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Dienstag, 12. Dezember 2017

Ausstellung

Wider die gerade Linie

Von Eckart Pasche | 12. Januar 2017 | Ausgabe 01

In Wedel widmet sich eine Schau dem Leben und Werk von Friedensreich Hundertwasser.

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Foto: Hamida AG, Glarus, Schweiz/Museum Wedel

Die ungewöhnliche Architekturidee von Hunderwasser wird auch im Werk „Mit der Liebe warten tut weh, wenn die Liebe woanders ist“ deutlich.

Das Ernst Barlach Museum in Wedel zeigt mit einer groß angelegten Schau allen Facetten des künstlerischen Multitalents, Philosophen und Umweltaktivisten Friedensreich Hundertwasser (1928–2000) gerecht zu werden, der sich selbst als „Architekturdoktor“ bezeichnete und jede Schematisierung streng ablehnte. Die 150 Exponate stammen aus drei privaten Sammlungen. Es gibt einiges zu entdecken: Was Architekten heute als neue Ideen ausgeben, hat Hundertwasser schon seit den 1950er-Jahren vorgelebt. Mit dem heutigen „Passivhaus“ soll der Energieverschwendung begegnet werden, begrünte Fassaden und Dächer spenden Sauerstoff und steigern die urbane Lebensqualität. Hundertwasser hat es auf seine Weise längst umgesetzt.

Alles so schön bunt hier

Seine Kunst begriff er als gesellschaftspolitische Intervention: „Ich will den Menschen Dinge geben, die schön und brauchbar sind, die für sie etwas bedeuten und sie bereichern.“

Geboren wurde Friedrich Stowasser, so sein Name, am 15. Dezember 1928 in Wien. Im Wintersemester 1948/49 hielt der Freigeist es gerade drei Monate an der dortigen Akademie der bildenden Künste aus. Hier begann er, seine Werke mit „Hundertwasser“ zu signieren, denn „sto“ bedeutet in slawischen Sprachen „hundert“. Während eines Aufenthalts in Japan übersetzte er 1961 seinen Vornamen in die japanischen Schriftzeichen für die Begriffe „Friede“ und „reich“. Er nannte sich nun Friedereich, woraus 1968 Friedensreich Regentag Dunkelbunt wurde. Auch sein Schiff, einen umgebauten Salzfrachter, mit dem er 1968 von Sizilien nach Venedig segelte, taufte er Regentag.

In den 1970er-Jahren erwarb Hundertwasser in der Bay of Islands in Neuseeland mehrere Grundstücke, die mit einer Fläche von insgesamt rund 372 ha das gesamte Kaurinui-Tal umfassen. Hier verwirklichte er seinen Traum vom Leben und Arbeiten mit und in der Natur unter anderem in dem von ihm gestalteten „Bottlehouse“. Er konnte mittels Sonnenkollektoren, Wasserrad und Pflanzenkläranlagen nahezu autark leben und experimentierte mit Grasdächern.

Die Hundertwasser-Gebäude würden wohl die meisten Menschen kennen, vermutet Jürgen Doppelstein, Vorsitzender der Ernst-Barlach-Gesellschaft. Und so beginnt die Ausstellung auch mit Fotografien von Bauwerken, die der Künstler nach seinen Vorstellungen gestaltet hat: An den weißen Museumswänden hängen Aufnahmen der Hundertwasser-Häuser in Wien und Essen und einer Müllverbrennungsanlage in Osaka. Viele kräftige Farben, organische Formen, so wie bei seinen Säulen am Uelzener Bahnhof prägen das Bild. Gerade Linien, welche die Architektur bestimmen, bezeichnete er als „gottlos“.

In den 1970er-Jahren ließ Hundertwasser erste Architektur-Modelle anfertigen, beispielsweise für die Eurovisions-Sendung „Wünsch Dir was“, mit denen er seine Ideen der Dachbewaldung, der Baummieter und des Fensterrechts veranschaulichte. In diesen Mustern schuf er architektonische Formen wie das Augenschlitzhaus, das Terrassenhaus und das Hoch-Wiesen-Haus, später kamen die Modelle Grubenhaus, Spiral-Haus, die „Begrünte Tankstelle“ sowie die „Unsichtbare und unhörbare Autobahn“ hinzu. Seinen Bauwerken wohnt mit ihren Zwiebeltürmen und an Minarette erinnernden Säulen ein Hauch aus Tausendundeiner Nacht inne. So positiv sie vom breiten Publikum angenommen wurden und sich schnell zu Tourismusmagneten entwickelten, so vehement wurden sie von der Fachpresse abgelehnt. Die Vorarlberger Architektur-Schriftstellerin Liesbeth Waechter-Böhm kritisierte Mitte der 1990er-Jahre die Ausbreitung der Hundertwasserbauten als „Beulenpest“. Und der Wiener Architekt Ernst Steiner, der selbst Passivhäuser baut, sprach von einem „Krebsgeschwür“.

Auch Hundertwassers ökologischer Aktivismus spiegelt sich in seinen Werken wider. Ob Wasserknappheit oder die Abholzung des Regenwalds: „Viele Probleme, die Hundertwasser mit seiner Kunst anspricht, sind heute umso wichtiger geworden“, sagt Heike Stockhaus, Geschäftsführerin des Ernst Barlach Museums. Am eindrücklichsten vermitteln die Plakate die Haltung des Künstlers. Auf ihnen verbindet er farbstarke Motive mit eindringlichen Botschaften.

Naturschutz und Ökokrise haben die Aufmerksamkeit verstärkt auf Hundertwassers Naturästhetik gelenkt. Sie teilt mit dem Jugendstil die Kritik an der Technik, denn deren Sinn sei die Beherrschung, nicht die Allianz mit der Natur. Er forderte, sich des Schmutzes und Mülls in der Wegwerfgesellschaft durch Recycling zu bemächtigen und dem kreativen Stoffwechsel der Natur zuzufügen. Seine Lebenseinstellung fasste der bekennende Monarchist so zusammen: „Ich selbst brauch‘ gar nicht viel. Ich gebe keine Parties. Ich fahre keinen Rolls-Royce. Ich bin nur in der angenehmen Lage, so zu leben, wie ich will – mit Möbeln aus Gerümpel. Mein Vorbild ist Kaiser Franz Joseph. Der hat gesagt, er komme mit einer einzigen Lederhose im Leben aus.“

Am 19. Februar 2000 starb Friedensreich Hundertwasser auf der Rückreise von Neuseeland nach Europa an Bord der „Queen Elizabeth 2“ an Herzversagen. Seinem letzten Wunsch entsprechend wurde er auf seinem Grundstück in Neuseeland unter einem Tulpenbaum, ohne Sarg und nackt, eingehüllt in eine von ihm entworfene neuseeländische Koruflagge, beerdigt.„Hundertwasser wird zu jenen gehören, die unser Jahrhundert am stärksten und bleibend repräsentieren, und noch mehr, die unserer Welt zu ihrer inneren Selbstfindung die entscheidenden Leitbilder zu geben vermögen“, würdigt ihn Walter Koschatzky, Direktor der Graphischen Sammlung Albertina in Wien. 

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