mai 2017 | Ausgabe 18

Chemie in NRW ist weit mehr als nur Bayer. Besonders im Mittelstand bieten sich Ingenieuren Karriereperspektiven.

Chemie BU
Foto: Bayer AG

Ingenieure sind in der Chemie gefragt. Wie hier bei Bayer an einem Verpackungsroboter.

Der Chemieindustrie in Nordrhein-Westfalen geht es verhältnismäßig gut. Die Anzahl der Unternehmen und die der Beschäftigten sind seit zehn Jahren in etwa konstant, die Umsätze meist langsam gestiegen. Ihre Produkte repräsentieren die Vielfalt an Einsatzgebieten. Die Unternehmen stellen Polymere für Kunststoff her, Farben, Lacke, Klebstoffe, Waschmittel, Pflanzenschutzmittel und viele andere Pharmaka.

Chemieingenieure sind Spitzenverdiener

„Und ohne Ingenieure geht dabei nichts“, betont Friedrich Überacker, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Chemie Rheinland. Sie entwickeln, steuern, warten und optimieren unzählige Prozesse in mehr als 500 Firmen. So verwundert es nicht, dass rund ein Viertel aller 32 000 Mitarbeiter bei Bayer in ganz Deutschland einen ingenieurspezifischen Hintergrund haben. Auch ein Viertel der 800 Mitarbeiter, die jährlich eingestellt werden, sind Ingenieure, ergänzt Bernd Schmitz. Der Betriebswirt leitet das Personalmarketing des Konzerns.

„Mitarbeiter in Chemiebetrieben sind gut abgesichert und verdienen gut“, ergänzt Überacker. Die Karriereaussichten seien ebenfalls attraktiv. Ingenieure befinden sich in vielen großen und kleinen Unternehmen in leitender Position. In kleinen Betrieben erleichtert die flache Hierarchie den möglichen Aufstieg.

Ein Vorurteil sei jedoch, dass dies Chemieingenieure sein müssen, so Schmitz. „Die Unternehmen stellen auch Biotechnologen, Elektroingenieure, Verfahrenstechniker und Maschinenbauer ein.“ Vorteilhaft ist Know-how etwa in Biotechnologie, makromolekularer Chemie oder Thermodynamik.

Der Bedarf an kreativen Ingenieuren ist hoch, so Schmitz. „Teils ist es herausfordernd, die richtigen Kandidaten zu finden.“ Denn es herrscht Fachkräftemangel. Zwar gibt es allein in NRW mehrere gute Ausbildungsstätten wie die RWTH Aachen sowie die Technischen Universitäten in Bochum, Dortmund und Bonn. „Viele Ingenieure zieht es eher in die Automobilindustrie“, so Schmitz. Ein Grund: Mit Fahrzeugen könnten sie sich leichter identifizieren als mit chemischen oder pharmazeutischen Produkten.

Nordrhein-Westfalen sucht gemeinsam mit den südlichen Bundesländern die meisten Ingenieure für Kunststoff- herstellung und Chemie.

„Die Chemie hat bei vielen jungen Menschen nicht gerade ein sexy Image“, weiß auch Bianka Bach aus der Personalabteilung der Infraserv Knapsack. Der Dienstleister für die Planung, den Bau und Betrieb von Anlagen und Standorten stellt zwar keine Chemikalien her, beschäftigt dennoch rund 120 Ingenieure und Techniker. Sie helfen etwa Firmen im und außerhalb des Chemieparks Knapsack in Hürth bei Köln, neue Prozesse zu entwickeln.

Unternehmen versuchen gegenzusteuern. Sie werben auf Messen, präsentieren sich in Berufsschulen. Covestro, Polymerhersteller in Leverkusen, unterstützt gar die Vereinten Nationen dabei, sechs Champions zwischen 18 und 30 Jahre mit Ideen für neue Entwicklungen zu finden.

„Auch schon bei Schülern wecken wir Interesse“, so Bach. Auf dem Girl’sDay im April wurde Schülerinnen gezeigt, wie Verfahrenstechniker denken und arbeiten. Ausgehend von der Rezeptur für einen Lippenbalsam, wurde zwölf- bis 15-jährigen Mädchen demonstriert, welche Zutaten wie miteinander gemischt werden und bei welcher Temperatur diese getrocknet werden müssen. „Dies hat wie jedes Jahr allen Spaß gemacht“, so Bach.

Personalmanager Bach und Schmitz betonen, Ingenieure hätten in Chemiefirmen spannendere Aufgaben zu bewältigen als gemeinhin angenommen. Ein Unterschied zum Berufsalltag in den vermeintlich attraktiveren Branchen sei nicht zu erkennen. Der Arbeitstag beginnt, so wie in vielen anderen Büros, im intimen Rahmen, meist mit einer Tasse Kaffee, um zu besprechen, was anliegt. Heute gehören Online-Meetings mit in- und ausländischen Kollegen sowie Kunden aber zum Tagesgeschäft. Bach bringt es auf den Punkt: „Ingenieure müssen eigenverantwortlich handeln, kreativ sein sowie lösungs- und kundenorientiert arbeiten.“

„Wir beginnen oft mit einem leeren Blatt Papier und wissen am Ende nicht, was dabei rauskommt“, erzählt Volker Butz. Der 34-Jährige hat an der RWTH Aachen Maschinenbau studiert, sich für Thermodynamik interessiert. Er arbeitet seit 2009 im Geschäftsfeld Prozess- und Verfahrenstechnik beim Industriedienstleister Infraserv Knapsack. 2014 ist er dort zum Teamleiter aufgestiegen.

Butz versteht sich und sein Team als kreative Schreibtischtäter. „Es macht Spaß, für Kunden darüber nachzudenken, wie aus Ausgangschemikalien ein Produkt wird.“ Dabei geht es um die Auslegung einzelner Apparate bis hin zur Planung und Optimierung gesamter Anlagen. Um solche Ideen zu verwirklichen, steht dem Team ein Baukasten an Apparaten zur Verfügung: verschiedene Reaktoren aller Art zur Herstellung des Produkts sowie unterschiedlichste Trennverfahren wie die Destillation, um Stoffe voneinander zu trennen und zu reinigen.

Aufgabe sei, diese Apparate sinnvoll miteinander zu verschalten und so zu dimensionieren, „um ein Produkt wirtschaftlich herstellen zu können“. Eine ausgefeilte Simulationssoftware zur Erstellung von Massen- und Energiebilanzen hilft, den Versuchsaufwand im Labor und Pilotmaßstab gering zu halten. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: „Reicht der Baukasten nicht aus, beschreiten wir neue Wege.“ Bei Bedarf werden etwa auch Reaktoren individuell designt.

Auch künftig würden Chemiefirmen interessante Arbeitgeber für Ingenieure sein, meint Überacker. Es gebe viele neue Aufgaben: Wird etwa Erdöl schrittweise durch Kohlenstoffquellen wie Biomasse ersetzt, müssen alte Verfahren angepasst oder neue entwickelt werden. Nanoskalige Materialien wollen hergestellt sein wie auch Karbonfasern und moderne Klebstoffe für Fahr- und Flugzeuge. Und im Rahmen der Energiewende wird auch mehr überschüssiger Strom zur Verfügung stehen. Mit ihm lässt sich elektrolytisch Wasser spalten, um Wasserstoff zu gewinnen. Aus Wasserstoff können Chemiefirmen dann Basischemikalien wie Methanol oder Ethen herstellen. Dazu braucht es aber Elektrolysen, die schnell auf Stromschwankungen reagieren können. ws

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