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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Hochschule

Studieren im „Fernen Osten“

Von Harald Lachmann | 27. November 2015 | Ausgabe 48

Noch vor wenigen Jahren hatte ein Studium in den neuen Bundesländern für westdeutsche Abiturienten viel mit abenteuerlicher Exotik zu tun. Inzwischen beträgt der Anteil westdeutscher Studenten im Osten knapp 36 %. Tendenz steigend.

Studium im Osten BU
Foto: dpa/Waltraud Grubitzsch

Lernen am laufenden Band. In der Universitäts-Bibliothek in Leipzig ist das möglich, sie hat rund um die Uhr sieben Tage in der Woche geöffnet.

Mit einem grünen Trabbi waren Tim Vollmer und zwei seiner Freunde daheim im Rheinpfälzischen abgeholt und nach Leipzig kutschiert worden: Man wollte ihnen so das Abenteuer eines „Studiums in Fernost“ schmackhaft machen. Als sie zusagten, bezahlte ihnen die sächsische Universität sogar für ein Semester das möblierte WG-Apartment. Im Gegenzug sollten der Mathematikstudent und seine Mitbewohner in Blogs ihren in der Westheimat verbliebenen Kameraden berichten, wie spannend der Osten sei.

Buntes Angebot auch von privaten Hochschulen

Auch Tims damaliger Rektor Franz Häuser, ein Hesse, riet seinen weststämmigen Professoren, mal an ihren alten Gymnasien zu berichten, wie „wunderbar es ist, in Leipzig zu studieren“. Sechs Jahre ist das her, Leipzig ist inzwischen eine Topadresse auch für Abiturienten aus dem Westen. Sie bilden hier das Gros der Studierenden, so Christof Biggeleben.

Der Volkswirt aus dem Sauerland weiß es aus erster Hand: Er engagiert sich für die Kampagne „Studieren in Fernost“, mit der der Bund den Hochschulpakt 2020 begleitet. Im Rahmen der Aktion, die jährlich 2 Mio. € kostet, verpflichten sich 43 der 65 ostdeutschen Hochschulen, trotz Geburtenknick ihre Kapazitäten auf hohem Niveau zu halten. Damit soll der Strom jener Erstsemester aufgefangen werden, die zwischen Kiel und Konstanz wegen der teils doppelten Abiturjahrgänge am Numerus Clausus scheitern und nun neue Wege suchen.

Hochschulen punkten mit Unterrichtsqualität, Ausstattung und geringer Studentenzahl

Immer mehr Jugendliche aus den alten Ländern schreiben sich inzwischen im Osten ein. Waren es 2005/06 erst 16 % aller Studierenden, beträgt die Quote nun knapp 36 %. Nicht alle zieht es dabei nach Leipzig, Dresden oder Rostock. Gerade kleinere Hochschulstandorte, die mancher im Westen kaum kennt, sind immer weniger ein Geheimtipp.

Hierzu zählt das beschauliche thüringische Ilmenau, in das sich schon Goethe verliebte. Heute punktet hier die TU mit einem hoch innovativen ingenieurwissenschaftlichen Campus. Oder das sächsische Freiberg, eine der schönsten deutschen Universitätsstädte – seine TU Bergakademie genießt Weltruf im Montanbereich. Oder das vorpommersche Greifswald, direkt am Meer gelegen: Zwei Drittel der 12 000 Studenten, die an der Universität etwa für Pharmazie, Biochemie, Informatik oder Physik immatrikuliert sind, stammen nicht aus dem Nordosten.

Dabei ist gerade das mondäne Greifswald nicht typisch für den Osten, was günstige Mieten und sonstige Kosten betrifft. In Chemnitz, Cottbus, Frankfurt/Oder, Neubrandenburg und Leipzig lässt es sich da noch weit besser haushalten. Dieses „Studieren im Osten mit weniger Kosten“, wie es in der Fernost-Kampagne heißt, ist in Euro und Cent belegbar. So gibt, wer hier studiert, laut einer Analyse der FH Erfurt im Monatsschnitt 53 € weniger aus als Studiosi an Rhein oder Isar. Während der bundesweite Mittelwert für Mietausgaben eines Studierenden bei monatlich 281 € liegt, fallen im charmanten Erfurt nur 249 € an.

Den Vorzug fehlender Studiengebühren hat der Osten inzwischen eingebüßt, denn sie werden nirgendwo mehr erhoben. Dafür punkten die Hochschulen mit anderen Vorzügen: hohe Unterrichtsqualität in nicht so vollen Hörsälen wie im Westen, moderne Ausstattung, geringere Studentenzahlen pro Professor.

Dazu auch eine zunehmend brillante Forschung. Auch hierfür ließ der Bund mit dem Programm „Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern“ gut 220 Mio. € bis 2014 springen.

So sieht Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) die Universitäten in Halle-Wittenberg und Magdeburg „sowohl fachlich als auch ausstattungstechnisch hervorragend aufgestellt“. Und Thomas Hofsäss, Prorektor der Universität Leipzig, verweist auf die Strukturreform der ostdeutschen Hochschulen nach 1990. Ziel sei gewesen, fachlich anspruchsvolle sowie inhaltlich und organisatorisch „studierbare“ Studiengänge zu schaffen: „Das ist geglückt.“

Leipzig lockt mit einer Universität im Stadtzentrum und einer bunten Kulturszene

Als besonderer Vorzug ostdeutscher Einrichtungen gilt ihre Praxisnähe, gerade im technischen Bereich. Fünf der 18 deutschen TU befinden sich im Osten, neben Cottbus und Ilmenau in Chemnitz, Dresden und Freiberg.

Allein drei der vier sächsischen Unis festigten so ihr traditionelles ingenieurtechnisches Profil. Hinzu kommen fünf technisch-wirtschaftlich ausgerichtete FH in Dresden, Leipzig, Mittweida, Zittau/Görlitz und Zwickau. Laut Burkhard Venz von der Arbeitsagentur Leipzig ist Sachsen damit der „größte Ingenieurausbilder Europas“. Mit einem Abschluss etwa in Maschinenbau oder Verkehrswesen habe ein junger Ingenieur auf Arbeitssuche „bereits wegen der besuchten Hochschule einen Namen“.

Auch der 24-jährige Jan Heidtmann, ein Niedersachse, der an der FH Mittweida Medientechnik studiert, lobt die „exzellente technische Ausstattung“ der Hochschule sowie den „engen Kontakt zur Wirtschaft“. So konnte er bereits im Rahmen seiner Bachelorarbeit eine mobile Sendeanlage entwickeln, die nun im Einsatz ist. Nur etwas verschlafen sei das 15 000-Seelen-Städtchen.

Kein Vergleich zu Leipzig mit seiner Kultur- und Kneipenszene, einem Campus im Herzen der pulsierenden City sowie der Universitäts-Bibliothek, die sieben Tage die Woche 24 Stunden geöffnet ist. Wem nachts um 3 Uhr nach Lernen ist, findet problemlos Einlass. Und hinterher geht es womöglich noch raus auf ein Bierchen, denn die Messestadt kennt keine Polizeistunde. 

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