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Donnerstag, 21. September 2017, Ausgabe Nr. 38

Donnerstag, 21. September 2017, Ausgabe Nr. 38

Technikgeschichte

Was Objekte über Technik verraten

Von Fritz Wolf | 26. Februar 2016 | Ausgabe 08

Die Rezeptionsgeschichte ist oft wichtiger und interessanter als die Datierung von Objekten. Das zeigte die Jahrestagung der Technikhistoriker im VDI am Beispiel der Taschenuhr, die dem Nürnberger Peter Henlein zugeschrieben wird.

Henlein BU
Foto: dpa/Daniel Karmann

Eine tragbare Uhr aus dem frühen 16. Jahrhundert. Ihre Entwicklung wurde lange Peter Henlein zugeschrieben, inzwischen gibt es daran Zweifel.

Die Henlein-Uhr ist ein technikhistorischer Schatz. Der Nürnberger Schlosser und Uhrmacher Peter Henlein soll sie Anfang des 16. Jahrhunderts gebaut haben. Sie gilt als die älteste Taschenuhr der Welt – Ausdruck eines neuen, individuellen Zeitbewusstseins. Die Uhr steht als Artefakt im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und war zu ihrer Zeit das, was man heute das neueste technische Gadget nennen würde. Aber ist sie auch echt? Und wenn, ist sie wirklich die älteste ihrer Art?

„Objektgeschichte(n)“ war der Titel der Jahrestagung der VDI-Technikhistoriker Mitte Februar in Bochum. Der Doppelsinn verweist auch darauf, was Technikhistoriker tun: Technik in ihren geschichtlichen Dimensionen erforschen und sie einbinden in historische Erzählungen. Objekte sind interessant als Untersuchungsgegenstände ebenso wie als sachliche Quellen. Sie können materielle Träger authentischer Geschichte sein, aber sie sind oft auch widerspenstig, mehrdeutig, nicht einfach lesbar.

Wie die Henlein-Uhr. Roland Schewe, Historiker und Restaurator am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, schilderte einen wahren Wissenschaftskrimi, mit dem die Forscher den „kleinen Zeig- und Schlag-Uhrlein“ auf die Schliche kommen wollen. Mit detektivischen Methoden, klassischer Forensik, mit Röntgenfluoreszenz und Computertomografie. Sie rekonstruieren historische Spuren, beziehen kulturelle Faktoren in die Rechnung ein, treffen „technikgeschichtliche Plausibilitätsabwägungen“. Ein Artefakt lediglich zu präsentieren, das allein reicht in einem Museum nicht.

Museen spielen für technische Artefakte eine zentrale Rolle. Hier werden sie in die „Massendinghaltung“ eingegliedert (wie ein alter Archäologenwitz formuliert). Museen beanspruchen die Deutungshoheit und behaupten, das Echte, das Authentische zu präsentieren. Einige Referenten der VDI-Tagung zeigten, dass es so einfach nicht ist. Lässt man den Artefakten ihre Gebrauchsspuren, dann sehen sie vielleicht unansehnlich aus. So berichtete Johannes Großewinkelmann vom Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg in Goslar, dass dieselgetriebene Baufahrzeuge, kaum waren sie musealisiert, nach vorherrschenden Restaurierungsmethoden gleich lackiert wurden, damit sie schöner aussehen. Mit einem unerwünschten Ergebnis: „Die Vermittlung ihrer Geschichte wird blockiert durch die Aura ihres Auftritts“ (Großewinkelmann).

Soll man technische Artefakte im musealen Zusammenhang zeigen oder in Betrieb? Kilian T. Elsasser, Geschäftsführer der BLS-Stiftung in Bern, die historische Eisenbahnen sammelt und restauriert, berichtete von einem bekannten Schweizer Zug aus den 30er-Jahren, dem „Blauen Pfeil“, der von Bern nach Interlaken fuhr. Technikhistorisch interessant, weil ein früher Typ aller Züge, bei denen Lokomotive und Waggon vereint sind, wie heute bei Regionalzügen oder S-Bahnen. Der „Blaue Pfeil“ wurde aber nicht ins Museum, sondern wieder auf die Schiene gesetzt.

Der „Blaue Pfeil“ ist nicht nur als Vergnügungszug, sondern gelegentlich auch im regulären Fahrplan unterwegs. Ziel der Restaurierung: Technikgeschichte soll unmittelbar erfahrbar sein. Anders als im Museum verursacht diese Methode allerdings auch Kosten, auch wird Material verschlissen. Die Wissenschaftler sind dabei angewiesen auf die produktive Zusammenarbeit mit Eisenbahn-Fans, die oft über enorme Detailkenntnisse verfügen. Elsasser bemängelt, dass Technik kulturell oft unterschätzt würde „in einer von Kirchen und Burgen geprägten schweizerischen Kulturlandschaft“.

Das Augenmerk aufs Funktionieren legt auch das „Signallabor“ des Medienwissenschaftlichen Instituts an der Berliner Humboldt-Universität. Hier werden, so der Germanist und Informatiker Stefan Höltgen, Medien- und Computerartefakte nicht mit ihrer Oberfläche und in Vitrinen ausgestellt, sondern auseinander- und in Betrieb genommen. Ziel: das Funktionieren der Technik im Wortsinn begreiflich zu machen. Studenten sollen z. B. lernen, wie man früher einmal einen Commodore 64 programmierte und dadurch die gegenwärtige Entwicklung besser verstehen. Höltgen spricht von „Computerarchäologie“. Die Wortwahl zeigt, dass Computer auch schon eine archivierbare Geschichte haben, die freilich in dem Augenblick, da sie wieder in Betrieb genommen werden, unmittelbare Gegenwart wird.

Objekte als Gegenstand der Technikgeschichte ist ein variantenreiches Gebiet. Ein interessantes Beispiel stellte die Historikerin Uta C. Rausch vor. In Dortmund-Eving, wo bis 1987 auf der Zeche Minister Stein Kohle gefördert wurde, holten ehemalige Zechenmitarbeiter eine Signalglocke von Siemens-Halske aus dem Schacht und brachten sie an einem Gebäude im Freien an. Dort schlägt sie nun dreimal täglich an – ein Hör-Denkmal, an dem sich auch der Strukturwandel ablesen lässt. Was früher einmal alltäglicher und überlebenswichtiger Klang war, wird im postindustriellen Ambiente auch als störend empfunden.

Und die Henlein-Uhr? Ist sie nun gefälscht oder ist sie nicht die älteste? Der Historiker Schewe ist voller Zweifel: „Es passt nichts zusammen“. Soweit das unklare Ergebnis der detektivischen Recherche. Die viel wichtigere Erkenntnis aber: Die Rezeptionsgeschichte ist wichtiger als die Datierung.

Dass Peter Henlein als originärer Erfinder der Taschenuhr in der Technikhistorie einen solch hohen Rang eingenommen hat, ist eine Projektion des 19. Jahrhunderts, das den Nationalismus ebenso brauchte wie das Originalgenie. Die historisch tragfähigen Quellen sind in Wirklichkeit sehr dünn, es steht also kulturelle Überlieferung versus historische Authentizität. Kulturelle Diskurse bestimmen weitgehend die Wahrnehmung. Überhaupt zeigte diese spannende Tagung, mit welch fruchtbaren Erkenntnissen sich hier Kulturwissenschaftler zu den Technikhistorikern gesellten und ihre Perspektive in die Diskussion einbrachten.  

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