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Donnerstag, 21. September 2017, Ausgabe Nr. 38

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Kultur

Das Ende des Schattendaseins

Von Andrea Tebart | 26. Februar 2016 | Ausgabe 08

Ein Kunstprojekt mit drei Sonnenspiegeln aus deutscher Produktion verändert das Lebensgefühl der 3500 Einwohner in der norwegischen Gemeinde Rjukan nachhaltig. Der Ort war schon immer ein Platz für Innovationen.

Tebart BU2
Foto: Jacobsen

Rjukan leuchtet: Moderne Technik bringt natürliches Licht in die kleine norwegische Kommune.

Norwegische Winter haben es in sich. Sie sind lang, reich an Schnee und vor allem ziemlich dunkel. Das alles gilt auch für Rjukan in der Telemark. Aber die kleine Gemeinde, 180 km westlich von Oslo gelegen, hat(te) ein weiteres Problem.

Heliostaten

Alljährlich, von Anfang Oktober bis Mitte März, schafft es die Sonne nicht, über die südliche Bergkette zu klettern. Ewig düstere Zeiten waren das also für die 3500 Einwohner, die in dem engen Vestfjord-Tal entlang der Landstraße Nr. 37 mehr als fünf Monate lang auf Sonnenstrahlen verzichten mussten. Obwohl sie den blauen Himmel sahen, verirrte sich kein Sonnenschein hinab ins Tal. Der 1883 m hohe Gaustatoppen mit seiner Kegelform steht dem definitiv im Weg.

Den Berg gibt es natürlich noch und trotzdem hat das Schattendasein seit zwei Jahren – zumindest temporär – ein Ende. Drei hochmoderne Spiegel mit jeweils 17 m2 Fläche stehen in luftiger Höhe auf 450 m über dem Erdboden. Das ganze System inklusive Reflektoren basiert auf Solarenergie und Windtechnologie, kontrolliert und gesteuert von einem integrierten Computer. Auf diese Weise werden die Strahlen der wandernden Sonne eingefangen und exakt auf den Marktplatz von Rjukan reflektiert.

Diese Spiegel, genauer: diese Heliostaten, sorgen dafür, dass der Lichtkegel am Boden immer an derselben Stelle bleibt, egal, welche Position die Sonne am Himmel im Winter auch einnimmt. Mit diesen Heliostaten wird eine 600 m2 große Ellipse aus Licht erzeugt, was in etwa der Größe von drei Tennisplätzen entspricht.

„Das Ganze hat gewiss auch etwas Exotisches“, erklärt Joachim Maaß, Geschäftsführer der Solar Tower Technologies AG mit Sitz in Starnberg, die diese Technik entwickelt hat. „Egal, wo ich in der Welt wegen anderer Projekte hinkomme, alle kennen das Spiegelsystem von Rjukan. Für unser Unternehmen war es ein Sonderprojekt neben den großen solarthermischen Kraftwerken, die wir hauptsächlich dort bauen, wo die Sonne scheint.“ In diesem speziellen norwegischen Fall liegen die Spiegel auf einem Berg und müssen auch noch bei -30 °C funktionieren.

Und das schaffen die Spiegel auch. Zwischen Bücherei und Rathaus auf der einen und dem Tourismusbüro auf der anderen Seite wird der Marktplatz in Licht getaucht, vorausgesetzt die Sonne scheint. In diesem Lichtkegel tanken nun die Bewohner Sonne.

Martin Andersen, Objektkünstler und seit 2001 Bürger von Rjukan, hat sich mehr als zwölf Jahre beharrlich und zunächst auch gegen massive Proteste für die Realisierung dieses Projekts engagiert. Dessen Umsetzung hat 5 Mio. norwegische Kronen (610 000 €) gekostet, die nach vielem Hin und Her größtenteils von Sponsoren übernommen worden sind.

Auf Einheimische üben die reflektierten Sonnenstrahlen eine magnetische Wirkung aus

Eine Investition, die Andersen nach wie vor für überaus sinnvoll hält. „Ich habe mit einem Mediziner darüber gesprochen. Danach ist es gerade bei Winterdepressionen wichtig, dass Sonnenlicht direkt in die Augen fällt. So wird die innere Uhr umgestellt, und der Organismus schaltet auf Tagesaktivität um. Besonders durch das kurzwellige blaue Licht am Mittag wird der Botenstoff Serotonin produziert, der dann die Stimmung aufhellt.“

Auf Einheimische scheint die reflektierte Sonne beinahe magnetisch zu wirken. Sie sammeln sich in kürzester Zeit auf dem Marktplatz, bleiben ein paar Minuten im Lichtkegel stehen, reden miteinander und gehen dann wieder ihrer Arbeit nach. „Es ist ein Anziehungspunkt, den man vielleicht mit dem einzigen Fernseher in einem westafrikanischen Dorf vergleichen kann“, freut sich Martin Andersen, inzwischen Ehrenbürger von Rjukan.

Die Idee mit den Sonnenspiegeln ist nicht neu. Sam Eyde, einer der Gründer des norwegischen Aluminium-Konzerns Norsk Hydro, hatte sie schon in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Als die Umsetzung jedoch nicht funktionierte, baute das Unternehmen 1928 in Rjukan die erste Seilbahn Nordeuropas. Wenn die Sonne nicht zu den Menschen kommen konnte, dann wenigstens die Menschen zur Sonne. Die Pendelbahn fährt heute noch. Aber es dauert natürlich länger, als kurz auf den Marktplatz von Rjukan zu gehen, um die Sonne zu sehen.

Die drei Heliostaten passen auch nach Rjukan, weil dort schon viele neue Ideen in die Tat umgesetzt worden sind. Der Ort verdankt seine industrielle Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts den zahlreichen Wasserfällen. Norsk Hydro produzierte dort Kunstdünger und nutzte die Kraft des Wassers. So entstand Vemork, das damals größte Wasserkraftwerk der Welt. Weitere Elektrizitätswerke und Industrieanlagen folgten.

Arbeit gab es genug und neben den vereinzelten Bauernhöfen entstand eine Siedlung für rund 10 000 Menschen. „Je höher die Arbeiter früher in der Hierarchie bei Norsk Hydro beschäftigt waren, desto höher lagen auch ihre Häuser. Das heißt, manche hatten über das Jahr gesehen einen Monat mehr Sonne als die anderen“, sagt Martin Andersen.

Rjukan ist das erste Zentrum der norwegischen Schwerindustrie. Wegen ihrer Pionierarbeit zur Entwicklung der elektrochemischen Industrie wurden die Orte Rjukan und Notodden 2015 gemeinsam unter den kulturellen Schutz der Unesco gestellt. Und das Denkmal des Ingenieurs Sam Heyde steht nach wie vor auf dem Marktplatz von Rjukan. Jetzt manchmal sogar im winterlichen Sonnenschein.  

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