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Dienstag, 12. Dezember 2017

Wissenschaft

Forschung verbindet Technik mit Gesellschaft

Von Paulus | 4. Oktober 2013 | Ausgabe 40

Das 2012 an der TU München gegründete Forschungszentrum Munich Center for Technology in Society untersucht, wie sich Technik und Gesellschaft gegenseitig beeinflussen. Die ersten Forschungsprojekte stehen nun in den Startlöchern.

Forschung verbindet Technik mit Gesellschaft

Für die Interaktion von Mensch und Maschine bedarf es der breiten gesellschaftlichen Zustimmung. Dass die Technik helfen kann, steht außer Frage. Ängste, etwa vor arbeitsplatzvernichtender Rationalisierung, bleiben. Eine Momentaufnahme aus der VW-Produktion. Foto: VW

Windkraft statt Kernenergie, Solarstrom statt Kohlekraftwerke: Die Begeisterung für die Energiewende ist groß bei den Bundesbürgern, die Mehrheit steht dahinter. Doch wenn es um die konkrete Umsetzung vor Ort geht, regt sich Widerstand, grüßt Schutzpatron Sankt Florian: Windrad oder Stromtrasse – nein danke, nicht vor meiner Haustür.

Die Research Center an der TU-München

Ob und wie sich moderne Technik durchsetzen kann, hängt immer stärker von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen ab. "Man kann heute kein Infrastrukturprojekt am Reißbrett entwerfen und dann den Menschen überstülpen. Die Menschen werden sensibler, mischen sich ein, sind nicht zuletzt durch die Technik besser informiert", sagt Klaus Mainzer, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der TU München und Leiter des im Rahmen der Exzellenzinitiative 2012 gegründeten Forschungszentrums Munich Center for Technology in Society (MCTS).

Wissenschaftler aus den Technik- und Naturwissenschaften erforschen hier gemeinsam mit Sozial-, Geistes- und Humanwissenschaftlern das Zusammenspiel von Technik und Gesellschaft. "Technik und Gesellschaft wachsen immer stärker zusammen. Angehende Ingenieure und Techniker bauen nicht mehr Maschinen, sondern haben mit großen Systemen zu tun, in die Menschen eingebettet sind", betont Mainzer. Beim Forschen allein soll es nicht bleiben, heißen die Säulen des mit Promotionsrecht ausgestatteten MCTS doch: Wissen, bewerten, kommunizieren.

15 TU-Wissenschaftler, die sich bereits mit Grenzthemen hin zur Gesellschaft beschäftigten, gehören zu den Gründungsmitgliedern und arbeiten als sogenannte "Joint-Appointment Professoren" auch am MCTS. Zusätzlich wurden und werden neue Lehrstühle geschaffen, finanziert aus Mitteln der Exzellenzinitiative sowie Sponsorengeldern.

So stiftete BMW im März 2012 den mit 1,5 Mio. € ausgestatteten Lehrstuhl für systemische Fahrzeugeffizienz, die bereits in der Vergangenheit als TUM-Sponsor in Erscheinung getretene Friedrich-Schiedel-Stiftung stellte die Anschubfinanzierung für den Lehrstuhl für Wissenschaftssoziologie zur Verfügung. Drei weitere Lehrstühle in Ethik der Lebensmitteltechnologie, Forschungs- und Wissenschaftsmanagement sowie Science Policy stehen ebenfalls fest.

Bis 2016 ist die Finanzierung der Projekte über die Exzellenzinitiative gesichert, dann sollen sie auf eigenen Füßen stehen. "Die Idee ist, dass aus den Projekten heraus künftig fakultätsübergreifende Institute entstehen, die sich selbst finanzieren und auf dem Forschungsmarkt durchsetzen", erläutert Mainzer.

Die ersten Projekte, Labs genannt, sind startbereit. Dabei handelt es sich um die Themenfelder soziotechnische Großprojekte im Mobilitätsbereich, soziotechnische Systeme für ältere Menschen, nachhaltiges Wassermanagement, Irrtümer in der Technikgeschichte sowie Voraussagen in der Medizin.

Organisatorisch und konzeptionell am weitesten gediehen sind die beiden erstgenannten. Inhaltlicher Schwerpunkt des mit acht Professoren, sieben Doktoranden sowie weiteren Mitarbeitern am stärksten besetzten Mobilitätsprojekts sind Fragestellungen zum Thema Automatisierung. "Technisch ist das vollautomatisierte Fahrzeug kein Problem, aber wie steht es um die Nutzerakzeptanz oder die rechtliche Verantwortung? Wie können unterschiedliche Risikomaße abgeglichen werden? Macht es für die Autohersteller überhaupt Sinn, die Strategie der Vollautomatisierung zu fahren?", konkretisiert Mainzer die hier verfolgten Fragestellungen.

Mit drei beteiligten Lehrstühlen und drei Doktoranden deutlich kleiner ist das zweite Projekt, das mit zwei unterschiedlichen Stoßrichtungen das Thema Robotik und demografischer Wandel angeht. "Ziel ist es, die Bau- und Infrastrukturrobotik nicht nur für altersgerechte Wohnungen einzusetzen, sondern auch für den Aufbau eines dezentralen und altersgerechten Beschäftigungsnetzes zu erproben", erläutert Mainzer.

Vorstellbar seien etwa mit Hightech ausgestattete Gemeindezentren, in denen aus dem Berufsleben ausgeschiedene Ingenieure und Techniker ihre technische Expertise in von der Industrie ausgelagerte Auftragsproduktionen einbringen. Dass solche Konzepte arbeitsmarktpolitisch durchaus Sprengstoff bergen, ist Mainzer klar. "Hier muss natürlich eindeutig getrennt werden: Will ich Arbeitslosigkeit beheben oder geht es darum, das Wissen der Älteren nutzbar zu machen?".

Niederschlagen soll sich die Arbeit des MCTS auch in der Ausbildung. So gehört ab kommendem Semester im Fachbereich Energietechnik ein Ausbildungsmodul verpflichtend zum Grundstudium, in dem theoretisches wie praktisches Wissen zum Ablauf von Entscheidungsprozessen etwa bei Planfeststellungsverfahren vermittelt werden.

Einbringen will das MCTS seine fachübergreifende Expertise auch außerhalb der Universität, der geplante Lehrstuhl für Science Policy zeigt hier die Richtung an. "Politikberatung ist für uns ein entscheidender Aspekt der Kommunikation mit der Gesellschaft", betont Mainzer. HERTA PAULUS

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