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Freitag, 24. Juni 2016, Ausgabe Nr. 25

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Arbeitsmarkt

Südeuropäer klopfen vergeblich an Firmentüren

Von Wolfgang Schmitz | 25. April 2014 | Ausgabe 17

Sie waren mit großen Hoffnungen nach Deutschland gereist. 17 junge Akademiker aus Südeuropa, die meisten mit einem Ingenieurabschluss, büffelten Deutsch, um hierzulande beruflich Fuß zu fassen. Die Hoffnung trog. Auf die Bewerbungen prasselte es Absagen.

Demonstration gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit
Foto: Gambarini/dpa

Junge Menschen aus ganz Europa demonstrierten im vergangenen Sommer vor dem Bundeskanzleramt gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit im Süden des Kontinents. Deutschland gilt vielen als beruflicher Zufluchtsort. Nicht alle Hoffnungen erfüllten sich.

Iakovos Fantidis ist ratlos. Der 26-jährige Informatiker aus Skydra, einer kleinen Stadt in der Nähe von Thessaloniki, hatte vom Fachkräftemangel in Deutschland gehört, sich aus seiner griechischen Heimat auf den Weg ins gelobte Ingenieur-Land gemacht, an seinen deutschen Sprachkenntnissen gefeilt – um jetzt mit leeren Händen dazustehen. "Ich weiß auch nicht genau, warum es mit einer Stelle nicht klappt. Als ich vor fünf Monaten zum Sprachkurs der Metzler-Stiftung nach Deutschland kam, dachte ich, die Chancen für IT-Experten seien sehr gut. So stand es zumindest in den Medien. Bislang habe ich nur Absagen bekommen. Dabei habe ich jeden Tag mindestens fünf Bewerbungen verschickt."

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Seine Gedanken ziehen Kreise, finden aber das Ziel nicht. "Vielleicht liegt es an meiner mangelnden Erfahrung", grübelt Fantidis. Er bekäme von den Unternehmen sinngemäß immer die gleiche Absage: "Wir haben Ihre Bewerbung mit großem Interesse gelesen, konnten Sie aber leider nicht berücksichtigen. An Ihrer Qualifikation lag es nicht. Viel Glück auf Ihrem weiteren Lebensweg."

Iakovos Fantidis bleibt hartnäckig. Eine Freundin in Hamburg hilft ihm. Ewig aber könne er nicht bei ihr wohnen bleiben. Irgendwann muss der Rubel rollen. "Ich möchte unbedingt in Deutschland bleiben. Zum einen, weil die beruflichen Perspektiven trotz aller Negativerfahrungen sicher besser sind als in meiner griechischen Heimat, zum anderen schätze ich die Kultur und das Leben hier. Ich bin und bleibe Optimist."

Cristina Pimentel erging es nach dem Sprachkurs in Deutschland ähnlich. Sie versucht allerdings, ihr berufliches Schicksal aus der Heimat zu steuern. "Ich bin wieder in Portugal, bewerbe mich aber weiterhin in Deutschland, bis zu zehn Bewerbungen sind es pro Tag. Jetzt ziehe ich meinen Radius aber weiter und bewerbe mich auch in Luxemburg. Es soll dort gute Chancen für Ingenieure geben, die Portugiesisch und Deutsch sprechen."

Die 28-jährige Bauingenieurin hatte ihr Studium 2011 abgeschlossen und danach bei einem portugiesischen Unternehmen gearbeitet, das eng mit Deutschland kooperierte. Cristina Pimentel sprach also schon vor dem Sprachkurs bei der Metzler-Stiftung Deutsch. Viel hat das nicht geholfen. "Bei der Arbeitsagentur in Deutschland hat man mir gesagt, Bauingenieure hätten es auf dem Arbeitsmarkt schwerer als etwa Maschinenbauer oder Elektroingenieure. Schlechter als in Portugal kann es aber in Deutschland nicht sein."

Freunde rieten Cristina Pimentel, es zunächst mit einem Praktikum zu versuchen, um über diesen Umweg zu einer Festanstellung zu kommen. "Aber Praktika sind schlecht bezahlt und ich muss doch von irgendetwas leben."

Die Portugiesin ist "schon ein bisschen enttäuscht" von der schlechten Resonanz auf ihre zahlreiche Bewerbungen. Da ist es auch kein Trost, dass sie und Iakovos Fantidis mit dem Problem, in Deutschland keine Stelle zu finden, nicht allein sind.

Denn von den 17 Stipendiaten der Metzler-Stiftung, hauptsächlich Ingenieure, haben bislang nur zwei Aussicht auf eine Anstellung. Die jungen Akademiker aus Griechenland, Italien, Portugal und Spanien sind vor der schlechten wirtschaftlichen Lage in ihren Ländern geflohen, um hier ihr Glück zu finden. Das "d.eu.tsch-Stipendium" der Metzler-Stiftung bereitete sie mit einem viermonatigen Sprachaufenthalt im Frankfurter Goethe-Institut auf die Anforderungen in Deutschland vor und baute über ihr Netzwerk Brücken zu möglichen Arbeitgebern. Paten informierten die Stipendiaten über die Besonderheiten in deutschen Unternehmen, über den Berufsalltag sowie die Anforderungen und trainierten mit ihnen das Bewerbungsgespräch.

Die Resonanz der Arbeitgeber war mau. "In deutschen Zeitungen liest man doch immer vom Fachkräftemangel und der demografischen Entwicklung, vom Europa ohne Zuzugsbeschränkungen, von kompatiblen Studienabschlüssen und von Kooperationen ohne großen bürokratischen Aufwand. Warum dann die Zurückhaltung der Unternehmen?", fragt sich Sigrun Stosius aus dem Vorstand der Metzler-Stiftung.

"Aus 60 Jahren Migration weiß man, dass gute Deutschkenntnisse unerlässlich sind, um die PS auf die Straße zu kriegen." Aus Unternehmen hieße es dann auch, meist scheiterten Bewerbungen ausländischer Kandidaten an den mangelnden Deutschkenntnissen. Aber genau diesem Manko sei man mit den Sprachkursen doch begegnet, so Sigrun Stosius. Mit C1 verfügten die Akademiker über das von Politikern und Unternehmern eingeforderte "fortgeschrittene Kompetenzniveau". Wenn Interesse signalisiert werde, dann aus großen international agierenden Unternehmen. Sigrun Stosius: "Der Mittelstand, der doch größere Probleme haben soll, Fachkräfte zu finden, regt sich kaum. Das alles ist mir sehr schleierhaft."

Eine Antwort auf Sigrun Stosius Frage nach der Zurückhaltung der Arbeitgeber fällt auch Arbeitsmarktforschern schwer. Sie reiben sich an der Gretchenfrage nach dem Fachkräftebedarf. "Bei den sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) unterscheiden sich die Einschätzungen der Experten am deutlichsten", hat Nina Neubecker vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bei Sondierung der Wissenschaftsmeinungen festgestellt.

Dass der Fachkräftemangel die Unternehmen noch nicht über Gebühr belaste, darauf deute die Zurückhaltung der Unternehmen bei Lohnanstiegen hin. Und zur Lage junger, akademisch gebildeter Zuwanderer: Eine fundierte wissenschaftliche Einschätzung zur Situation der 17 Stipendiaten sei aufgrund der geringen Stichprobe nicht möglich.

Ähnlich vorsichtig äußert sich Ehsan Vallizadeh vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). So viel aber ließe sich sagen: Generell bevorzugten deutsche Unternehmen deutsche Fachkräfte bei der Stellenbesetzung im Inland, insbesondere bei hoch Qualifizierten. Zudem habe das IAB im Zuge der EU-Osterweiterung im Jahre 2011 weder eine vorausschauende Personalplanung noch eine konkrete Besetzungs- und Rekrutierungsstrategie von ausländischen Fachkräften "im großen Umfang" beobachtet.

Eine faktengesicherte Analyse fällt auch Christian Pfeffer-Hoffmann von Minor, einem Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die Migrationsforschung betreiben, schwer. "Bei den Ingenieuren ist nicht ganz klar, wie hoch der Fachkräftemangel wirklich ist." Je nach Fachbereichen, Branchen und Regionen sei der Mangel unterschiedlich groß. "Zudem meldet die Wirtschaft Fachkräftemangel früher an, als es manchmal tatsächlich der Notwendigkeit entspricht, um die politischen Rahmenbedingungen entsprechend zu beeinflussen."

Die Frage, ob es sich bei den Metzler-Stipendiaten um wenig aussagekräftige Einzelschicksale oder um ein Spiegelbild der aktuellen Arbeitsmarktsituation handelt, bleibt aus wissenschaftlicher Perspektive also vorerst unbeantwortet. Kein Grund, künftig nicht genauer auf die Einstellungspraxis zu schauen. 

  WOLFGANG SCHMITZ

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