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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

didacta

Die Grenzen der digitalen Schule

Von Wolfgang Schmitz | 26. Februar 2016 | Ausgabe 08

Auf der Bildungsmesse blieb die Frage nach der Dosierung technischer Hilfsmittel für die Schule unbeantwortet. Die Wirtschaft will die Digitalisierung vorantreiben, Pädagogen warnen vor einer Ökonomisierung der Bildung bei gleichzeitigem Verlust elementarer Kulturtechniken.

didacta BU
Foto: Köln Messe

Neue Bildungstechnologien stießen auf der Kölner Didacta nicht nur auf das Interesse junger Lehrer.

Die Digitalisierung bringt neue Kooperationspartner in die Bildung. Wo Technik gebraucht wird, kommt auch die Schule nicht ohne die Expertise entsprechender Anbieter aus. Und wenn man an den Schulen bislang noch nicht wahrhaben wollte, dass ohne zusätzlichen Technik- aufwand im Unterricht keine zukunftstauglichen Fachkräfte zu haben sein werden, dann schaffen die Unternehmen eben selbst Tatsachen. „Fakt ist: Immer mehr Lehrkräfte möchten in ihrem Unterricht mit digitalen Medien arbeiten“, schreibt das „Netzwerk Digitale Bildung“ zur Didacta, der größten Fachmesse für Bildungswirtschaft in Europa.

Medien für Schule, Hochschule und Ausbildungsbetriebe

IT-Branchenverbände wie der Bitcom und die Initiative D21 werden nicht müde, vor der Gefahr digitaler Analphabeten zu warnen. In Klassenräumen fehle die nötige Ausstattung und Lehrer seien mangels Weiterbildung unzureichend auf die aktuellen Anforderungen und die Bedürfnisse der Digital Natives eingestellt.

Die Schere zwischen Ahnungslosen und Kompetenten sei viel zu groß, heißt es beim Netzwerk Digitale Bildung: „Während ein skeptischer Hochschullehrer vielleicht gerade erst seine Overhead-Materialien auf Powerpoint-Folien umgestellt hat, schöpft woanders eine Grundschullehrerin alle Möglichkeiten neuer Technik bereits voll aus: Sie lässt Kinder in sogenannten Collaborative Classrooms beim gemeinschaftlichen Arbeiten an Whiteboards selbstbestimmt und im eigenen Tempo lernen.“ Mit anderen Worten: hier der Hinterwäldler, der nur noch Gähnen hervorruft, dort die Fortschrittsgläubige, die Leben in die verstaubten Klassenzimmer bringt.

Wer kann noch zwischen tatsächlich erforderlicher materieller Aufstockung und fachlich notwendiger Kompetenzanpassung der Lehrer einerseits sowie Vermarktungsinteressen der IT-Unternehmen andererseits unterscheiden?

Wer mag schon widersprechen, wenn Samsung auf der Kölner Didacta unter dem Slogan „Digitale Helden von morgen“ darauf hinweist, dass „der reflektierte und kompetente Umgang mit neuen Technologien zur entscheidenden Qualifikation für die Arbeitswelt von morgen und die gesellschaftliche Teilhabe“ werde und dass Samsung Kinder und Jugendliche mit seinem „Engagement“ fit für die Zukunft mache? Widerspruch verbietet sich hier. Denn wer sonst als die IT-Branche soll die sicherlich vorhandenen Ausstattungsdefizite beheben?

Die Vernetzung der Schulen ist ein lukratives und attraktives Betätigungsfeld für Marketingexperten, die sich der Bedeutung der Kunden von morgen bewusst sind. Die Didacta ist eine Plattform für Bildungskommerz und nicht mehr nur ein Forum waschechter Bildungsfachleute. Kritiker befürchten, der massive, permanente Einfluss von Unternehmen auf den Unterricht drohe, die Schulen zu Werbeplattformen und zu Absatzmärkten verkommen zu lassen. Bildung werde zur Ware. Das Kerngeschäft Unterricht und Erziehung gerate in den Hintergrund. Der Schüler mutiere zum Fabrikarbeiter, wie Didaktikprofessor Jochen Krautz der Wirtschaftswoche erzählte: „Junge Menschen werden wie Maschinen betrachtet, die ein Investitionsgut sind und deren Bildung Kapital abwerfen soll.“

Die Didacta ist ein Gradmesser aktueller Entwicklungen, aber auch eine national wie international sichtbare Bühne, auf der Trends kritisch hinterfragt werden. Im Spannungsfeld zwischen technischen, wirtschaftlichen und pädagogischen Herausforderungen verlief dann auch die jüngste Auflage in Köln.

Dass Bildungsfachleute nicht gewillt seien, Schulen als ökonomische Spielwiese preiszugeben, betonte Wassilios Fthenakis, Präsident der Didacta und Entwicklungspsychologe. Über die Technisierung werde die Fähigkeit von Kindern, von Hand zu schreiben, dramatisch vernachlässigt. „Es ist wichtig, dass diese Kulturtechnik nicht auf dem Altar der neuen Medien geopfert wird. Wir müssen dem Terrorismus von E-Mails und Whatsapp etwas entgegensetzen.“

IT-Lösungen machten dann Sinn, so Fthenakis, wenn sie einen pädagogischen Mehrwert böten. Ob der gewährleistet sei, müssten Bildungsfachleute entscheiden. „Das Zusammenspiel von Pädagogik und Technologie ist ein komplexer Prozess, der nur mit den geeigneten Rahmenbedingungen gelingen kann.“

Besonders effektiv könnten digitale Medien bei der Integration von Flüchtlingen sein. Technik könne helfen, sich in der neuen Welt zu orientieren, beantworte Fragen und mache mit fremder Kultur und Sprache vertraut: Welche öffentlichen Angebote gibt es in einer Stadt? Wie funktioniert das Verkehrssystem? „Der Spracherwerb wird mit diesem Prozess verbunden“, hofft Fthenakis.

Als Beispiel nennt der Professor die Idee der „Cognitive Maps“. Mit einer App kann jedes Kind, das im württembergischen Heidenheim lebt, die Stadt und ihre Umgebung kennenlernen. „Der Zugang und die weitere Nutzung der App erfolgt dreisprachig: Deutsch, Englisch und Arabisch. Die Potenziale der digitalen Medien können hierbei sehr zielgerichtet ausgeschöpft werden.“

Sie bilden aber auch Eingangstore, um Schüler ohne Wissen der Eltern für kriminelle Machenschaften zu gewinnen. In Köln warnte der Verfassungsschutz an seinem Stand vor der zunehmenden „islamistischen Einflussnahme auf Kinder und Jugendliche in den sozialen Medien und im Internet“.

Das Fazit einer Messe, die rund 100 000 Besucher an den Rhein lockte: „Die gesellschaftlichen Entwicklungen und der technische Fortschritt zeigen uns, wie wichtig die inhaltliche Weiterentwicklung der Messe ist“, sagte Reinhard Koslitz, Geschäftsführer des Didacta Verbandes. Mit neuen Themen wie Integration, Demografie, Industrie 4.0 und Serious Games sei man der Aktualität gerecht geworden.  

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