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Dienstag, 12. Dezember 2017

Wissenschaft

„Die Gestaltung der Zukunft erlaubt keine Denkverbote“

Von Schmitz | 23. Mai 2014 | Ausgabe 21

Baden-Württemberg stellt seine akademisch-technische Bildung auf den Prüfstand. Die Expertenkommission "Ingenieurwissenschaften@BW2025" soll ermitteln, wie sich das Land zukunftstauglich aufstellen muss. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer über die Kommission, die Kooperation von Fachhochschulen und Universitäten sowie den scheinbaren Widerspruch von großen Herausforderungen und kurzen Bildungszeiten.

Duale Hochschule Baden-Württemberg
Foto: DHBW Lörrach

Die Duale Hochschule Baden-Württemberg, Standort Lörrach, ist in ihrer Architektur alles andere als vorgestrig. Sind die Hochschulen im Süden der Republik aber auch inhaltlich zeitgemäß aufgestellt?

VDI nachrichten: Frau Bauer, Sie betonen in Ihrer Presseerklärung zur Einsetzung der Expertenkommission "Ingenieurwissenschaften@BW2025" die Notwendigkeit, Herausforderungen frühzeitig zu erkennen. Fehlt Ingenieuren mehr denn je die Fähigkeit, vorausschauend zu denken und zu handeln?

Bauer: Das ist nicht die Frage. Es geht darum, dass Baden-Württemberg als industriestärkstes Land seine Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit als Innovations- und Produktionsstandort immer wieder hinterfragen muss. Die zunehmende Komplexität der technologischen Prozesse und Produkte, etwa Industrie 4.0, erfordert mehr und mehr systemische Kompetenzen und disziplinübergreifende Kommunikationsfähigkeit der Beschäftigten. Es lag deshalb nahe, eine Kommission einzusetzen mit dem Auftrag, auf der Grundlage einer Stärken-Schwächen-Analyse zu prüfen, ob die Ingenieurwissenschaften im Land so aufgestellt sind bzw. wie sie aufgestellt sein müssen, damit sie ihren Beitrag zur Bewältigung der zentralen Herausforderungen leisten können.

Die grüne Ministerin

Hat sich die Ingenieurausbildung in BW zu lange auf ihren Lorbeeren ausgeruht?

Die Hochschulen in Baden-Württemberg sind bekannt für ihre gute Ingenieurausbildung. Die Dynamik des technologischen Fortschritts – wofür Industrie 4.0 steht –, der Umbruch in der globalen Arbeitsteilung und gesellschaftliche Entwicklungen wie Alterung, Fachkräftemangel und Teilhabeanspruch sind aber Herausforderungen, die alte Fragen an Inhalt, Differenzierung und Struktur des Studiums verschärfen und neue Fragen aufwerfen. Denken Sie nur an die im ingenieurwissenschaftlichen Bachelor-Studium an den Universitäten ungewöhnlich hohe Abbrecherquote und den unbefriedigenden Anteil von Frauen unter den Studierenden der Ingenieurwissenschaften.

Warum aber eine Expertenkommission? Ist das Ministerium mit seinem Latein am Ende?

Bei dem Auftrag handelt es sich nicht um die übliche Begutachtung der Forschungsleistung einzelner Wissenschaftler, sondern um eine Querschnitts- und Strukturbewertung des gesamten Spektrums der Ingenieurwissenschaften. Mein Ministerium betritt damit kein Neuland. Es hat in den vergangenen zehn Jahren ähnliche Strukturevaluationen, z. B. zu den Lebenswissenschaften und in der Informatik, erfolgreich durchgeführt.

Entsprechend ihres Auftrags ist die Kommission aus Vertretern und Vertreterinnen aller betroffenen Hochschularten, der außeruniversitären Forschung und der Industrie zusammengesetzt. Fachlich deckt sie das gesamte Spektrum der Ingenieurwissenschaften und angrenzender Fächer ab.

Dann haben sich die Hochschulen in der Vergangenheit offensichtlich aber selbst zu wenig infrage gestellt. Wollen Sie den Hochschulen mit der Expertenkommission Beine machen?

Das ist nicht nötig. Es führt aber kein Weg daran vorbei, dass wir einen tiefgreifenden und beschleunigten technischen und technologischen Umbruch bewältigen müssen. Beispiele sind Industrie 4.0, Elektromobilität, fahrerlose Kraftfahrzeuge, Energiewende, Digitalisierung und Leichtbau. Fast alle Zukunftstrends haben gemeinsam, dass nicht nur die Informationstechnik eine große Rolle spielt. Auch die Natur-, die Wirtschafts- und die Sozialwissenschaften werden in der Ausbildung der Ingenieure und Ingenieurinnen an Bedeutung gewinnen. Der Blick von außen ist dabei zweifellos hilfreich.

Stimmen die Rahmenbedingungen? Vieles an der Bologna-Reform ist Stückwerk geblieben: Der Gedanke, den Master als Weiterbildung zu betrachten, ist weder bei Ingenieuren noch bei Unternehmen angekommen, die Zahl der berufsbegleitenden Studienangebote ist verschwindend gering und die Palette der Studiengänge ist unübersichtlich groß.

Sie sprechen eine Reihe von Problemen an. Nicht alle haben sich aus der Einführung der gestuften Studienstruktur ergeben und es gibt ja auch erfreuliche Entwicklungen. Mich treiben aber noch andere Fragen um: Neben der hohen Abbrecherquote müssen sich die Hochschulen auf die zunehmende Verschiedenheit von Studienanfängern einstellen. Es stellen sich zudem grundsätzliche Fragen: Wie entwickeln sich die Bedarfe an dualer und wissenschaftlicher Ausbildung in technischen Berufen? Welches Verhältnis der Studienplatzkapazitäten in den Ingenieurwissenschaften zwischen den Hochschularten wird künftig gebraucht? Mit diesen Fragen soll sich die Kommission beschäftigen. Dabei gibt es keine Denkverbote.

Damit ist die Zahl der Baustellen aber noch nicht komplett. Statt wachsender Kooperationen zwischen Universitäten und Fachhochschulen zerfleischen sich die "Partner" in Kompetenzrangeleien, siehe die Promotionsfrage.

Ich halte daran fest, dass das Hochschulsystem im Spannungsfeld zwischen Zusammenarbeit und Wettbewerb ausdifferenziert werden muss. Weder Abgrenzung noch Gleichmacherei sind dabei eine angemessene Lösung. Wichtig sind Qualitätssicherung, Transparenz und Durchlässigkeit im Hochschulsystem.

Bei der Promotion gilt: Die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses bleibt in erster Linie Aufgabe der Universitäten. Königsweg ist für mich die Zusammenarbeit von Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Mit der Novelle des Landeshochschulgesetzes haben wir die Rahmenbedingungen für die Kooperation verbessert.

Die Kostendynamik in der Wissenschaft und bei der wissenschaftlich-technischen Infrastruktur erzwingt Zusammenarbeit, zugleich fördert sie die Qualität. Diese Erkenntnis setzt sich in den Hochschulen mit der Bildung von Zentren und technischen Plattformen, die alle Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nutzen können, mehr und mehr durch. Ich bin überzeugt, dass diese Entwicklung auch zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Unternehmen in Forschung und Technologietransfer führt – auch zum Vorteil der mittelständischen Industrie.

Ingenieure stehen also vor vielen Herausforderungen. Der Trend geht aber in der Schul- sowie der Hochschulbildung in Richtung kürzerer Bildungszeiten. Da stimmen doch die Relationen nicht.

Junge Menschen auf ihre berufliche Tätigkeit vorzubereiten, braucht Zeit. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig eine Verlängerung des Studiums. Auf die Bedeutung der berufsbegleitenden Weiterbildung habe ich bereits hingewiesen. Ich erhoffe mir von der Kommission Hinweise und Vorschläge für unverzichtbare Inhalte, für intelligente Studienformate und für innovative studierendenfreundliche Strukturen. WOLFGANG SCHMITZ

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