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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Weiterbildung

Zertifikat? Gibt es nicht!

Von Chris Löwer | 29. Juni 2017 | Ausgabe 26

Die Absolventen der Nürnberger „Shiftschool“ sollen ihren Unternehmen helfen, den digitalen Wandel voranzutreiben.

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Foto: panthermedia.net/garagestock

In der disruptiven digitalen Welt bleibt nach Aussage vieler Apologeten so gut wie kein Stein auf dem anderen. Neue Geschäftsmodelle müssen her.

Clemens Baron will den Wandel. Der Elektroenergietechniker hat nach leitenden Positionen bei Areva und dem TÜV Nord unlängst den Job gewechselt und bei der Elektrobit Automotive GmbH als Senior Project Manager angeheuert. Baron versteht es, sich, wie er sagt, „aus der Komfortzone“ zu begeben. Auch deshalb nahm er eine Art Nachhilfe in Sachen praktisch gelebtem digitalem Wandel bei der Nürnberger Shiftschool, „Deutschlands erster Akademie für digitale Transformation“, wie die Gründer Christina und Tobias Burkhardt betonen.

Tobias Burkhardt hält zwar große Stücke auf deutsche Ingenieurkunst, doch die nötige digitale Denke sieht er hierzulande wenig ausgeprägt: „Zwar können Ingenieure gute Maschinen bauen und sie auch digitalisieren, wie man am Thema Industrie 4.0 sieht, doch der Sinn für digitale Geschäftsmodelle fehlt weitgehend“, sagt er. „Sie sollten sich nicht so sehr auf schrittweise Verbesserungen von Produkten, Dienstleistungen und Prozessen fokussieren, sondern darauf, wie man Geschäftsmodelle neu denkt und auf die zahlreichen Möglichkeiten, die die neuen Technologien bereithalten.“

Clemens Baron sieht das ähnlich: Ingenieure seien zwar „die geistigen Eltern technischer Systeme“, doch „in der Zukunft verwächst die Technik immer mehr mit Software, Daten und den Menschen“, sagt er. Damit ändern sich die Spielregeln. „Die Shiftschool hat mir den Blick geschärft, dass nicht die Perfektion der Technik allein, sondern am Ende das Geschäftsmodell und der -erfolg zählen“, erklärt er. Manchmal sei es eben besser, Dinge zu tun, statt ewig an der perfekten Lösung zu tüfteln, um nicht den Anschluss zu verlieren. Doch das sei „nicht unbedingt die Herangehensweise deutscher Ingenieure“. Barons neue Sicht gerinnt in dem Satz: „Das Festmahl der Disruption wird stattfinden, es ist nur die Frage, ob man am Tisch sitzt oder der Braten ist!“ Und Baron betont: „Das trifft auch uns Ingenieure und ehrlich: Ich sitze lieber.“

Deswegen ist es nur logisch, dass die Shiftschool Weiterbildung etwas anders als andere betreibt: „Wir begreifen uns bewusst weder als akademisches Institut noch als Berufsakademie“, stellt Christina Burkhardt klar. Das heißt: kein frontales Lernen, kein Faktenpauken, keine starren Lehrpläne. Reine Wissensvermittlung in einer Welt, in der sämtliche Informationen mit ein paar Klicks für alle zugänglich sind, sei längst überholt, sind sich die Veranstalter sicher.

Daher besteht der Lehrplan des berufsbegleitenden 18-monatigen Weiterbildungsprogramms aus acht Modulen, die dauernd an die sich ändernden Themen angepasst werden. Die Macher sprechen von „kuratiertem Lernen“, weil sie wie ein Kurator einer Ausstellung Lerninhalte passgenau zusammenstellen. Standen kürzlich noch Big Data und virtuelle Realität im Vordergrund, liegt der Fokus jetzt stärker auf künstlicher Intelligenz und digitalen Plattformmodellen. Doch ungeachtet aller technischen Fragen steht bei der Shiftschool das Change-Management im Vordergrund. „Unsere Absolventen sollen ihre Organisation verändern, dort als digitale Transformatoren wirken“, erklärt Christina Burkhardt.

Wer mitmischen will, muss sich bewerben. Doch formale Auswahlkriterien spielen nach Aussage der Anbieter keine Rolle, ebenso wenig wie geradlinige Lebensläufe. „Was zählt, ist die Leistungsbereitschaft, auch neben dem Job Großartiges zu schaffen“, sagt Burkhardt selbstbewusst.

Besonders bei Banken und Versicherungen stößt das Angebot auf reges Interesse, aber auch in der Autoindustrie, bei Zulieferern und Sportartiklern. „Weder klassisches Consulting, darauf ausgerichtet, existierende Prozesse effektiver zu machen, noch eilig hinzugezogene externe Kreative können langfristig die Notwendigkeit für interne Innovation ersetzen“, sind die Macher überzeugt. Der Wandel müsse von innen kommen, von den Mitarbeitern angestoßen und getragen werden.

Den Shift-Schülern werden Methoden und Fähigkeiten beigebracht, die vermitteln, wie man Neues entwickelt, unternehmerisch denkt, Experimente wagt und sich vernetzt. Absolventen sollen für weitere Führungsaufgaben in Strategie, Innovation, Marketing und Vertrieb vorbereitet werden, wobei der Status des „Digital Transformation Manager“ die Karriere beschleunigen könne, versichern jedenfalls die Anbieter.

Das didaktische Konzept orientiert sich an den „Four Ps for Creative Learning“ des MIT Media Labs: Projects, Peers, Passion, Play. In Projekten, mit spielerischem Experimentieren, lernt es sich besser. Ebenso in der Gruppe, idealerweise mit interessanten Menschen (Peers). Passion für die Sache wird entfacht, wenn an lebensnahen Aufgaben gearbeitet wird, die direkt aus dem Arbeitsumfeld stammen. Und das Ganze darf spielerisch geschehen, gern auch im Wettstreit mit anderen Gruppen an der Shiftschool. Design Thinking ist dabei das Fundament des Programms: Ideen ausprobieren, diskutieren, Fehler machen, aus diesen lernen.

In einer solchen Welt würden eingerahmte Urkunden für die Bürowand wie ein Anachronismus anmuten, weswegen die Shiftschool darauf wie auch auf formale Leistungsnachweise verzichtet. Stattdessen erstellt jeder Teilnehmer seine eigene Website, auf der alle Leistungen, Arbeitsproben und Referenzen dokumentiert werden, was aussagekräftiger als Zeugnisse sei, finden zumindest die Anbieter. Einen formal zertifizierten Abschluss halten sie für „nur ein Stück Papier, das unserer Meinung nach nicht wirklich etwas darüber aussagt, was jemand kann“.

Der neue Lehrgang startet im Oktober 2017. Kosten: 10 500 €.  cer

http://www.shiftschool.de

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