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Donnerstag, 18. Mai 2017, Ausgabe Nr. 20

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Nachhaltigkeit

Soziales Gewissen braucht sanften Druck

Von W. Schmitz | 4. Oktober 2013 | Ausgabe 40

Deutsche Firmen sind zu gesellschaftlicher Verantwortung bereit. Oft mündeten Initiativen in sozialen und ökologischen Verbesserungen, politische Ziele würden aber meist nicht erreicht, beklagen Wissenschaftler. Unter dem Strich landen deutsche Firmen bei gesellschaftlicher Verantwortung und Nachhaltigkeit im internationalen Mittelfeld.

Soziales Gewissen braucht sanften Druck

Was soll ich denn noch tun, um ein richtig großer Engel zu werden? Das fragen sich auch deutsche Unternehmer, wenn es um Nachhaltigkeitsziele geht. Kritiker wünschen sich stärkere politische Vorgaben und Anreize. Foto: Corbis

Welche Eltern kennen das nicht: Kinder brauchen bisweilen sanften Druck, wenn es um schulische Pflichten geht. Die Hausaufgaben allein reichen häufig nicht für eine gute Note. Am Zusatzbüffeln kommen immer weniger Schüler vorbei.

Ähnlich verhält es sich mit Unternehmen und ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung, etwas mehr zu tun als nur auf die Kasse zu schauen. Nicht nur Ingenieure wollen sehen, dass ihr (potenzieller) Arbeitgeber Sinnvolles für Umwelt und Arbeitsplätze tut. Und tatsächlich: In den Schaltzentralen deutscher Unternehmen hat man verstanden, worum es geht. Nachhaltigkeit ist wesentlicher Teil zahlreicher Firmenstrategien, für eine Jubelarie ist es aber noch zu früh, wie aktuelle Studien belegen.

"Der internationale Vergleich zeigt, dass deutsche Unternehmen sich bei der Umsetzung konkreter Nachhaltigkeitsmaßnahmen weder zu einzelnen ökologischen und sozialen Themen noch bei der Integration in die Organisation als Vorreiter positionieren können", fasst Stefan Schaltegger, Leiter des Centre for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität Lüneburg, die Ergebnisse einer hauseigenen Studie zusammen. Dabei wurden 468 Unternehmen in elf Ländern unter die Lupe genommen.

Demnach bewegen sich deutsche Unternehmen bei der Umsetzung gesellschaftlicher Verantwortung (Corporate Social Responsibility, CSR) im Mittelfeld. Vor allem britische und japanische Unternehmen sind den deutschen Wettbewerbern in CSR-Fragen voraus. Treiber gesellschaftlichen Engagements sind interne und externe Initiativen, die der Reputation dienen. "Marktorientierte Maßnahmen, wie etwa die Entwicklung nachhaltigkeitsorientierter Innovationen", spielten im Gegensatz zur Image-Aufwertung "nur eine untergeordnete Rolle", berichten die Lüneburger Forscher – aber Aktivitäten im Sinne von Markt und Kunden seien ebenso im Kommen wie die Einbettung von Nachhaltigkeit ins jeweilige Kerngeschäft.

Während inzwischen auch die Personalabteilungen immer stärker als noch vor drei Jahren in CSR-Maßnahmen eingebunden seien, würden die Bereiche Finanzen, Rechnungswesen und Controlling vom Nachhaltigkeitsmanagement fahrlässig alleingelassen. Wer diese Bereiche nicht einbeziehe, vernachlässige die wirtschaftlichen Aspekte nachhaltiger Initiativen.

Eine grundsätzlich positive Entwicklung in CSR-Fragen attestiert auch das Öko-Institut in Darmstadt deutschen Unternehmen, versieht das Zeugnis jedoch mit einem großen "Aber". In Kooperation mit anderen europäischen Forschern sind die Darmstädter im Projekt "Impact" zu dem Schluss gekommen, dass "in Deutschland und Europa grundsätzlich großes Engagement vorhanden ist, auch über das gesetzliche Mindestmaß hinaus soziale und Umweltaspekte aufzugreifen. Gerade kleine und mittlere Betriebe engagieren sich mehr als man vielleicht erwarten würde", so Projekt-Mitarbeiter Christoph Brunn.

Sicherlich gebe es große Unterschiede zwischen Unternehmen. Neben ernsthaften Versuchen stünden "oberflächliche Aktivitäten, die nicht an ernsthaften Veränderungen interessiert sind". In manchen Unternehmen seien starke CSR- und Nachhaltigkeitsabteilungen direkt an den Vorstand angebunden, andernorts gebe es losere Konstruktionen.

Christoph Brunn betont: "CSR ist mehr als ein Lippenbekenntnis, es führt zu einer Verbesserung sozialer und ökologischer Effekte in Unternehmen." Kurzum: Freiwilliges soziales und ökologisches Engagement gehöre heute zum Standard.

Womit Christoph Brunn beim "Aber" wäre: "Der Effekt ist nicht so groß, dass allein mit CSR große Veränderungen oder die Erfüllung politischer Ziele erreicht werden. Corporate Social Responsibility ist nicht die alleinige Lösung. Es kann nur ein Baustein von mehreren sein, wenn es um politische Steuerung geht."

Einige Unternehmen müsse man mit mehr oder minder sanftem Druck auf die Erfolgsspur helfen, meint Christoph Brunn. "In vielen Fällen scheinen bestimmte ,härtere‘ Ansätze sogar dazu zu führen, dass Unternehmen ein Thema ernst nehmen." Es gebe kein "Entweder-Oder" bei der Frage nach Freiwilligkeit und Regulierung. "Entscheidend ist der richtige Mix der Instrumente."

Die EU-Politik solle Anreize für ein bewusstes Management von Umwelt- und Sozialaspekten über das gesetzliche Maß hinaus setzen und Firmen entsprechende Informationsquellen bereitstellen. "Dies ist bisher sehr unzureichend der Fall."

Aber rentiert sich soziales und ökologisches Engagement? Brunn und seine Kollegen haben herausgefunden, dass Firmen mit hoher Mitarbeiterzufriedenheit und geringer Fluktuationsrate positive ökonomische Effekt verzeichnen. Eine pauschal gültige Aussage zur Rentabilität von CSR sei aber nicht möglich.

Generell sei aber nicht jeder ökonomische Gewinn kurzfristig messbar. "Eine Einstellung nachhaltigen Engagements könnte aber durchaus Effekte auf die Entscheidungen von Finanzinvestoren haben. Insbesondere Unternehmen aus dem Automobil- und Bausektor gaben an, dass ein wichtiger Treiber für CSR Investoren und Ratingagenturen sind."

Fazit: Deutsche Unternehmen machen ihre Hausaufgaben. Ein wenig politischer Druck, noch ein bisschen fleißiger zu werden, kann jedoch nicht schaden.  W. SCHMITZ

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