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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

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Recruiting

Abschreckende Bewerbungsseiten

Von Sabine Philipp | 5. August 2016 | Ausgabe 31

Wer händeringend Mitarbeiter sucht, sollte Bewerber nicht vergraulen. Häufig provozieren schlecht gemachte Karriereseiten und Fleißarbeiten beim Bewerbungsprozess aber genau das.

BU Karrierewebseiten
Foto: panthermedia.net/SIphotography

Die Entscheidung, sich zu bewerben, stand fest. Doch dann kam die Karrierewebseite des Unternehmens ins Spiel.

Sie sprechen von Leidenschaft. Von nachhaltigen Karrierechancen in einem global agierenden Unternehmen. Und sie klingen fast alle gleich. „Wer auf den Karrierewebseiten großer Konzerne recherchiert, weiß oft nicht, ob er bei einem Automobilbauer oder bei einem Lebensmittelkonzern gelandet ist“, kritisiert Unternehmensberater Manfred Böcker. Mit seinem Kollegen Sascha Theisen hat er die Karrierewebseiten der Dax-30-Unternehmen untersucht.

Ein Kernergebnis: Es wird zwar viel von Employer Branding gesprochen, also dass sich Arbeitgeber als Marke positionieren sollten, um sich beim Kampf um die Talente abzuheben. Bei der Umsetzung verlieren sie sich aber allzu sehr in nichtssagenden Werbephrasen. Dabei ist es eigentlich naheliegend, dass jemand wissen möchte, warum er sich ausgerechnet bei diesem Unternehmen bewerben soll und was ihn dort erwartet. „Immerhin haben viele Unternehmen verstanden, dass es gut ist, wenn sie ihre Mitarbeiter zu Wort kommen lassen“, so Böcker. Leider wirke das aber oft nicht authentisch. So wie beim Maurerlehrling, der wie ein Student im Soziologie-Seminar spricht, weil der PR-Beauftragte offenbar übersehen hat, dass auf dem Bau ein anderer Ton herrscht.

Bei der Managementberatung Promerit AG hat man lange darüber nachgedacht, wie man die Unternehmenskultur nach außen transportieren könnte. Partner Michael Eger, schrieb schließlich: „Wir sind weder cc-Kultur, noch absicherungsbegeistert. Das bringt schnell viel Eigenverantwortung mit sich – oder ganz praktisch gesagt: Dieser Text wurde z. B. niemals abgestimmt, sondern einfach auf die Website gestellt.“ In Bewerbungsgesprächen wird er häufig auf diesen Satz angesprochen.

Der Diplom-Medienwirt hat die Erfahrung gemacht, dass es sehr gut ankommt, wenn Unternehmen den seriösen Vorhang etwas anheben, und zeigen, wie es tatsächlich bei ihnen zugeht. Aber natürlich mit Maß und mit dem richtigen Ton. Den zu treffen kann mitunter schwierig sein. Ein Jugendsprech, um cool rüberzukommen, wirkt schnell anbiedernd. Eger hat sich damals einen seiner jungen Mitarbeiter zur Seite genommen, und ihn gefragt, was er gut findet; und was man sagen kann, und was nicht.

Allerdings nutzen die wärmsten Worte wenig, wenn die Realität schon auf dem ersten Blick eine andere ist. „Viele Firmen sprechen von ihrer unkomplizierten Unternehmenskultur, und fragen dann in gefühlten 180 Eingabefeldern die Kunstnote in der vierten Klasse ab“, bemängelt Eger das oft umständliche Bewerbungsprozedere. Dass eine solche Tour de Force wenig zielführend ist, hat zuletzt die Indeed Bewerbungsstudie 2016 gezeigt. Demnach haben 42 % der über 1000 befragten Bewerber schon einmal einen Bewerbungsprozess abgebrochen, weil er zu kompliziert war. Und einer von vieren hat schon einmal eine Stelle ausgeschlagen, weil er sich im Bewerbungsprozess nicht ausreichend wertgeschätzt fühlte.

Technikaffine Fachkräfte erwarten responsive Bewerberseiten

Technik von gestern als Ausschlusskriterium

Ein weiteres Dilemma, das in der Studie zutage trat: 66 % der Befragten würden sich gerne mobil bewerben, aber nur jeder vierte HR-Verantwortliche möchte das. „Viele Unternehmen verstehen nicht, dass sich das Verhalten ihrer Zielgruppen fundamental geändert hat“, kommentiert Karl-Heinz-Land, Consultant und Gründer der Initiative Deutschland Digital. Land vertritt die These des Digitalen Darwinismus, d. h., dass Unternehmen, die sich dem digitalen Wandel nicht anpassen, sehr schnell vom Markt verschwinden werden. Sein „Digital Readiness Index“, der den digitalen Reifegrad von über 600 Unternehmen misst, belegt das.

Denn die Schlusslichter des Rankings stehen oft auch wirtschaftlich schlecht da. Einige haben kurze Zeit nach Erscheinen des Indexes Insolvenz angemeldet. Im Bereich der Karrierewebseiten sieht er gewisse Parallelen. „Gerade die gut ausgebildeten, technikaffinen Bewerber erwarten heute eine gut gemachte Karriereseite, die auch mobil voll funktionsfähig ist. Firmen, die das nicht leisten, zeigen damit, dass sie nicht auf dem aktuellen Stand der Technik sind.“ Für die Bewerber sei das oft ein Ausschlusskriterium.

Sind Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse noch zeitgemäß?

Der klassische Bewerbungsprozess mit Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse lässt sich jedoch schlecht mit einem Smartphone bewerkstelligen. Und dennoch bestehen laut Indeed Studie die meisten Arbeitgeber auf diese Unterlagen. Wolfgang Jäger von der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden kritisiert das: „Oft sind das Unternehmen, die sich damit rühmen, dass sie aktiv auf Xing und Linkedin Experten ansprechen. Da reicht das Profil auf einmal aus.“

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob Unternehmen die Dokumente tatsächlich benötigen. Für Anschreiben etwa bieten Werbetexter mittlerweile offen ihre Dienste an. Und Zeugnisse könnte man nachreichen, sobald man in die engere Auswahl kommt. Wie Jäger konstatiert, bekommen größere Unternehmen bei attraktiven Stellen gut 200 Bewerbungen. Er geht davon aus, dass die kein Mensch zur Hand nimmt, sondern zunehmend Text erkennende Systeme die Unterlagen nach Stichworten durchsuchen.

Beim Onlinehändler Otto hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Statt eines Anschreibens müssen Bewerber nur eine von vier Fragen beantworten. Etwa worin man Experte, Superheld oder einfach leidenschaftlich gut ist. Das kann auch mobil geschehen, die Textlänge spielt keine Rolle. Ebenso ist eine mobile Kurzbewerbung über Xing möglich. Wer sich online registriert, kann außerdem den Bewerbungsstatus einsehen, Bewerbungen zwischenspeichern und Unterlagen nachreichen.

Sprecher Frank Surholt ist überzeugt, dass diese Form der Bewerbung in einigen Jahren üblich sein wird. „Heutzutage ist die Onlinebewerbung Standard, aber es hat erst eine Weile für die Akzeptanz gebraucht. Genauso ist es heute mit neuen Formaten der Bewerbung.“ Bei den Kandidaten würde die schlanke Form jedenfalls gut ankommen. Mittlerweile arbeitet das Unternehmen an weiteren Formaten: Erstmals können sich Studierende über Whatsapp auf Praktika bewerben. Wenn das gut angenommen wird, möchte der Onlinehändler die Whatsapp-Bewerbung auf weitere Zielgruppen ausweiten.

 SABINE PHILIPP

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