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Sonntag, 17. Dezember 2017

Porträt

Alles – nur kein Duckmäuser

Von Wolfgang Schmitz | 5. August 2016 | Ausgabe 31

Nach einem Ausnahmeathleten wie Martin Lauer sucht man in der deutschen Leichtathletik vergeblich. Der Weltrekordler, Schlagersänger, Journalist und Ingenieur war immer schon anders als viele andere. Das Porträt eines unbequemen Allrounders.

Lauer BU groß
Foto: imago/Pressefoto Baumann

Martin Lauer war ein Ausnahmeathlet, wie hier über die 200-m-Hürden-Strecke, die bei den Deutschen Meisterschaften bis 1965 gelaufen wurde.

Martin Lauer geht stramm auf die 80 zu. Seine Augen signalisieren aber, dass er keiner Auseinandersetzung aus dem Wege geht. Seine heftigsten Kämpfe hat der Weltrekordler über 110-m-Hürden und begnadete Zehnkämpfer nicht auf der Aschenbahn und im Wurfring ausgetragen. Während die anderen Leichtathleten sich im Training abrackerten, fielen dem „faulen Hund“, so Lauer über Lauer, die Medaillen in den Schoß.

In der Hall of Fame des deutschen Sports

Die Athleten auf den anderen Startbahnen bildeten die sportliche und von ihm geachtete Konkurrenz, Medien und Funktionäre waren Lauers wahre Gegner. Aufgrund seiner unbequemen Art, die so gar nicht in die Biedermeierstimmung der 50er-Jahre passte, musste sich Lauer zuweilen harsche Kritik gefallen lassen. „Die Presse hat damals alles Mögliche gegen mich zusammengekratzt.“

So schrieb der Spiegel im Oktober 1960: „Seit dem vorvergangenen Wochenende wird Lauer von Presse und Sportfunktionären einhellig verdammt, wobei die sportlich interessierte Öffentlichkeit plötzlich erfährt, dass der wegen seiner überdurchschnittlichen Leistungen, seines Trainingsfleißes und seiner Unbekümmertheit bislang fortgesetzt angehimmelte Hürden-Star mit der zotteligen Haartracht und der markanten Säbelnase im Grunde schon immer ein unleidlicher Bursche war, der Deutschlands leichtathletischer Nationalvertretung die Stimmung vergällte.“

Der Grund für die Schelte: Martin Lauer hatte es abgelehnt, an den publikumsträchtigen Länderkämpfen teilzunehmen. „Ich war den Funktionären doch zu nichts verpflichtet. Ich habe vom Leichtathletikverband keinerlei Unterstützung bekommen, nur von meiner Familie. Ich habe den Funktionären genutzt, nicht die mir. Aufgrund meiner Erfolge konnte ich es mir leisten, kein Duckmäuser zu sein.“ Wer den 79-Jährigen erlebt, kann sich lebhaft vorstellen, dass er sich von den ehemaligen Nazi-Funktionären, die Politik und Verbände damals für unverzichtbar hielten, nichts gefallen ließ.

In den 50er- und 60er-Jahren, in denen die Leichtathletik Stadien füllte, waren Medaillen, ein Händedruck und große Popularität der Lohn harten Trainings. Es blieb jedem Sportler selbst überlassen, den Amateurstatus geflissentlich zu ignorieren und – so gut es eben ging – , bare Münze zu machen. „Man musste ein Stück weit kriminell sein, um ein paar Mark rauszuschinden und um so seinen Lebensunterhalt zu finanzieren“, erinnert sich Martin Lauer. So handelte der Publikumsmagnet mit den Veranstaltern der großen Meetings selbst die inoffiziellen Startgelder aus. Kuhhandel wurden zur Regel. „Jeder hatte seine Tricks. Wir haben gerne unter der Theke den ein oder anderen Hunderter entgegengenommen.“

Rückblickend meint Lauer, es wäre klüger und ehrlicher gewesen, den olympischen Gedanken ins Reich der Scheinheiligkeit zu verdammen und professionelle Strukturen zu schaffen. „Die Einzigen, die in Saus und Braus lebten, waren doch die Funktionäre.“ Der streitbare Leichtathlet gab nicht nach, auch wenn ihn die höchsten Sportgremien mahnten, doch endlich Ruhe zu geben. Der Vorzeigeathlet lud Willi Daume, den Präsidenten des Deutschen Sportbundes, daraufhin in seine bescheidene Studentenbude im Münchner Stadtteil Haidhausen ein. Auf den Besuch des Funktionärs wartete der angehende Ingenieur vergeblich.

Foto: imago/Camera 4

„Das Unglück in Fukushima ist durch Dilettantismus in Reinkultur entstanden.“ Martin Lauer, Maschinenbauingenieur.

Auf Rückendeckung war auch an der Uni kein Verlass. Am 7. Juli 1959 machte sich der Maschinenbaustudent der TH München auf den Weg nach Zürich, um am Abend im legendären Stadion Letzigrund zu starten. Innerhalb von nur einer Stunde lief Lauer gleich zwei Hürden-Weltrekorde. Am nächsten Morgen erschien der frisch Dekorierte auf den letzten Drücker im Hörsaal. „Die Sitze in den hinteren Reihen waren dummerweise besetzt. Also musste ich weiter nach vorne.“ Der Professor registrierte den unfreiwilligen Sitzplatzwechsel und meinte süffisant: „Na, Herr Lauer, ich hoffe für Sie, dass Sie Strömungslehre genauso gut beherrschen wie den Hürdenlauf!“ In der Professorenschaft konnte von Anteilnahme, geschweige denn Begeisterung für die Leistungen des prominenten Schützlings nicht die Rede sein. Erst bei der Diplomarbeit gab es so etwas wie Entgegenkommen. „Meine Abschlussarbeit zur Gesamtklimatisierung eines Großklinikums war wahrlich kein Ruhmesblatt. Ich vermute, die hatten an der Uni ein wenig Mitleid mit mir.“

Hintergrund: Im Olympiajahr 1960 verursacht eine verunreinigte Spritze eine Blutvergiftung. Die Ärzte wollen das Bein amputieren, Lauer wehrt sich mit Erfolg, liegt ein Jahr im Krankenhaus, phasenweise im Koma. Auf der Rückfahrt von ihrem Besuch im Krankenhaus verunglückt seine Verlobte tödlich, sein Bruder stirbt an den Folgen des Unfalls. Die Leichtathletik-Karriere ist mit 24 Jahren beendet, die Abschlussarbeit an der TH fällt unter widrigen Umständen nicht wie erhofft aus, Lauer aber besteht die Prüfungen.

Der Sportinvalide gerät in finanzielle Engpässe und besinnt sich seiner Talente. Als Sportberichterstatter schreibt er für große deutsche Blätter, als Musiker kehrt er auf die große Bühne zurück. „Die Karriere als Schlagersänger war notgedrungen“ – aber erfolgreich. „Die letzte Rose der Prärie“ wird 500 000 Mal verkauft, es folgen Tourneen in die USA, unter dem Strich stehen rund 6 Mio. verkaufte Schallplatten. „Ich habe ein Liedchen gedudelt, dann war wieder etwas Geld da. Auf den Bühnen hatte ich alles andere als Spaß, weil ich mich mit meinem Bein nicht so bewegen konnte, wie ich wollte.“ Für einen der elegantesten Hürdensprinter seiner Zeit war es schmerzlich, vor das Mikrofon zu humpeln.

Der Ingenieur Martin Lauer ist Verfechter der Kernkraft. Er spezialisierte sich nach Studienabschluss auf die Natriumkühlung von Kernreaktoren, etwa beim Schnellen Brüter in Kalkar. „Es war die größte Enttäuschung meines Lebens, dass die technische Umsetzung an politischen und menschlichen Unzulänglichkeiten scheiterte.“ Das Unglück in Fukushima sei durch „Dilettantismus in Reinkultur“ entstanden. Die unmittelbare Lage am Meer sei prädestiniert für Erdbewegungen und Tsunamigefahr gewesen.

Bei den Olympischen Spielen in München 1972 bringt Lauer sportliche und technische Expertise ein. Wo früher Zeitrichter auf die Stoppuhren drückten, befand sich nun die elektronische Zeitmessung. „Im Auftrag der Firma Diehl leierte ich Willi Daume, inzwischen Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, die Aufträge aus den Rippen. Wir stellten in rund der Hälfte aller olympischen Disziplinen die Zeitmessgeräte. Das System ist heute noch das gleiche. Wir haben Epochales geleistet“, erinnert sich der Sohn eines Ingenieurs voller Stolz.

Bis zu seinem Ruhestand arbeitete der kölsche Jung beim Nürnberger Bürogerätehersteller Triumph-Adler im Geschäftsbereich Großkunden. Heute wohnt der einstige Ausnahme-Athlet in Lauf nahe der Frankenmetropole. Ruhesitz bedeutet für ihn nicht, ruhig zu sein. Der Hans-Heinrich-Sievert-Preisträger drohte Ende der 90er-Jahre mit der Rückgabe der Auszeichnung, als die sechsfache Schwimm-Olympiasiegerin Kristin Otto ebenfalls den Preis für Vorbildlichkeit erhielt. Die heutige Sportmoderatorin stand unter dringendem Dopingverdacht. Lauer ist heute hin- und hergerissen. Den Mund verbieten lassen will er sich nicht, aber auch keine Denkmäler stürzen.

Das klassische Doping über Medikamente habe bald ausgedient. „Der nächste Schritt sind gentechnische Manipulationen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“ Doping sei im Sport schon lange omnipräsent, auch die Fußball-Weltmeister von 1954 seien keine Unschuldslämmer. Wer anderes glaubt, für den hat der bärbeißige Martin Lauer nur ein müdes Lächeln übrig.

Mit gemischten Gefühlen wird der Sänger, Journalist, Sportler und Ingenieur die Olympischen Spiele von Rio verfolgen. „Wenn ich mir dann die 110-m-Hürden-Läufe anschaue, kuschle ich mich in mein Sofa und sage mir: Das hatte ich damals auch drauf – ganz ohne Doping.“

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