Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Dienstag, 12. Dezember 2017

Personalmanagement

Vom Traum mobiler Freiheit

Von Wolfgang Schmitz | 11. Mai 2017 | Ausgabe 19

Die Arbeitswelt wird mobiler. Vor dem Trend, der nicht jedem passt, kann sich niemand verschließen, wie die Messe „Personal Nord“ zeigte.

31_ BU
Foto: Fabian Dittrich

Fabian Dittrich scheut die Arbeit nicht. Aber muss es im Büro sein? Warum nicht – wie hier – im Zentrum von Quito?

Fabian Dittrich lebt seinen Traum. „Ich wollte immer schon reisen, hatte immer schon großen Hunger auf das Leben.“ Der Westfale zog hinaus in die Welt, in die „Universität des Lebens“ (Dittrich), die ihm mehr gab als die Schule oder der Berufsberater. Vom beschaulichen Detmold wechselte er nach Köln und Madrid, um Informatik zu studieren. Anschließend tingelte der Absolvent in einem klapprigen Mercedes für neun Monate durch Afrika.

IT-Kompetenzen ausbaufähig

Die „Angst vor dem linearen Leben“ war schließlich doch nicht so groß, dass sie ihn von einem Job beim Softwareberater Zendesk am Standort London abhielt. Dort schmiss man Dittrich, der zwar IT-Fachmann, aber ohne jegliche Berufserfahrung war, ins kalte Wasser des Berufsalltags. Er lernte schnell, weil ihn seine Abenteuerreisen gelehrt hatten, spontan ungewöhnliche Lösungen für diffizile Probleme zu finden. In hippem Managementdeutsch spricht man von „Kompetenzen für den disruptiven Wandel“. Dittrich war so begeistert vom „revolutionären Spirit“ des kalifornischen Unternehmens, dass ihn auch die 90-Stundenwoche nicht schreckte.

Auf einer Reise in den peruanischen Dschungel erfassten ihn erneut Fernweh und Freiheitssehnsucht. Ausgerüstet mit IT-Wissen und den gerade erst erworbenen Erkenntnissen, wie Märkte und Kunden ticken, kaufte sich der Informatiker mit zwei Gleichgesinnten einen Landrover, gründete mit den beiden das Internet-Start-up Helpando.it und wickelt seitdem seine Geschäfte aus dem vierrädrigen Büro ab oder aus einem der auf dem Weg liegenden Internetcafés. „Keine endlosen Meetings mehr, keine Zeitverschwendung: Wir haben gelernt, hocheffizient zu arbeiten.“ Statt mit „Rumsitzen im Büro Zeit totzuschlagen“, liegen die drei jetzt nach getaner Arbeit am Strand auf der faulen Haut, schlagen sich durch die unberührte Natur Südamerikas oder durch angesagte Szene-Klubs.

In naher Zukunft werde es kaum einen Ort auf der Welt ohne Internetzugang geben, prophezeit Dittrich. Dann würden auch andere ihre Freiheitsträume realisieren und es dem Digitalnomaden gleichtun können.

Zwei große Gruppen stehen sich gegenüber: Die IT-aufgeschlossenen „Mobile Minds“ und die skeptischen „Mobile Potentials“.

Das Modell der „Nomad Company“, das Dittrich auf der Hamburger Messe „Personal Nord“ euphorisch pries, ist tatsächlich keine Fiktion mehr. Dass die rasant fortschreitende Digitalisierung nun alle Beschäftigten und Start-ups in Geländewagen presst, ist allerdings kaum zu erwarten. Bei „Work on wheels“, wie im Silicon Valley, sei man in Deutschland noch nicht, betonte in Hamburg Alexandra Heinrichs, Personalverantwortliche des Verbrauchsgüterkonzerns Unilever im deutschsprachigen Raum. Sinn der Digitalisierung sei auch, die Arbeitsmöglichkeiten flexibler und mobiler zu gestalten, dabei aber nicht jedem das gleiche Rezept an die Hand zu geben. „Es muss auch weiterhin möglich sein, in Büroatmosphäre mit den Kollegen zu kommunizieren.“ Viele Beschäftigte wollten das.

Die Bereitschaft zur „mentalen Mobilität“, die „Haltung“, müsse sich auf jeden Fall ändern, fordert Heinrichs. Auch der Vorgesetzte müsse bereit zum Lernen sein – und wenn es von den Digital Natives einige Alters- und Hierarchiestufen tiefer sei. Führung hieße nicht mehr stetige Kontrolle, sondern Begleitung und Betreuung. Wer Probleme lösen müsse, brauche Vertrauen und Selbstvertrauen. Das herzustellen, gelänge am besten im motivierten Team. „Die Führungskraft muss die Kollegen inspirieren und das Gefüge zusammenhalten.“

Das sieht Markus Köhler, Mitglied der Geschäftsleitung bei Microsoft Deutschland, ähnlich. „Man braucht weiterhin das Büro, um sich Auge in Auge zu treffen und die Unternehmenskultur zu leben.“ Flexibilität heiße beim Softwarehersteller, jedem Mitarbeiter bei der Arbeitsplatzgestaltung gerecht zu werden. Je nach Aufgabe, Bedürfnis und Stimmung könne man zwischen Gruppen- und Einzelräumen wählen, zwischen Hocker, Stuhl, Sessel und Couch. „Ich finde es extrem faszinierend, dass wir so viele verschiedene Sitzgelegenheiten haben und uns aussuchen können, worauf wir gerade Lust haben. Es ist nicht immer der gleiche Stuhl, der gleiche Ausblick, der gleiche Nachbar oder die gleiche Nachbarin.“ Wer allerdings häufiger hintereinander denselben (Stamm-)Platz wählt , muss mit einer dezenten Warnung auf seinem Schreibtisch rechnen. Das Schild „No camping!“ erinnert daran, bei einem Arbeitgeber zu arbeiten, bei dem Mobilität gelebt wird – ob man will oder nicht. Wer keine Lust aufs Büro habe, arbeite eben von einem anderen Platz aus, sagt Markus Köhler. Anwesenheitspflicht gibt es bei Microsoft nicht mehr. „Traditionelle Bürokonzepte passen nicht mehr in unsere digitalisierte Welt.“

In der digitalisierten Arbeitswelt fühlt sich allerdings längst nicht jeder Deutsche wohl, wie die Studie „Mobile Work 2017“ der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin unter Leitung von Jochen Prümper ergibt. Es wurden 1065 Beschäftigte quer durch alle Branchen hinweg befragt. „Es zeichnen sich zwei große Gruppen ab“, sagt der Organisationspsychologe. „Die eine ist gegenüber mobiler Arbeit sehr aufgeschlossen und fühlt sich sicher im Umgang damit, die andere sieht die Entwicklung sehr kritisch und fühlt sich unwohl in der digitalen Welt.“

Es werde eine große Herausforderung sein, so Prümper, diese beiden Gruppen in naher Zukunft miteinander zu harmonisieren. Vor allem, wenn man die Scheu gegenüber der Digitalisierung in den Führungsetagen betrachte. Hilfe und moralischer Rückhalt seien häufig von oben nicht zu erwarten. Wer sich zudem beim Umgang mit mobilen Medien unsicher und inkompetent fühle, dessen Wohlbefinden rutsche weit tiefer in den Keller, als dies bei stationärer Arbeit der Fall sei. Prümper: „Die entscheidende Frage ist: Wie organisiert man in den Unternehmen mobile Arbeit? Sie kann nur dann greifen, wenn Organisationen die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür anbieten. Dies reicht von einer passenden technischen Ausstattung über flexible Arbeitsgestaltung und Personalentwicklung bis hin zu einer neuen Führungs- und Vertrauenskultur.“

stellenangebote

mehr