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Donnerstag, 10. August 2017, Ausgabe Nr. 32

Donnerstag, 10. August 2017, Ausgabe Nr. 32

Studie

„Frauen wollen sinnvoll arbeiten“

Von Peter Ilg | 5. August 2016 | Ausgabe 31

Wenn Frauen einen technischen Beruf wählen, wollen sie nachhaltig arbeiten. Das hat die Volkswirtin Pia Spangenberger in ihrer Dissertation am Beispiel Windenergie herausgefunden.

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Foto: Panthermedia.net/cristovao

Selbstbewusstsein im Umgang mit Technik fällt Frauen durch Erziehung oft schwerer.

VDI nachrichten: Mit Initiativen sollen Frauen für eine Ausbildung oder ein Studium in Mint-Fächern begeistert werden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Ist der in allen Mint-Disziplinen gleich hoch?

Spangenberger: Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Insgesamt ergeben die Fächer eine große Bandbreite beruflicher Möglichkeiten, daher sollten sie differenziert betrachtet werden. Zwei Beispiele dafür: In der Mathematik ist jeder zweite Studierende eine Frau, in der Elektrotechnik nur jeder zehnte. Auch technische Ausbildungsberufe wählen Frauen kaum. Unter den 30 am stärksten von Frauen besetzten Ausbildungsberufen waren 2014 mit Mediengestalterin und Augenoptikerin nur zwei technische. Frauen grenzen trotz aller Bemühungen nach wie vor technische Berufe aus ihrem Berufswahlspektrum aus. Das sowohl in der dualen als auch akademischen Ausbildung.

Pia Spangenberger

Was hält Frauen von einer technischen Ausbildung oder Studium ab?

Die Ursachen dafür sind vielschichtig. So wird zum Beispiel mehr oder weniger subtile Diskriminierung von Frauen in technischen Berufen beobachtet. Auch veraltete stereotypische Rollenvorstellungen in unserer Gesellschaft, dass Technik Männersache sei, sind nach wie vor stark verbreitet. Mädchen bekommen viel seltener technisches Spielzeug geschenkt als Jungen und werden selten dafür gelobt, wenn sie eine technische Begabung vorweisen. So können sie kein Selbstbewusstsein im Umgang mit Technik entwickeln, mit der Konsequenz, dass Frauen sich Technik weniger zutrauen als Jungen, obwohl sie sich genauso gut dafür eignen.

In Ihrer Dissertation kam heraus, dass Frauen etwas gesellschaftlich Sinnvolles arbeiten wollen. Was zum Beispiel?

Ganz konkret bin ich der Frage nachgegangen, inwiefern ein Nachhaltigkeitsbezug von Technik die Wahl eines technischen Berufes beeinflussen kann. In den Interviews mit berufstätigen Frauen in der Windenergie hat sich gezeigt, dass sie mit ihrer Tätigkeit einen Beitrag zur Vermeidung von Atomenergie leisten und für intergenerative Gerechtigkeit sorgen möchten. Sie wollen die Umwelt schützen oder auch einen Beitrag zur Senkung des CO2-Ausstoßes leisten.

Um was geht es Männern?

Tatsächlich nannten sie in der Befragung ganz ähnliche Beweggründe, nur wesentlich seltener.

Was erwartet Frauen in den alternativen Energien: Was ist das für eine Branche, was sind ihre Aufgaben?

Die erneuerbaren Energien sind mittlerweile ein etablierter Arbeitsmarkt mit vielfältigen und abwechslungsreichen Tätigkeiten in Windenergie, Photovoltaik, Netztechnologie, um nur einige zu nennen. Die Sektoren erfordern jeweils unterschiedliche Qualifikationen. Wind ist Bau, Photovoltaik ist Elektrotechnik und Netztechnologie überwiegend Informatik. Die Aufgaben reichen von der Installation der Anlagen über Energieberatung bis hin zur Forschung. Mit einer technischen Ausbildung oder einem technischen Studium haben Frauen sehr gute Chancen, sich für eine Tätigkeit in den regenerativen Energien zu qualifizieren. Was besonders gebraucht wird, ist Schnittstellenkompetenz, da häufig unterschiedliche Technologien verzahnt werden.

Ist es immer derselbe Typ Frau, der interessiert ist an einem nachhaltigen Job oder tun sie das aus unterschiedlichen Gründen?

Im Rahmen einer Typenbildung habe ich Unterschiede festgestellt in Abhängigkeit vom Bildungsgrad und dem Zeitpunkt, zu dem Nachhaltigkeit die Berufswahl beeinflusst hat. So führt zum Beispiel der Wunsch, sich für eine nachhaltige Entwicklung unserer Umwelt zu engagieren, bei manchen zu einer beruflichen Spezialisierung in der Technik. Diese Frauen bringen bereits eine große Technikfaszination mit. Sie möchten sich beruflich aber gerne in einem technischen Bereich mit Nachhaltigkeitsbezug engagieren. Dann gab es Fälle, die sich in der Phase einer beruflichen Umorientierung befanden. Auf der Suche nach einer Branche, in der sie auch einen gesellschaftlichen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten können, entschieden sie sich für die Windenergie.

Dann gab es eine Gruppe von Frauen, die bereits in der Schulzeit ein starkes Umweltbewusstsein entwickelt hatten und daher ganz gezielt eine technische Laufbahn einschlugen. Der Nachhaltigkeitsbezug von Technik kann also bereits früh eine Rollen spielen, aber auch erst im späteren Verlauf der Karriere an Bedeutung gewinnen.

Sie haben in Ihrer Arbeit exemplarisch die Windkraft untersucht. Warum gerade dieses Segment?

Weil dort der Frauenanteil mit 30 % am höchsten ist und der hohe Bedarf an technischem Personal vermuten lässt, dass auch Frauen mit technischer Qualifikation in der Windkraft arbeiten.

Nachhaltig sind aber nicht nur erneuerbare Energien, sondern auch nachhaltige Produktion oder schonender Umgang mit Ressourcen sowie Umweltschutz. Ist in all diesen Tätigkeiten der Frauenanteil in technischen Berufen auch höher als in konventionellen?

Wenn man sich die Anteile von Frauen in den entsprechenden Studienfächern anschaut, lässt sich das so bestätigen. Im Fach Umweltschutz im ingenieurwissenschaftlichen Studienbereich Raumplanung lag der Frauenanteil im vergangenen Jahr beispielsweise bei knapp der Hälfte.

Für duale Ausbildungsberufe ist die Aussage wiederum schwierig, da es keinen eigenständigen Ausbildungsberuf für erneuerbare Energien gibt. Ein Nachhaltigkeitsbezug ist in den Beschreibungen der Ausbildungsberufe kaum ersichtlich. Das macht die Berufsorientierung für Frauen schwierig, die gerne einen Beitrag zu Nachhaltigkeit leisten möchten.

Mit der Reform der Ökostrom-Förderung sorgt die Bundesregierung für Unruhe in der Branche. Wie sehr hemmt dies Frauen, in dieser Industrie zu arbeiten?

Die Energiewende wird in den Medien kritisch diskutiert. Das ist aber erst mal nichts Schlechtes. Problematisch ist, dass die negativen Seiten häufig in den Vordergrund gestellt werden. Das rückt das Arbeitsfeld in ein schlechtes Licht und hat auch Konsequenzen für die Wahrnehmung entsprechender Berufsmöglichkeiten.

Das Image eines Berufes ist nicht unerheblich für die Berufswahl. Es wäre daher wünschenswert, wenn die Bedeutung einer Tätigkeit in den erneuerbaren Energien für unsere Gesellschaft stärker in den Vordergrund gerückt würde. Das technische Berufsbild müsste sich insgesamt verändern, hin zu einem Bewusstsein, dass es gesellschaftliche Veränderungen mitbestimmt. Dann steigt auch die Chance, dass junge Frauen, die sich im Beruf gesellschaftlich engagieren möchten, sich hier wiederfinden. 

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