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Dienstag, 12. Dezember 2017

Verdienst

Vorhang zu für das Gehalt

Von Sebastian Wolking | 16. November 2017 | Ausgabe 46

US-Staaten wollen verbieten, dass Personaler nach dem letzten Gehalt fragen. Hintergrund: der„Gender Pay Gap“.

Gehalt BU
Foto: panthermedia.net/Adam Gregor

Stopp! Die Frage nach dem vorherigen Gehalt ist untersagt – zumindest in New York. Vor allem Frauen sollen damit geschützt werden.

Eine im Bewerbungsprozess typische Frage des Personalers lautet: „Wie hoch war Ihr letztes Gehalt?” In New York ist diese Art von Gehaltsabfrage nach einem neuen Gesetz des Stadtrats verboten. Immerhin kann die Gehaltsfrage Geringverdiener oder Frauen strukturell benachteiligen, aber auch Gutverdienern bei der Suche nach einem neuen Job Probleme bereiten. Wäre das Modell auch in Deutschland sinnvoll?

In mittlerweile 20 US-Bundesstaaten gibt es Initiativen, die die Gehaltsfrage per Gesetz aus den Jobinterviews verbannen wollen, von Kalifornien über Georgia bis Pennsylvania. In New Yok City ist das Thema seit Anfang Mai durch. Der Stadtrat verabschiedete die Vorlage mit einer deutlichen Mehrheit von 47 zu drei Stimmen. Unternehmen ist es damit offiziell verboten, das Gehalt eines Bewerbers zu erfragen und es dann zur Grundlage für dessen Bezahlung zu machen. „Hier geht es darum, Teile der Geschichte geradezurücken. Es geht darum, Jahre über Jahre der Diskriminierung zu überwinden, die die Menschen benachteiligt hat“, sagte New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio bei der Gesetzesunterzeichnung im Mai überschwänglich.

Am 31. Oktober trat das Gesetz in Kraft. Ob es seinen gewünschten Effekt erzielt, ist aber völlig offen. Erfahrungswerte? Fehlanzeige. Das neue Gesetz beruht weitgehend auf Annahmen. Vor allem der, dass sich damit der berüchtigte Gender Pay Gap – die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen – wirksam bekämpfen ließe.

Die Theorie dahinter: Frauen steigen meist mit einem geringeren Gehalt ins Berufsleben ein als ihre männlichen Pendants. Wird nun aktiv das bisherige Gehalt eines Bewerbers eingeholt, dient dieser Wert als Anker in den Verhandlungen, an dem sich der Arbeitgeber orientiert. Jemand, der bislang 2500 $ monatlich verdient hat, wird auch bei einem Jobwechsel nicht plötzlich mit 5000 $ entlohnt – von Ausnahmefällen abgesehen. Das niedrigere Gehalt wird so über die Jahre immer weiter verfestigt.

Ergibt die Theorie Sinn? „Ich denke, das kann ich bejahen“, sagt Hans-Theo Normann, Professor am Düsseldorfer Institute for Competition Economics (DICE), der zum Thema geforscht hat. Tatsächlich gibt es Studien, die zeigen, dass Frauen in Gehaltsverhandlungen weniger verlangen und dann auch weniger verdienen als Männer. Und dass selbstbewusstes und forderndes Verhalten bei Frauen eher negativ, bei Männern eher positiv wahrgenommen wird. „Das neue Gesetz könnte die genannten Effekte und somit den Pay Gap reduzieren“, glaubt Normann.

Dabei ist die Angelegenheit gar keine reine Frauenfrage. Grundsätzlich jeder, der mit einem niedrigen Gehalt ins Berufsleben eingestiegen ist, könnte profitieren. Oder Personen, die nach längerer Abwesenheit wegen Krankheit oder Kindererziehung wieder in ihren Beruf zurückkehren wollen. Anders herum haben auch erfahrene Arbeitnehmer oftmals Probleme, aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters und Gehalts eine neue Stelle zu finden. Ein 60-Jähriger, der zuletzt 8000 € verdient hat, wirkt auf Personaler mitunter abschreckend. Dagegen hilft bislang nur eines: Schummeln. Zu guter Letzt werden Kandidaten manchmal auch wegen ihres aktuell niedrigen Einkommens abgelehnt, nach dem Motto: Wer nichts verdient, kann auch nichts wert sein. Für all jene könnte ein Zuziehen des Gehaltsvorhangs Vorteile bringen.

Sogar Arbeitgeberverbände unterstützen die Neuregelung der Gehaltsfrage in den USA, zum Beispiel das Greater Boston Chamber of Commerce. Und das, obwohl die Gehaltsgesetze auch neue bürokratische Hürden aufbauen. So müssen einzelne Firmen ihre gesamte Rekrutierungsstrategie überdenken, Online-Formulare umstellen, Gehaltsverhandlungen verändern. Das ist mit Kosten verbunden. Und es betrifft nebenbei auch deutsche Unternehmen, die vor Ort aktiv sind.

Von der Wirksamkeit der Gesetze ist längst nicht jeder überzeugt. US-Branchendienst Bloomberg nannte die New Yorker Regel bereits eine „Gag Rule“, die lediglich Bürokratie aufbaue, ohne den geringsten Effekt zu erzielen. Denn die Folge sei, dass Arbeitgeber in Zukunft das Gehalt eines Bewerbers einfach „herunterschätzen“ würden.

Der Staat Massachusetts geht sogar noch ein Stück weiter. Auch im Nordosten der Vereinigten Staaten darf der Arbeitgeber ab 2018 nicht mehr das bisherige Gehalt eruieren. Aber er kann zugleich seinen Mitarbeitern nicht länger verbieten, öffentlich über ihr Gehalt zu sprechen – zum Beispiel mit Kollegen. Denn wer sein Gehalt freiwillig preisgeben will, darf das selbstverständlich auch weiterhin tun. In Deutschland sollen häufig Geheimhaltungs- und Verschwiegenheitsklauseln im Arbeitsvertrag verhindern, dass Mitarbeiter ihr Salär ausplaudern. Eine grundsätzliche Verschwiegenheitspflicht lässt sich rechtlich aber, wohl eher nicht durchsetzen, folgt man den aktuellen Urteilen dazu.

Grundsätzlich taugt das Thema auch diesseits des Atlantiks für politische Grabenkämpfe. Immerhin ist der Gender Pay Gap auch hier ein Zankapfel, der seit einigen Jahren heiß serviert wird. „Finde ich gut“, so Dieter Janecek auf die Anfrage der VDI nachrichten, was er denn von der Initiative in New York halte. Janecek war bislang wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen, zog im September wieder in den Bundestag ein. Wortgleich äußerte sich Frontfrau Katja Kipping von der Linkspartei. Johannes Vogel dagegen, von 2009 bis 2013 arbeitsmarktpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion und jetzt wieder in den Bundestag gewählt, reagierte nicht.

Mit dem Thema Geld wird auch Karrierecoach Bernd Slaghuis ständig konfrontiert. „Das Gehalt ist das wichtigste Thema, das die Bewerber bei mir im Coaching umtreibt“, so der Kölner. „Es ist ein riesengroßes Glaskugellesen und Versteckspiel.“ Von den US-Gesetzen hält er trotzdem nichts. „Das bisherige Gehalt ist doch im Prinzip völlig uninteressant“, sagt Slaghuis. Er rät, die Frage nach dem aktuellen Gehalt im Vorstellungsgespräch so zu kontern: „Ich würde konkret zurückfragen: Warum ist mein bisheriges Gehalt wichtig für die Neubesetzung der Stelle?“ Dann solle man den Fokus in die Zukunft richten: „Lassen Sie uns darüber sprechen, bei welchem Gehalt wir zusammenkommen.“ Viel sinnvoller sei es, wenn Arbeitgeber ein Referenzgehalt schon in die Stellenanzeige mit aufnehmen würden. Das schaffe von Anfang an Transparenz.

Oder stellt sich die Gehaltsfrage in Deutschland ohnehin nicht? Immerhin gibt es hier seit Kurzem das Lohngleichheitsgesetz, das dazu beitragen soll, ungerechte Gehaltsunterschiede abzutragen. Doch liegt erstens die Hürde relativ hoch, um das Einkommen der Kollegen intern abfragen zu können. Und zweitens kann man das Gesetz erst in Anspruch nehmen, wenn man den Job schon hat – aber leider noch nicht im Bewerbungsgespräch. ws

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