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Dienstag, 12. Dezember 2017

Ausstellung

Wenn Menschen nach den Sternen greifen

Von Johannes Wendland | 23. Februar 2017 | Ausgabe 08

Die Deutsche Kinemathek in Berlin huldigt dem Science-Fiction-Genre.

Bildartikel zu DEFA_Schweigende_Stern_M.jpg
Foto: Defa-Stiftung/Waltraud Pathenheimer

DDR-Kultfilm aus den 60er-Jahren: „Der schweigende Stern“ ist der erste Science-Fiction-Film des Defa-Studios für Spielfilme, eine Co-Produktion zwischen der DDR und Polen.

Angenommen, der Menschheit würde sich in einer fernen Galaxie tatsächlich einmal eine Alternative zur guten alten, aber gefährdeten Erde eröffnen. Angenommen, es gäbe Menschen, die sich auf den Weg zu diesem fernen Stern begeben wollten. Wie nur könnten sie die lange, lange Reise dorthin überstehen? Das Science-Fiction-Kino hat eine eindeutige Antwort: schlafend.

Spiegelung des Zeitgeistes

120 Jahre, so behauptet beispielsweise der im Januar in den Kinos gestartete Science-Fiction-Liebesfilm „Passengers“, würde die Reise zur geplanten Menschheitskolonie „Homestead II“ auf einem dieser fernen Planeten dauern. Die 5000 Reisenden auf dem mit Lichtgeschwindigkeit dahinrasenden Raumschiff „Avalon“ befinden sich derweil im Hyperschlaf. Sie liegen in engen Kammern, sind von der Außenwelt vollkommen abgeschlossen und die Vitalfunktionen auf ein Minimum reduziert. Die Alterung ist praktisch angehalten. Eher vage wird angedeutet, dass ein solcher Hyperschlaf nur durch umfangreiches Training und eine strapaziöse technische Prozedur erzeugt werden kann. Dass zwei Menschen den mehr als ein Jahrhundert andauernden Hyperschlaf an Bord des Raumschiffs unfreiwillig unterbrechen müssen und deshalb plötzlich den normalen Prozessen von Zeit und Raum unterliegen – das ist das überaus reizvolle Thema von „Passengers“.

Foto: Marian Stefanowski/Deutsche Kinemathek -Sammlung Rolf Giesen

Tja, die Wesen aus dem All sind nicht immer nett, so wie das Alien aus dem gleichnamigen Film.

Die Idee vom Hyperschlaf hat im Science-Fiction-Kino schon eine lange Geschichte. Das ist in der Ausstellung „Things to come – Science, Fiction, Film“ in der Deutschen Kinemathek in Berlin zu sehen. Über alle Stockwerke des Museums für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz breitet die Ausstellung ein umfangreiches Panorama des Science-Fiction-Kinos aus, wobei anstelle einer chronologischen eine thematische Gliederung gewählt wurde. Davon profitiert der Erkenntniswert dieser – nicht nur für Science-Fiction-Fans – sehr sehenswerten Ausstellung.

Was den Hyperschlaf betrifft, so können wir in der Ausstellung und dem Begleitkatalog zum Beispiel ein Standbild mit Sigourney Weaver sehen, wachschlafend in einer sargähnlichen Kammer. In Ridley Scotts Horrorfilm „Alien“, dessen Hauptfigur sie darstellt, wird die Besatzung eines Langstreckenraumschiffs durch Notsignale eines – eben von Alien – bedrohten Planeten aus dem kalkulierten Tiefschlaf geweckt.

Doch ist wirklich etwas dran am Hyperschlaf? Wir erfahren: Wissenschaftliche Experimente, bei denen Menschen durch Herunterfahren der biologischen Funktionen in eine Art Kälte- oder Winterschlaf versetzt wurden, haben gezeigt, dass ein solcher künstlicher Tiefschlaf bestenfalls eine Stunde andauern dürfe, um nicht zum sofortigen Ableben zu führen.

Die Berliner Ausstellung unternimmt es zum Glück nicht, die vielen utopischen Geschichten des Zukunftsgenres einfach zu widerlegen oder als banale Fiktionen zu entlarven. Im Gegenteil. Die Ausstellung nimmt Science-Fiction ernst und fragt, was hinter den gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und anthropologischen Utopien und Dystopien steckt, die schon in den frühesten Jahren des Kinos ein eigenes, immer wieder faszinierendes Genre geschaffen haben. Schon 1902, das Kino war gerade einmal sieben Jahre alt, ließ der Franzose George Méliès in seinem 15-minütigen Stummfilm „Voyage dans la lune“ einige Wissenschaftler in einer Blechrakete zum Mond fliegen, die dann unglücklicherweise genau im rechten Auge vom „Mann im Mond“ landet.

Sehr viel seriöser ging Fritz Lang 1925 in seinem epochalen Film „Metropolis“ die Sache an – die monumentale, detailliert entwickelte Geschichte einer Großstadt der Zukunft, in der eine eigene, klar in „oben“ und „unten“ aufgegliederte, autoritäre Gesellschaftsform herrscht. Der Film steckt voller Anspielungen und Verweise und wirkt heute wie eine frühe künstlerische Warnung vor den politischen Verwerfungen und Katastrophen, die die folgenden Jahrzehnte tatsächlich prägen sollten.

Wenn die Menschen anfangen, über die Zukunft ihrer Gattung oder ihres Planeten zu fantasieren, kommt in den Geschichten, die dabei entstehen, immer auch sehr viel von der jeweiligen Gegenwart zum Vorschein. Daher fragt die Ausstellung: Was erfahren wir über die alte, vergangene Bundesrepublik, wenn wir uns Dietmar Schönherr und Eva Pflug auf der Raumschiffbrücke der „Raumpatrouille Orion“ ansehen? Welches Bild von Wissenschaft und Zukunftsgläubigkeit spricht aus den Science-Fiction-Filmen der DDR wie etwa Kurt Maetzigs „Der schweigende Stern“ von 1960? Und was sagen uns die vielen, vielen US-Filme, in denen eine Bedrohung der Zivilisation in God‘s Own Country von außen vorhergesehen wird – von Don Siegels „Invasion der Körperfresser“ der 1950er-Jahre bis zu Roland Emmerichs „Independence Day“ von 1996?

Foto: Collection Cinémathèque francaise, Paris/DK

„Le canon monstre“ von George Méliès (Rekonstruktion 1930) aus dessen Film „Le voyage dans la lune“.

Die Berliner Ausstellung ist lehrreich und unterhaltend zugleich. Die zum Teil äußerst kunstvollen Filmzeichnungen, Filmfotos, Filmplakate und Requisiten sind sehr gut ausgewählt, zu jedem Themenraum gibt es zudem eine Zusammenstellung von Filmausschnitten, die sofort veranschaulichen, was die Ausstellung behauptet. So gibt es in einem Raum Ausschnitte zu „guten Robotern“ wie etwa dem rührend verspielten R2D2 aus den „Star Wars“-Filmen und zu „bösen Robotern“ wie dem fiesen Polizeiroboter ED-209, der im Science-Fiction-Thriller „RoboCop“ den titelgebenden Roboter-Mensch bekämpft. Gleichzeitig verdeutlichen die gezeigten Filmausschnitte, wie immer wieder auf das Mittel der „vermenschlichten Maschine“ zurückgegriffen wurde – und so ein fester Topos des Genres entstand.

Je weiter man in der Berliner Ausstellung gelangt, desto enger rückt sie dem Besucher auf den Pelz. Nach den Ausstellungskapiteln „Weltraum“ und „Gesellschaft der Zukunft“ geht es am Ende um „Das Fremde“. Hier sind Filme zu sehen, die zeigen, wie der Mensch im Kinogenre Science-Fiction immer auch das Unbekannte in sich selbst sucht. In Filmen wie „Alien“ oder „Independence Day“ geht es um Urängste, um die Angst vor dem Fremden und dem Verlust der Grenze zwischen Eigenem und Fremdem. Und das sind immerjunge Themen, die heute aktueller denn je erscheinen.

Die Besucher dieser Ausstellung können sich auf ein Wiedersehen mit vielen vergangenen Filmerlebnissen freuen. Und sie erhalten zugleich reichlich Denkanstöße, die weiter wirken – bis zum nächsten Science-Fiction-Erlebnis im Kino oder auf dem heimischen Bildschirm. 

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