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Dienstag, 12. Dezember 2017

Ausstellung

Zwischen Realität und Fiktion

Von Evdoxia Tsakiridou | 13. Juli 2017 | Ausgabe 28

Im Lenbachhaus in München setzen sich Künstler mit dem Propagandabegriff auseinander.

Bildartikel zu 2017_Propaganda_Kunstbau_Presse_03.jpg
Foto: Lenbachhaus

Blick in die Ausstellung: Zu sehen ist „The Emperor of Africa“ aus dem Jahr 2013 von Samuel Fosso.

Fake News, alternative Fakten, Post-Truth – bei bestimmten Aussagen geht es weniger um Tatsachen als um Wirkung. Die Beeinflussung der Öffentlichkeit sei kein neues Phänomen, meinen die Kuratoren der Ausstellung „After the Fact. Propaganda im 21. Jahrhundert“. Im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses beleuchten sie den Propagandabegriff und zeigen, dass sich damit auch Konzepte von Wahrheit oder Wirklichkeit untersuchen lassen.

Alternative Fakten in München

Wer das Stichwort Propaganda hört oder liest, assoziiert damit meist die Manipulation der öffentlichen Meinung in totalitären Regimen. Doch so einfach ist es nicht. In der Definition der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) heißt es: „Propaganda ist der Versuch der gezielten Beeinflussung des Denkens, Handelns und Fühlens von Menschen. Wer Propaganda betreibt, verfolgt damit immer ein bestimmtes Interesse.“ Propaganda ist ein Werkzeug, für das inzwischen ein großer Baukasten existiert und dessen Werkzeuge auf subtile Weise eingesetzt werden. Legt man die bpb-Definition zugrunde, fallen auch „Öffentlichkeitsarbeit“, „Strategische Kommunikation“ oder „Public Affairs“ unter diese Kategorie. Im Kunstbau stellen sechs Sektionen die Trends und Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre nach. Die Künstler reflektieren, ironisieren oder karikieren mit Comics, Gemälden, Installationen und Medienkunst.

Franz Wanner beschäftigt sich in seinem Werk „Dual Use“ mit technologischen Entwicklungen, die sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich eingesetzt werden. Er arbeitet mit Interviews, Infotafeln und eigenen Texten. Auf einem der Fotos ist der Ludwig Bölkow Campus (LBC) abgebildet, ein Zentrum der Luft- und Raumfahrtforschung in Ottobrunn bei München. Während des zweiten Weltkrieges errichteten dort die Nazis ein Lager für Zwangsarbeiter, die für den Flugzeughersteller Messerschmidt schuften mussten. Letzter betrieb im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums eine Großforschungseinrichtung. Heute ist man stolz auf die am LBC entwickelten „Dual-Use-Produkte“. Beispielsweise Drohnen, sagt Wanner, die an die Armeen der USA und Großbritannien verkauft werden. Offiziell werden Drohnen auch als „Autonome Systeme“ bezeichnet, sie können auch in der Logistik gute Dienste leisten.

Die Ausstellung hat dazu geführt, dass die Grünen in Bayern eine Anfrage ans bayerische Wirtschaftsministerium bezüglich der finanziellen Unterstützung von Rüstungsforschung gestellt haben. Das Wirtschaftsministerium verneint das. Der Titel der Installation von Wanner bezieht sich auf die gleichnamige Verordnung der Europäischen Union. Dual-Use-Güter kann die staatliche Exportkontrolle in Deutschland durchwinken – und in Krisengebiete liefern. Handelt es sich hier „nur“ um einen Euphemismus? Oder ist das Weglassen von Informationen bereits Manipulation?

Sandow Birk thematisiert in seinem Gemälde „The Triumph of Fear“ die innerstädtische Gewalt in seiner Heimat USA. Der Betrachter sieht, wie hochgerüstete Polizisten mit Knüppeln gegen schwarze Amerikaner vorgehen. In den Tumult mischen sich Skelette, die an den mittelalterlichen „Gevatter Tod“ erinnern. Birk verdichtet groteske Elemente mit dokumentarischen Inhalten und macht die Realität zum Objekt seiner Kunst. Aber präsentiert der Amerikaner nun Kunst oder Informationen? „Ein gutes Kunstwerk muss eine metaphorische Abstraktion sein, die komplexe Gedanken auslöst, so die gängige Meinung. Immer dann, wenn die Dinge sich nicht verrätseln, ist es ein Sündenfall der Kunst. Aber ist es immer richtig, sich an ästhetischen Kategorien abzuarbeiten?“, fragt Lenbach-Direktor Matthias Mühling.

An diesen und weiteren Beispielen demonstrieren die Kuratoren, dass sich der Propagandabegriff als Instrument nutzen lässt, um die Konzeption von Wahrheit zu analysieren. In diesem Zusammenhang wäre ein Blick auf die philosophische Auseinandersetzung wünschenswert gewesen. Diese Geisteswissenschaft arbeitet sich seit Jahrtausenden am Wahrheitsbegriff ab und hat zahlreiche Wahrheitsdefinitionen hervorgebracht. Zu sehen und zu hören, an welchen Wirklichkeitskonzepten Philosophen und Physiker gemeinsam arbeiten, hätte zu weiteren Denkanstößen und Erkenntnissen führen können. 

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