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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

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Workforce

Warum die Jungen gar nicht so anders sind

Von Constantin Gillies | 5. Oktober 2017 | Ausgabe 40

Wissenschaftler zeigen, dass sich die Generationen X,Y und Z kaum unterscheiden – auch nicht am Arbeitsplatz.

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Foto: panthermedia.net/Rawpixel

Ziele und Wünsche sind in den Generationen nicht so weit auseinander, wie es oft herbeigeredet wird.

Was sollen sie nicht alles sein, die Jungen: Sinnsucher, die nicht mehr ungefragt jede Aufgabe erledigen. Jobhopper, die von Stelle zu Stelle hüpfen. Und natürlich kleine Narzissten, die ständig Selfies schießen. Das alles sagen Personalexperten der Generation Z nach, den jungen Einsteigern, die nach 1995 geboren wurden.

Doch es gibt ein Problem mit diesem Psychogramm: Es stimmt nicht. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler, die im Auftrag von IBM diverse Generationen-Studien ausgewertet haben.

Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich die angeblichen Unterschiede zwischen Alt und Jung nämlich als Fata Morgana. Nur ein Beispiel: 62 % der Generation-Z-Angehörigen legen Wert auf eine interessante Tätigkeit und wollen eben nicht nur einen Job. Bei ihren Eltern sind es 60 % – sicher keine große Differenz. Besonders ichbezogen ist die Generation Z übrigens auch nicht: Ein in den USA regelmäßig gemessener Narzissmus-Index ist seit 1982 nur marginal gestiegen. „Die Unterschiede zwischen den Generationen in der Arbeitswelt sind praktisch null“, resümieren die Wissenschaftler in der Studie „Generational Differences at Work Are Much Ado About Very Little.“

Haben sich zahllose Buchautoren und Berater also geirrt? Gibt es womöglich keine Unterschiede zwischen den Generationen X, Y und Z? Heiko Weckmüller ist davon überzeugt. „Man ist weitgehend einem Phantom hinterhergelaufen“, sagt der Professor für Internationales Management an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management in Bonn. Er hat zusammen mit Torsten Biemann von der Universität Mannheim die wissenschaftlichen Quellen zum Thema Generationen unter die Lupe genommen und ist zum gleichen Urteil wie die IBM-Forscher gekommen. „Es werden Alterseffekte mit Generationeneffekten verwechselt“, erklärt Weckmüller. Will sagen: Angebliche Eigenschaften der „Jugend von heute“ waren in Wirklichkeit schon immer in dieser Altersklasse anzutreffen.

Dass Menschen Anfang 20 glauben, ihnen gehöre die Welt, und zu Anspruchsdenken neigen, ist kein neues Phänomen, sondern war immer so. Der einzige Unterschied liegt darin, dass die Berufseinsteiger von heute dank Talentknappheit in der bequemen Lage sind, ihre Forderungen auch durchzusetzen – oder einfach zu einem anderen Arbeitgeber zu wechseln, der sie erfüllt.

Eine sichere Methode, um herauszufinden, ob der Nachwuchs wirklich anders tickt, sind sogenannte Längsschnittuntersuchungen: Dabei wertet man Befragungen von vor 20 Jahren aus, als die heute 40-Jährigen noch am Anfang ihres Berufslebens standen. Die hier geäußerten Ansichten werden dann mit den Antworten der heute 20-Jährigen verglichen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln etwa ist so vorgegangen und hat dafür zum Teil auf Umfragen aus den 1980er-Jahren zurückgegriffen. Dabei widerlegten die Wissenschaftler reihenweise Vorurteile, die über die Berufseinsteiger von heute kursieren: Anders als oben behauptet, besteht die junge Generation zum Beispiel nicht aus unzufriedenen Sinnsuchern. Im Schnitt sind die Youngster sowohl mit dem Job als auch mit Leben und Freizeit genauso zufrieden wie ihre eigenen Eltern, als die noch jung waren.

Ebenfalls unhaltbar sei das Vorurteil vom jungen Jobhopper, der rastlos von Arbeitgeber zu Arbeitgeber zieht: Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit in Deutschland liege nahezu unverändert bei rund drei Jahren. Und selbst die unterstellte Freizeitorientierung der jüngeren Jahrgänge verschwindet laut IW bei genauem Hinsehen: Sie arbeiten zwar im Schnitt drei Stunden pro Woche weniger, doch das liegt einzig und allein daran, dass mehr Frauen erwerbstätig sind und damit auch die Teilzeitarbeit zunimmt.

Existieren also wirklich keine Unterschiede zwischen den Generationen? „Ein paar kleine Veränderungen gibt es schon“, sagt Peter Martin Thomas. Er weiß, wovon er spricht: Der Diplompädagoge gehört zu den Autoren der bekannten Sinus-Jugendstudien, für die Teenager daheim besucht und interviewt werden. Was beobachtet der Jugendexperte an der Generation Z? „Es gibt einen gewissen Hang zur Normalität“, so Thomas. Mainstream sei kein Schimpfwort mehr unter Jugendlichen. Viele wünschten sich ein geregeltes Leben mit Hochzeit, Kindern, Eigenheim.

Das Streben nach Normalität beziehe sich auch auf das Berufsleben. „Der Trend geht zu einer klaren Trennung von Arbeit und Freizeit. Nine-to-five hat keinen schlechten Beigeschmack mehr“, so Thomas. Überspitzt könnte man sagen: Wenn die Generation Z sich überhaupt durch etwas hervortut, dann dadurch, dass sie wie die Großeltern arbeiten will.

Doch Thomas betont auch: „Das ist nur eine Tendenz, kein Massenphänomen.“ Er warnt davor, ganzen Altersklassen pauschal irgendwelche Eigenschaften zuzuschreiben. „Dass die Alten über die mangelnden Fähigkeiten der Jungen klagen, hat seit 4000 Jahren Tradition“, sagt Thomas. Manche angeblichen Unterschiede ließen sich auch simpel erklären. Als Beispiel nennt er die Klage über die Jugend, die weniger drauf hat als man selbst früher. „Man muss bedenken, dass auch das Leistungsniveau – also was man können muss – gestiegen ist“, betont Thomas. In der Autowerkstatt etwa seien heute keinen „einfachen Schrauber“ mehr am Werk, sondern halbe EDV-Spezialisten.

Bleibt die Frage: Wenn es keine Generationen-Spezifika gibt, warum wird so viel über sie geschrieben? Wie konnte sich etwa das Phantom „Generation Z“ in den Schlagzeilen, Blogs und auf der Agenda von Kongressen halten? „Es wurde häufig aus der eigenen Erfahrung heraus argumentiert“, erklärt Heiko Weckmüller.

Er erläutert den Mechanismus an einem fiktiven Beispiel: Ein Personalmanager beobachtet in der Straßenbahn einen jungen Mann, der ununterbrochen auf seinem Smartphone tippt, und schließt daraus, dass diese Altersklasse ständige Kommunikation braucht. Aus diesem völlig subjektiven Eindruck leitet er dann eine Führungsempfehlung ab, wie „Wir müssen den Jungen mehr Feedback geben“. „Häufig heißt es dann: ‚So ticken alle‘, doch das stimmt nicht“, resümiert Weckmüller.

„Menschen brauchen Erklärmodelle“, meint Jugendexperte Thomas. Es werde immer Ältere geben, die sagen, dass sie die Jungen nicht kapieren, und Berater, Buchautoren und Vortragsredner, die davon leben, den Alten die neue Generation zu erklären.

Die Generationendebatte sei also quasi ein Wirtschaftsfaktor. Und der habe seine Berechtigung – in Grenzen, findet Thomas. „Nur, wenn sich ein Berater hinstellt und sagt, dass ein Unternehmen wegen der neuen Generation sein gesamtes Personalmarketing umstellen muss, wird es unverantwortlich.“ cer

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