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Freitag, 15. Dezember 2017

Frauensache

Weibliche Tandems auf Schulexpedition

Von Matilda Jordanova-Duda | 9. März 2017 | Ausgabe 10

ImAda-Lovelace-Projekt (ALP) stecken Studentinnen und weibliche auszubildende Schülerinnen in Rheinland-Pfalz mit ihrer Technikbegeisterung an.

Schülerinnen BU
Foto: Matilda Jordanova-Duda

Julia Mathy (li.), Mentorin und Biochemie-Ingenieurin, begibt sich gerne mit den Schülerinnen auf Augenhöhe.

Shea-Butter, Olivenöl, zwei Emulgatoren, ein Tröpfchen ätherisches Duftöl: sorgfältig nach Rezept abgemessen und im Wasserbad erhitzt. 18 Mädchen rühren vorsichtig in ihren Behältern, um eine Creme herzustellen. „Kosmetik aus dem Reagenzglas“ heißt der Workshop für Schülerinnen der 6. bis 9. Klasse an der TU Kaiserslautern.

In 20 Jahren mehr als 100 000 Mädchen erreicht

Drei Betreuerinnen in roten T-Shirts wuseln zwischen den Gruppen, erklären, wie man die Zutaten mixt und der Magnetrührer funktioniert. Ein bisschen Theorie muss auch sein: Was ist ein ph-Wert, warum vermischen sich Öl und Wasser nicht, was ist sauer und was basisch? Nebenbei werben die Betreuerinnen für einen Besuch im Chemielabor der Universität oder für die nächste AdventsAG. Die jungen Frauen in den T-Shirts des Mint-Projekts „Ada-Lovelace“ sind nur wenig älter als die Teenies und studieren oder promovieren an der TU.

„Ich kann, was ich will“ steht auf den roten Kleidungsstücken. Der geringe Altersunterschied schafft Identifikation, so die Idee hinter dem ältesten Mint-Projekt für junge Frauen, genannt nach der ersten Programmiererin der Geschichte, Ada Lovelace, Tochter von Lord Byron. Angefangen 1997 an der Universität Koblenz, ist es mittlerweile flächendeckend in Rheinland-Pfalz vertreten und kooperiert mit anderen Mentoring-Netzwerken wie CyberMentor.

„Ich kann das nicht! Ich kann das nicht! – und am Ende klappt es doch.“ Dann freut sich Julia Mathy sogar mehr als das Mädchen mit dem Erfolgserlebnis. Die angehende Biochemie-Ingenieurin ist eine der 16 Mentorinnen an der TU Kaiserslautern. Nach einer pädagogischen Schulung und einer Einarbeitungszeit werden die Studentinnen eingesetzt, „wie man gerade Zeit hat“. In der Regel sind es eine bis zwei Veranstaltungen pro Woche. Manchmal auch im Tandem mit einer Auszubildenden. Diese sind im Beruf zwar eingespannter und seltener dabei als Studierende, aber wenn, „dann können wir viel von ihnen lernen“, sagt Mathy: „Im Studium haben wir viel Theorie, und die Azubinen legen bei den praktischen Sachen direkt Hand an.“

Mentorin wurde Mathy, weil relativ wenig Frauen ihr Fach studieren. „Da ist noch Luft nach oben“, dachte sie. Man müsse früh genug anfangen, Interesse zu wecken. Bei ihr waren die Chemiewettbewerbe in der Schulzeit, eine Betriebsbesichtigung beim Pharmahersteller Boehringer Ingelheim – und eine gute Studienberatung ausschlaggebend gewesen.

Nicht jedes Mädchen, das eine Creme rührt oder ein LED-Weihnachtsbäumchen lötet, wird eines Tages Chemikerin oder Ingenieurin. „Aber auch gut 20 Jahre nach dem Start sind Projekte wie das ALP nach wie vor notwendig“, sagt die wissenschaftliche Leiterin Claudia Quaiser-Pohl, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Koblenz. Nur 30 % der Studienanfänger des Jahres 2014/2015 in den Mint-Fächern seien weiblich gewesen. „Bis sich klassische Geschlechterzuschreibungen oder Traditionen gewandelt haben, kann es ein bis zwei Generationen dauern“. Da seien 20 Jahre keine lange Zeit.

Dennoch soll der Erfolg gemessen werden. Da es wegen des Datenschutzes schwer möglich sei, mit den Schülerinnen in Kontakt zu bleiben und ihren Lebensweg zu verfolgen, wurde ein Vergleich der Mint-Erstsemesterinnenzahlen in Rheinland-Pfalz mit dem Bundesdurchschnitt durchgeführt. Im Zeitraum 2003 bis 2013 lag das Bundesland stets darüber. In manchen Jahrgängen beträgt der Unterschied bis zu 7 %, an anderen nur 2 % bis 3 %, aber auch das wertet Quaiser-Pohl schon als großen Erfolg. Ihr Fazit: Ein direkter Einfluss auf die Studien- und Berufswahl lässt sich kaum nachweisen. Zu vielfältig sind die Faktoren, die seitens der Familie, der Schule, der Clique und anderer Faktoren wirken. Aber einen indirekten Einfluss gebe es sicherlich.

Auch wenn die Hochschulstandorte ihre eigenen Schwerpunkte setzen, „verfolgen wir eine gemeinsame Strategie, achten auf enge Absprachen und fühlen uns zu einheitlichen Standards verpflichtet“, sagt Quaiser-Pohl. Landesweite Mentorinnentreffen sollen die Vernetzung und die Qualitätssicherung verbessern. Im Jubiläumsjahr soll auch ein zentrales Alumnae-Netzwerk entstehen. Es gibt schließlich jede Menge Ehemaliger, die inzwischen in Lohn und Brot stehen. Sie organisieren Weiterbildungen, helfen mit Praktikumsstellen aus oder bei der Jobsuche. Leider seien die Stellen der Projektleiterinnen auf ein Jahr befristet und an Drittmittel gebunden, bedauert Quaiser-Pohl: „Das ist nach wie vor ein Unsicherheitsfaktor“. Die Professorin wünscht sich, dass die Hochschulen Frauenförderung im Mint-Bereich als Daueraufgabe ansehen.

Nach jeder ALP-Veranstaltung füllen die Teilnehmerinnen Fragebögen aus. Diese werden sowohl vor Ort als auch zentral ausgewertet, um das Angebot anzupassen. Früher gab es mehr Berufsorientierungsspiele und Gesprächsrunden, erinnert sich Makbule Engelhardt, Projektleiterin an der TU Kaiserslautern. Heute geht es mehr ums Selbermachen: „Praktische Aufgaben aus dem Studium und der Ausbildung werden mit einer kurzen Berufsinfo verbunden.“ Dabei orientiert sich das Projekt an den Wünschen der Schulen. „Sie geben einen Themenbereich vor, etwa Energie oder Nachhaltigkeit, und wir versuchen, ihn in verschiedenen Varianten abzudecken“, so Engelhardt. Da kommt es auf aktuelle Trends wie auch auf die Ideen der Mentorinnen an.

Lag früher der Fokus eher auf Gymnasien, wurde das Angebot auf die in Rheinland-Pfalz angesiedelten Realschulen plus und Gesamtschulen erweitert. Auch gab es vor Jahren mehr Ferienveranstaltungen, bei denen die Jugendlichen „Campusluft schnuppern“ sollten. „Jetzt haben wir die Arbeit in die Schulen verlagert, weil wir auch Kinder erreichen wollen, denen nicht möglich ist, zur Universität zu kommen“, sagt Engelhardt.

Wer weiß, vielleicht gibt es demnächst eine zweite Linda Hofherr. Um Mentorin zu werden, bewarb sich die Biophysikerin mit ihrem Teilnahmezertifikat von 2007. Damals war sie in der 8. Klasse und hatte bei „Ada-Lovelace“ an der TU ein Dioden-Männchen gelötet. Für ihre Berufs- und Hochschulwahl erwies sich das als entscheidender Impuls. „Als ich zufällig gesehen habe, dass Mentorinnen gesucht werden, erinnerte ich mich, wie toll ich es damals fand. Ich will mir gar nicht vorstellen, keiner hätte mir gezeigt, wie viel Spaß die Technik machen kann“, sagt die heutige Doktorandin. Das Dioden-Männchen steht übrigens immer noch auf ihrem Schreibtisch.

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