Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Sonntag, 17. Dezember 2017

Ausstellung

Innovationen im „Bronze Valley“

Von Renate Ell | 5. August 2016 | Ausgabe 31

Unter dem Titel „4000 Jahre Pfahlbauten“ präsentiert die Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2016 an zwei Orten tiefe Einblicke in das Leben der Stein- und Bronzezeit – als die Menschen das Rad erfanden und den Fernhandel professionalisierten.

Bildartikel zu 16 Fischfanganlage 11.jpg
Foto: Federmuseum Bad Buchau

Der letzte Pfahlbau: Rekonstruktion der Fischfanganlagen bei Oggelshausen.

Pfahlbau-Siedlungen sind weit mehr als eine besondere Wohnform in der Zeit zwischen dem 5. und 1. Jahrtausend v. Chr. – sie sind Zeitkapseln. Denn der feuchte Boden an den Seeufern rund um die Alpen konservierte organisches Material, sodass Archäologen dort neben den hölzernen Gebäuden und Geräten auch Textilien und sogar Getreideähren fanden. Etwa 1000 Pfahlbau-Fundstätten sind bekannt. 2011 nahm die Unesco stellvertretend 111 in die Welterbeliste auf; von den 18 deutschen liegen 15 in Baden-Württemberg.

Architektur der Vorfahren

Chronologisch beginnt die Ausstellung mit der Steinzeit in Kloster Schussenried. Ein Modell zeigt die Konstruktion eines typischen Pfahlbaus mit gitterförmigen Unterzügen, die ein Versinken im weichen Boden verhinderten. Solche Gebäude hatten Vorteile wie die leichte Erreichbarkeit in weglosen Gegenden, günstige Abfallentsorgung und Schutz vor Mäusen, aber auch Nachteile, wie ein feuchtes Wohnklima und die große Entfernung zu den Äckern.

Die Ausgrabung zeigte beim Hausrat eines Pfahlbaudorfes markante Unterschiede, die einerseits auf eine handwerkliche Spezialisierung hindeuten, etwa bei der Perlenproduktion oder den Netzsenkern der Fischer. Andererseits gab es auch ganz unterschiedliche Fernhandelsbeziehungen: Eine Familie besaß Beile aus dem Westen, eine andere solche aus dem Donauraum. Die steinzeitliche Globalisierung reichte allerdings schon viel weiter, Handelswege verbanden den Bodenseeraum mit der Bretagne, Süditalien, Ungarn, der Nord- und Ostseeküste.

Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Das Rad von Olzreute-Enisholz bei Bad Schussenried (um 2900 v. Chr.) während der Freilegung.

Das älteste Rad des Alpenraums – eines der ältesten der Welt – wurde um 3200 v. Chr. in Slowenien aus robustem Ahornholz gefertigt, die dazugehörige Achse aus langfaseriger Esche; ein neuzeitlicher Handwerker hätte wohl dieselben Materialien gewählt. Nur 300 Jahre jünger ist das Rad aus einer Moorsiedlung bei Bad Schussenried. Auch die Werkzeuge zeigen eine hoch entwickelte Handwerkskunst. So gab es je nach Einsatzzweck ganz unterschiedliche Holme und Schäftungen bei Beilen. Nachbauten der meist aus Esche gefertigten Holme erwiesen sich als optimal in Hinblick auf Form, Maserungsverlauf oder Ergonomie, und sie entsprachen fast allen DIN-Normen, die heute für vergleichbare Werkzeuggriffe gelten. Wichtigster Werkstoff beim Schäften von Beilen oder Silexmessern war Birkenpech, der „Steinzeit-Superkleber“.

Fischernetze, Hakenpflüge und Kochgeschirr, Getreidereste und Tierknochen erlauben einen Einblick in das tägliche Leben und die Ernährung der Steinzeit. Da kam wohl Eintopf oder Emmer-Getreidebrei auf den Tisch, angereichert mit Fisch oder Fleisch: Rinder und Schweine standen im Stall und man ging natürlich auf die Jagd.

Als Händler ab etwa 2200 v. Chr. die Bronze in Europa verbreiteten, gab das dem innovativen Geist der Pfahlbausiedler weitere Impulse – und die Innovationen führten zu einer weiteren Diversifizierung in der Gesellschaft. Diese jüngeren Entwicklungen zeigt das Federsee-Museum in Bad Buchau, das als moderner Pfahlbau über dem Wasser schwebt. In der Umgebung wurden zahlreiche Einbäume gefunden, die „Handelsflotte“ im „Bronze Valley“. Der Handel wurde immer wichtiger und professioneller, womöglich handelt es sich bei Tontäfelchen mit Markierungen, die entlang bronzezeitlicher Handelswege zwischen Rhône und Karpaten gefunden wurden, um so etwas wie Lieferscheine.

Bronzene Lanzenspitzen und Klingen für Sicheln – wiederum mit ergonomisch optimalem Griff – oder Äxte aus Bronze waren denen aus Stein in vieler Hinsicht überlegen und hatten den Vorteil, dass man das wertvolle Material recyceln konnte, wenn sie kaputt gingen. Das Rad wurde weiterentwickelt und taucht nun auch als Schmuckstück auf. Erste Wagen rollten über breitere Wege, und das Pferd, bislang Jagdbeute, machte Karriere als Zugtier, ebenso wie der Ochse. Wollschafe hielten Einzug in die Ställe, man hatte ja jetzt das geeignete Werkzeug, um sie zu scheren.

Foto: Archäologisches Landesmuseum/M. Schreiner

Der neue Werkstoff Bronze wurde auch zu dekorativen Nadeln verarbeitet.

 Die Spezialisierung von Bauern und Handwerkern entwickelte sich weiter und dank der Bronze kamen erstmals einige Menschen zu Reichtum. Gleichzeitig entstanden neue religiöse Kulte um die Sonne und Wasservögel, die wohl durch ihr „Multitasking“ imponierten. Schmuck, verzierte Keramik und eine Flöte aus Holunderholz aus der Zeit um 1050 v. Chr., gefunden bei Hagnau am Bodensee, zeigen einen Sinn für Schönheit, der heutigen Betrachtern gar nicht fremd vorkommt. Aber in der Bronzezeit entstand mit dem Schwert auch das erste Gerät, das ausschließlich kriegerischen Zwecken diente. Rund um das Federsee-Museum zeigen Modelle die verschiedenen Haustypen der Bronzezeit mit Stroh- und Rindendächern und Kochstellen. Handwerksvorführungen und Einbaumtouren für Kinder runden das Programm ab.  

stellenangebote

mehr