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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

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Kommunikation

Raus mit der Kritik - aber richtig!

Von Chris Löwer | 15. Februar 2013 | Ausgabe 7

Ingenieure in Führungspositionen sind oft Schweiger – das kann sich rächen. Denn sie scheuen Konflikte, halten mit berechtigter Kritik hinter dem Zaun. Das kann im Extremfall auch dazu führen, dass er oder sie "explodiert". Und damit ist wiederum auch niemandem gedient. Die Kunst konstruktiver Kritik lässt sich erlernen.

Raus mit der Kritik - aber richtig!

Natürlich gibt es Meinungsverschiedenheiten, natürlich baut ein Kollege mal Mist und natürlich kollidieren in einem Projekt Interessen. Das gehört zum Arbeitsalltag. Was besser nicht dazu gehören sollte: Es laufen zu lassen. Gerade in Führungspositionen können sich Ingenieure kein betretenes Schweigen leisten, sonst eskalieren Konflikte und Arbeitsergebnisse leider.

Es gilt: Sagen, was Sache ist. Kritisieren statt still lamentieren. Doch das will gelernt sein, weiß Andrea Budde, Konfliktcoach und Mediatorin aus Berlin. "Leider ist dies nicht Teil des Ingenieurstudiums, obwohl später von Ingenieuren erwartet wird, teamfähig zu sein", bedauert die Professorin.

Tipps für ein besseres Miteinander

Konstruktiv Kritik üben zu können, ist dabei wesentlich. "Grundbedingung dafür ist ein gehöriges Maß Selbstreflexion", sagt Budde. Nur so lässt sich fair beurteilen, was der eigene Anteil an der misslichen Situation ist und nur so wird der Boden bereitet, den richtigen Ton zu treffen. Denn als goldene Regel gilt: Kritisiere so, wie du selbst kritisiert werden willst.

"Tabu sind spontane Wutausbrüche, Beschimpfungen, abwertende Bemerkungen, den anderen nicht zu Wort kommen zu lassen oder ihn mit verallgemeinernden und übertriebenen Vorwürfen zu überziehen", sagt Budde. Schneidende Vorhaltungen der Art "Sie machen immer wieder die gleichen Fehler!" vor versammelter Mannschaft sind zersetzend und demotivieren.

Aber sie sind nicht selten. "Das geschieht automatisch, um der Kritik Nachdruck zu verleihen", erklärt Kommunikationsberaterin Giselle Chaumien, Inhaberin von GCW Communications. "Dabei ist das gar nicht nötig." Denn konstruktive Kritik entfaltet eine viel bessere Wirkung. "Niemand möchte sich anhören, was er alles falsch gemacht hat, ohne zu erfahren, wie er es besser machen könnte", betont Chaumien. Denn das zu oft gemiedene Gespräch bietet große Chancen, wenn mit der Beanstandung gleich hilfreiche Anregungen und motivierende Worte einhergehen. Wichtig sei, präzise darzulegen, was genau stört und was stattdessen erwartet wird. "Nie um den heißen Brei reden!", mahnt Chaumien. Zu vermeiden sei ein vorwurfsvoller Ton, stattdessen sollte sachlich und gut begründet argumentiert werden.

Zwischen Tür und Angel gelingt das nicht, weswegen vorher ein Termin für das Kritikgespräch vereinbart werden sollte, um in Ruhe reden zu können – und damit sich beide Parteien vorbereiten können. Außerdem verhindert dies impulsive Explosionen, die gern in einem emotionalen Angriff-Verteidigungs-Wettlauf münden. Sachlich bleiben ist besser – aber damit übertreiben, wozu Ingenieure neigen, sollte man nicht.

"Konflikte entstehen dann, wenn der Mensch in seinem Gesamtanliegen nicht wahrgenommen wird", sagt Stephanie Bäcker, Inhaberin der Kölner Scope-Beratung. Bei zu sachlicher Argumentation könnten ungewollt eben doch emotionale Aspekte in den Vordergrund treten, weil das eigentliche Sachproblem in den Hintergrund tritt. "Dies geschieht oft unbewusst", weiß die Beraterin. "Es ist auf jeden Fall wichtig, sowohl die Sach- als auch die Emotionsebene zu berücksichtigen, um sich auf beiden Ebenen bewegen zu können."

So sieht das auch Budde: "Geht es um einen emotional aufgeladenen Konflikt, wird man dem kaum nur auf der Sachebene begegnen können", sagt Budde. Denn dann werden Emotionen ignoriert, wodurch sich das Gegenüber erst recht unverstanden und angegriffen fühlt. "Ingenieuren mangelt es mitunter an emotionaler Intelligenz, ohne die jedoch keine konstruktive Kritik möglich ist", betont Budde. Es kann nicht schaden zu wissen, ob der Mitarbeiter Familie hat, wie er angesprochen werden möchte, ob es private Probleme gibt, was sensible Punkte sind, um welchen Charakter es sich handelt. Das zu erkennen, kann man trainieren, sagt Budde.

Eine gute Übung sei zudem ein "inneres Rollenspiel", bei dem man selbst den Platz des Kritisierten einnimmt, sich in seine Lage versetzt. Dabei wird auch offenbar, wie es um die eigene Kritikfähigkeit bestellt ist. Denn nur wer reflektiert ist, wird selbst gut mit Kritik umgehen und diese konstruktiv üben können.

Überraschungen nicht ausgeschlossen: "Manchmal stecken hinter der Kritik an anderen eigene Themen oder Emotionen, die wir nicht reflektieren", sagt Bäcker. Vielleicht lernt man dabei auch, dass die eigene Position nicht die einzig richtige ist. Zu absoluten Wahrheiten neigen Führungskräfte mit mäßiger Fehlerkultur. Die vermisst Budde häufig in technisch orientierten Teams, weil da oft das Diktat der Null-Fehler-Toleranz dominiert. "In diesem Fall muss verinnerlicht werden, dass Fehler dazugehören, sogar wichtig sind, um sich oder ein Produkt weiterzuentwickeln."

Zur formvollendeten Kritik gehört auch ein Feedback-Gespräch, rät Chaumien. Das falle vielen schwer, weil es einen Rollentausch erfordert, etwa wenn der Kritisierte auf die Frage antwortet, ob es für ihn in Ordnung war, wie mit ihm gesprochen worden ist. Außerdem sollte nach ein paar Wochen gemeinsam besprochen werden, ob sich der bemängelte Zustand verbessert hat. Die Kommunikationsexpertin gibt zu: "Das ist ein schwieriges Feld. Schon privat ist es oft nicht einfach, gekonnt zu kritisieren."   CHRIS LÖWER

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