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Dienstag, 12. Dezember 2017

Inklusion

Studium trotz Handicap

Von Christine Demmer | 23. März 2017 | Ausgabe 12

Langsam, aber stetig besinnen sich Hochschulen, Behinderten adäquate Studienbedingungen zu bieten.

MBA Inklusion BU
Foto: dpa picture alliance/Alessandra Schellnegger

Behinderte wurden an Hochschulen lange vernachlässigt. Inzwischen beteuern viele Universitäten, dass Inklusion für sie mehr bedeutet als nur Barrierefreiheit.

Menschen mit körperlichen Einschränkungen müssen auf vieles verzichten – aber nicht auf die Teilnahme an Studienprogrammen. Gewiss eignet sich für seh-, hör- oder gehbehinderte Ingenieure das Fernstudium eher als der Präsenzunterricht in einer Business School. Aber weil viele Hochschulen beteuern, dass Inklusion für sie mehr bedeutet als Barrierefreiheit, sollte man sie getrost beim Wort nehmen.

Mobil trotz Behinderung

„Ich bin blind. Aber nicht blöd.“ Mit diesen Worten nahm Nadine Wettstein aus Halle an der Saale einem Professor den Wind aus den Segeln, als der sie sinngemäß fragte, was um Himmels Willen die mit 18 Jahren erblindete Studentin in seinen Hörsaal verschlagen habe. Die höflichere, aber längst nicht so coole Antwort hätte gelautet: Wissendurst, Selbstbewusstsein und Organisationstalent. Denn mittels moderner Technik können heute auch sehbehinderte Studierende in den Vorlesungen mitschreiben (mit einem Spezial-Laptop) und die Aufzeichnungen zu Hause nacharbeiten (dank Sprachausgabe). Wer schlecht hört, bekommt die Vorträge in Schriftform, und wer nicht laufen kann, einen rollstuhlgerechten Platz im Hörsaal. Soll heißen: Wenn der Kopf und die Hochschule mitmachen, sind körperliche Einschränkungen kein Grund mehr, den Traum vom Studium zu begraben.

Dieser Traum fällt blinden, gehörlosen oder auf den Rollstuhl angewiesenen Menschen jedoch nicht. Noch immer beschränken sich viele Hochschulen und Business Schools auf den behindertengerechten Um- und Ausbau von Gebäuden. Zwar sind barrierefreie Seminarräume und Behindertenparkplätze inzwischen Standard. Doch nach eigenen Betreuern für Studierende mit Handicaps, nach Fahrdiensten zu den Räumlichkeiten des Präsenzunterrichts und nach Preisnachlässen muss man länger suchen.

Hilfe leistet die Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) beim Deutschen Studentenwerk. Dort weiß man auch, dass unter dem Stichwort „Digitale Inklusion“ landauf, landab die Einführung neuer Lernformate und -technologien diskutiert wird. Dem Fernstudium kommt besondere Bedeutung zu, denn das Lernen aus schriftlichen Unterlagen ohne beschwerliche Anfahrtswege und mit freier Zeiteinteilung fällt Menschen mit körperlichen Einschränkungen erheblich leichter.

Das Fernstudium mit Präsenzphasen ist ideal für alle, die beim Lernen auf einen ihrer Sinne verzichten müssen. Dann trifft man sich eben statt vor dem Hörsaal auf dem Online-Campus. Die Wilhelm Büchner Hochschule in Darmstadt stellt dort die Studienhefte ohne Mehrkosten im pdf-Format zur Verfügung.

Da Prüfungen für Studierende mit Behinderung eine besondere Herausforderung darstellen, prüft die Hochschule zudem im Einzelfall, wie ein Nachteilsausgleich gewährt werden kann. Jürgen Deicke, Präsident der Wilhelm Büchner Hochschule, versichert: „Ob Bachelor- oder Masterstudium: Wenn Menschen mit körperlichen Behinderungen bei uns studieren möchten, finden wir im direkten Gespräch persönliche und individuelle Lösungen, die die Bedürfnisse unserer Studierenden berücksichtigen.“

Für die heute 38-jährige Diplom-Ökotrophologin Nadine Wettstein kam ein Fernstudium nicht infrage: Es wurde schlicht nicht angeboten. Darum klopfte sie alle fachlich denkbaren Hochschulen auf deren grundsätzliche Bereitschaft ab, funktionseingeschränkte Studenten zu unterrichten. „Ich habe mit den Studienberatern gesprochen und mich später bei jedem Professor persönlich vorgestellt und gefragt, ob ich seine Vorlesungen auf einer Mini-Disc aufzeichnen darf“, sagt Wettstein. „So konnte ich mich im Hörsaal auf den Vortrag konzentrieren.“

Alle hätten eingewilligt, nur einmal habe sie ihre Studienmotivation begründen müssen. Schwierig werde es, sagt sie, wenn die Dozenten im Eifer des wissenschaftlichen Gefechts vergäßen, dass unter den Zuhörern ein Blinder säße. „Wir selbst bekommen ja nicht mit, was mit dem Projektor oder Beamer an die Wand geworfen wird“, sagt Wettstein. „Dann muss man sich darauf verlassen, dass die Sitznachbarn einen Hinweis geben.“

Eine weitere Hürde: Studierende mit Handicaps müssen mehr organisieren als ihre gesunden Kommilitonen. Dafür haben sie aber auch ein gesetzliches Anrecht auf eine unentgeltliche Assistenzkraft, erklärt Peter Schäfer, Behindertenbeauftragter und Professor für Internationales Management an der Hochschule Hof. Er lehrt im MBA-Programm und weiß: „Viele Menschen mit körperlichen Einschränkungen wollen nicht bemitleidet werden, sondern fordern einen Ausgleich für ihren Nachteil gegenüber Gesunden.“ Den zu gewähren, sei nur fair, findet der Wissenschaftler. An seiner Hochschule studiert eine Rollstuhlfahrerin, eine Kommilitonin assistiert ihr. „Dadurch, dass die eine dasselbe studiert wie die andere, kann sie natürlich noch besser helfen“, sagt Schäfer.

Auch der fast blinde Claas Oehlmann aus Berlin wird bei den Lehrveranstaltungen an der Leuphana Universität von einer Studienkollegin begleitet, die ihn bei der An- und Abreise nach Lüneburg unterstützt. Sie studiert wie er im berufsbegleitenden MBA-Studiengang Sustainability Management. Zuvor hatte Oehlmann zwei Masterabschlüsse in Bremen und Fulda erworben und eine Doktorarbeit über die Schaffung einer europäischen Kreislaufwirtschaft geschrieben. Heute arbeitet er neben dem Studium in Berlin als Referent beim Bundesverband der Deutschen Industrie.

Olaf Ledderboge ist Mitglied des MBA-Teams am Centre for Sustainability Management in Lüneburg und zuständig für die Betreuung der Studieninteressenten. Er ist begeistert, dass Oehlmann trotz seines Handicaps Studium, Dissertation und Berufstätigkeit miteinander verbinden kann und bedankt sich dafür beim technischen Fortschritt. „Der Lernprozess und alle wesentlichen Materialen und Durchführungsformen wie Studienbriefe, Fachliteratur und Gruppenarbeiten werden bei uns mittels einer Online-Lernplattform organisiert“, erklärt Ledderboge.

Die verwendeten Lerntechnologien basierten auf moderner Browser- und Netzwerktechnik. „Wir nutzen ein hausintern weiterentwickeltes Moodle-Lernsystem, offene Online-Lehrgänge“, sagt der Dozent. „Genau diese Technologie können die Lese- und Bedienhilfen, die Blinde und Sehbehinderte nutzen, mittlerweile sehr gut lesen.“ In der Bibliothek der Lüneburger Universität gibt es einen mit spezieller Hard- und Software ausgestatteten Arbeitsplatz, an dem eingescannte Texte in Brailleschrift umgewandelt oder vorgelesen werden können. Ein Betreuungsteam unterstützt die Studierenden im Lernprozess.

Auch die Prüfungsformate sind an die Fernlehrsituation angepasst. Die Studierenden schreiben keine Klausuren, sondern erbringen ihre Leistungsnachweise in Form von Hausarbeiten. Und für funktionseingeschränkte Studenten wie Claas Oehlmann wurde noch eine weitere Sicherheitsleine eingezogen. Ledderboge: „Zu Beginn schlossen wir die Vereinbarung, dass er das Studium ohne Kosten im ersten Semester wieder abbrechen könne, falls er mit dem Modell nicht zurechtkäme.“

Wie es aussieht, wird es der Student aber ebenso schaffen wie Nadine Wettstein aus Halle es geschafft hat. Inzwischen arbeitet sie als Inklusionsberaterin und schreibt an ihrer Doktorarbeit. Schließlich ist sie nur blind. Und nicht blöd. 

http://www.studentenwerke.de/de/behinderung

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