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Dienstag, 12. Dezember 2017

Ausstellung

Zwischen Utopie und Dystopie

Von Jutta Witte | 23. März 2017 | Ausgabe 12

Mit „Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine“ lädt das Vitra Design Museum zur Reflexion über das titelgebende Thema ein.

witte BU
Foto: Andreas Sütterlin

Niedlich: Der „Directional Robot“, ein Spielzeug aus dem Jahr 1957 von Yonezawa, wirkt so schön harmlos.

Ein Zitat des US-amerikanischen Robotik-Pioniers Joseph Engelberger: „Ich kann einen Roboter nicht definieren. Aber ich erkenne einen, wenn ich ihn sehe.“ Ginge Engelberger heute im Vitra Design Museum in Weil am Rhein durch die Ausstellung „Hello, Robot“, müsste er sich vielleicht korrigieren. Denn die Schau macht schon zu Beginn deutlich, dass es nicht nur keine einheitliche Definition für einen Roboter gibt. Auf den ersten Blick sieht man vielen der mehr als 200 Exponate ihren Bezug zur Robotik auch nicht an.

Weil am Rhein und die künstliche Intelligenz

Der erste Ausstellungsraum „Science und Fiction“ wirkt wie eine Schatzkammer, in der man – begleitet von Technopop – alte Vertraute wie „R2D2“ aus den Star Wars-Filmen von George Lucas findet, aber auch Neues entdeckt. Zum Beispiel, dass es den Begriff Roboter schon seit 1920 gibt. Der tschechische Schriftsteller Karel Capek hat ihn in seinem Drama „Rossum‘s Universal Robots“ (R.U.R.) geboren. Fotos von der New Yorker Inszenierung des Stückes zeigen Klone aus synthetisch-organischem Material – eine rechtlose Arbeiterklasse, die sich schließlich auflehnt und die Menschen vernichtet.

Foto: Key Docs/Alice Cares

Eine Szene aus dem Film „Alice Cares“ von Sander Burger (2015): Der Careroboter soll älteren und vor allem demenzkranken Menschen Ansprache bieten.

Das führt direkt zu einer von 14 grundsätzlichen Fragen, welche die Ausstellungsmacher den Besuchern mit auf den Weg geben: Sind Roboter unsere Freunde oder unsere Feinde? Denn die Bandbreite ist groß – vom kugelrunden Kumpel „Robin“, einem „Transgender“ mit Kulleraugen und Armen aus Heißluftschläuchen aus der Werkstatt des belgischen Designers Jan der Coster über den martialischen „Gundam“ aus einer japanischen Zeichentrickserie bis hin zu modernen Saugrobotern, denen ihre Besitzer zuweilen Namen geben wie einem Haustier.

„Menschen suchen immer nach einem Gesicht“, weiß die stellvertretende Kuratorin Erika Pinner. Denn Gesichter wecken Vertrauen selbst in Maschinen, ein Vertrauen, das aber trügerisch sein kann. Dies demonstrieren die „Blabdroids“ von Alexander Reben. Der ehemalige MIT-Student hat die kleinen Roboter aus Pappe und Kunststoff gebaut und ihnen freundliche Gesichter aufgeklebt. Sie stellen mit Kinderstimme vorprogrammierte Fragen und bauen so eine enge Beziehung zum Nutzer auf – bis dieser sämtliche Details aus seinem Leben preisgibt.

Doch wer reflektiert noch darüber, ob man Maschinen und denen, die hinter ihrer Technik stehen, trauen kann? Die Menschen, die der US-Künstler Eric Pickersgill auf seinen Fotos zeigt, wahrscheinlich nicht mehr. Das Paar, das sich im Bett den Rücken zudreht, die drei Kinder, die nebeneinander auf dem Sofa sitzen, und den Mann am Steuer verbindet eines: Sie starren auf ihre leeren geöffneten Hände, weil man ihnen das Smartphone weggenommen hat, das längst zum unverzichtbaren Begleiter geworden ist.

Die Schau sei weder eine Technik- noch eine Kunstausstellung, betont Pinner. In der gegenwärtigen Debatte über Utopie und Dystopie, Begeisterung und Kritik, Hoffnung und Angst sieht sie die Designer als Gestalter der Interaktion zwischen Mensch und Maschine in der Mitte. Die Ausstellungsmacher wollen keine Schwarz-Weiß-Perspektive einnehmen in der Diskussion über die Entwicklung der Robotik und der damit verbundenen Chancen und Risiken. „Wir versuchen, offen zu bleiben. Deswegen stellen wir Fragen und geben keine vorgefertigten Antworten.“

So geht es im Bereich „Programmiert auf Arbeit“ nicht nur darum, ob Maschinen Menschen den Arbeitsplatz wegnehmen. Es geht auch darum, wie wir arbeiten wollen. Wie in der Fabrikhalle des chinesischen Kaffeemaschinenherstellers Cankun, die der kanadische Fotokünstler Edward Burtynski auf seinem Farbdruck zeigt? Hunderte von Menschen in den gleichen gelben Shirts montieren hier in ihren Arbeitsboxen vor sich hin. Sollten das besser Roboter machen? Und ist es andererseits sinnvoll, dass Maschinen politisch werden und Manifeste verfassen. Das tut der Industrieroboter in der Installation der Karlsruher Künstlergruppe robotlab.manifest.

Foto: Jason Perry

Futuristische Anmutung : Das „Spider Dress“ ist das Werk von Anouk Wipprecht. Es wurde mit Intel Edison Microcontrollern gefertigt.

Für Pinner liegt die Antwort irgendwo dazwischen: zum Beispiel in Maschinen, die den Menschen unterstützen wie YuMi. Der Name ist aus „you and me“ abgeleitet und steht für die Kollaborationsfähigkeit eines zweiarmigen Roboters aus der Kleinteilmontage, der so geschickt ist wie ein Mensch und so „vertrauenswürdig“, dass er nicht „im Käfig“ arbeiten muss.

Die Ambivalenz des Themas wird noch deutlicher im dritten mit „Freund und Helfer“ überschriebenen Ausstellungsraum. Er zeigt, wie künstliche Intelligenz in immer mehr Bereiche unseres Alltags eindringt. Roboter in der Kranken- und Kinderbetreuung, für das Liebesleben oder die Pflanzenpflege und sogar, um Menschen den Buddhismus nahezubringen: alles scheint möglich. Eine Künstlergruppe der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd hat sich zum Beispiel Gedanken gemacht, wie die Ausstattung für die neue Roboterwelt aussehen könnte, in der Kinder irgendwann aufwachsen werden und gleich vier Erziehungshilfen kreiert: einen Industrieroboter mit Fläschchenhalter, ein Drachenkostüm, damit Roboter weniger angsteinflößend wirken, ein Kinderbuch namens „Mein erster Roboter“ und natürlich den Notfallknopf, um die Technik abzuschalten.

Roboter und Künstliche Intelligenz kommen uns immer näher. Ob und wie die Grenzen zwischen Mensch und Maschine irgendwann ganz verschwimmen, thematisiert der letzte und hypothetischste Teil der Ausstellung. „Eins werden“ zeigt verschiedene Szenarien wie die Verschmelzung des Menschen mit der Maschine, etwa durch Implantate, das Leben im Roboter, zum Beispiel im Exoskelett, oder auch das Leben in Umgebungen, die nicht nur aus Glas und Beton bestehen, sondern durchzogen sind von einer unsichtbaren Daten- und Kommunikationsarchitektur. Und an dieser Architektur, glaubt Erika Pinner, bauen wir alle mit.  

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