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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

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Porträt

Versuchsingenieure haben ein Gefühl für Geräte

Von Peter Ilg | 27. November 2015 | Ausgabe 48

Testen, verändern, testen. Versuchsingenieure nähern sich iterativ dem bestmöglichen Ergebnis. Sie sind Teil der Entwicklung und verbessern Produkte. Ihr Arbeitsplatz sind Prüfstände, sie führen Praxistests durch und werten Kundentests aus.

Ilg Versuchsingenieur BU 2
Foto: Stihl

Simon Haug mit einem Freischneider, der für den professionellen Einsatz gedacht ist. Er arbeitet an der Modellpflege.

Es gibt wahrscheinlich kein Produkt, das nicht optimiert werden kann. Leichter, stärker, handlicher zum Beispiel. Ob Sportschuh, Windturbine oder Digitalkamera. Versuchsingenieure testen und verbessern Produkte in der Entwicklung. Neue und im Face-Lift. Simon Haug (29) ist Versuchsingenieur bei Stihl in Waiblingen. Zurzeit arbeitet er mit an der Modellpflege eines Freischneiders. Das ist ein Gerät für den professionellen Einsatz, mit dem Arbeiter Gras und Gestrüpp am Straßenrand mähen oder den Wald pflegen. „Durch eine andere Abstimmung der Gummilager im Anti-Vibrationssystem wollen wir die Vibrationen am Griff verringern, sodass länger mit dem Freischneider gearbeitet werden kann und weniger Pausen notwendig sind.“ Vibrationen führen zur Ermüdung in der Hand. Das Gerät hat einen Zweitaktmotor mit 2,7 PS, wiegt 8,5 kg und ist ein Vorserienmodell.

Versuchsingenieur

Haugs Aufgabe ist es herauszufinden, ob die Schwingungen am neuen Gerät im Vergleich zum alten tatsächlich nachgelassen haben. Messwerte am Prüfstand zeigen die Unterschiede der Versionen zueinander und ob die vorher durchgeführten Simulationen das erwünschte Ergebnis bringen. Im Feld arbeitet Haug mit dem alten und neuen Gerät, um herauszufinden, ob die gemessenen Verbesserungen auch spürbar sind. „Dafür muss über die Zeit ein Gefühl für die Maschine entstehen.“ Dann werden die Gummilager geändert und wieder testet Haug, um Veränderungen festzustellen, und es wird der Verschleiß der Lager gemessen. Alle Ergebnisse dokumentiert und analysiert er sorgfältig. Die Testergebnisse sind die Grundlage für die Weiterentwicklung.

Während des Studiums war Haug Mitglied eines Rennteams der Formula-Student-Serie. Das ist ein internationaler Konstruktionswettbewerb für Studenten. „Dabei habe ich ein Gefühl für Materialien, Haltbarkeit von Bauteilen und Abstimmung von Baugruppen bekommen.“ Die neuen Freischneider testen auch Kunden in aller Welt, Haug wertet deren Erkenntnisse aus. „In meinem Job muss ich hartnäckig, neugierig und standhaft sein, denn wir Versuchsingenieure müssen Rede und Antwort stehen, wenn die Maschine fehlerhaft ist.“ Am Prüfstand muss er sich mit der Software auskennen und Versuchsingenieure brauchen Erfahrung. Die muss sich ein Berufseinsteiger erst erarbeiten.

Haug hat eine Ausbildung als Mechaniker abgeschlossen, dann Maschinenbau mit Bachelor-Abschluss und Schwerpunkt Konstruktion und Entwicklung studiert. Anschließend war er neun Monate mit dem Rucksack unterwegs, „überwiegend in Asien und Neuseeland, um mein Englisch zu verbessern“. Dem Reisen folgten 18 Monate als Bauteilekonstrukteur bei Porsche in Weissach. In dem Job hat Haug festgestellt, dass er einen Master braucht, um beruflich voranzukommen. Den machte er an der Fachhochschule in Esslingen in Englisch und mit der Bezeichnung Design and Development für Automotive and Mechanical Engineering. Während des Studiums hat er weiterhin bei Porsche als Werkstudent in der Fahrzeugerprobung gearbeitet. „Das war mein erster Kontakt zum Versuch, der Job hat mir von Beginn an viel Spaß gemacht.“ Weil Stihl das spannendere Thema für eine Master-Thesis bot, schrieb er die Abschlussarbeit dort. Und ist geblieben. Seit Mai 2014 arbeitet er im Versuch. „Ich will nicht nur konstruieren und simulieren. Ich will das Produkt in die Hand nehmen, damit arbeiten und Kontakt zu Anwendern haben.“ Haug ist praktisch veranlagt und das ist gut so, weil Versuchsingenieure Produkte schon mal selbst zerlegen und wieder zusammenbauen.

Versuch lernt man im Ingenieur-Studium nicht. „Ich habe an fachspezifischen Schulungen teilgenommen, beispielsweise zum Umgang mit Prüfstandsoftware.“ Das meiste aber hat Haug in der Arbeit am Produkt gelernt.

Der Leiter der Versuchsabteilung Dauererprobung Motorgeräte bei Stihl ist auch Maschinenbauingenieur. „Das ist eine typische Ausbildung für meine etwa 20 Versuchsingenieure“, sagt Michael Hocquel (44). Die Fachrichtungen Elektrotechnik und Mechatronik seien aber stark im Kommen, „weil unsere Maschinen zunehmend mit intelligenten Steuergeräten ausgestattet sind“. Und weil der Antrieb der Geräte immer häufiger elektrisch und mit Akku ist. „Die Berufschancen von Versuchsingenieuren sind sehr gut“, so Hocquel. Produktion nehme in Deutschland eher ab, Entwicklung zu. „Versuchsingenieure übersetzen subjektive Rückmeldungen von Kunden und ihre eigenen Erfahrungen in technische Anforderungen“, so seine Definition dieses Berufsstandes. 

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