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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Ausstellung

Zu wenig Sand am Meer

Von Renate Ell | 16. Oktober 2015 | Ausgabe 42

Die Eres-Stiftung in München zeigt in ihrer Reihe zum Anthropozän eine kleine, aber facettenreiche Schau mit Werken der Künstlerin Stefanie Zoche über eine Ressource, die nur scheinbar unendlich ist: Sand. Der Bauboom vor allem in den Schwellenländern hat den Bedarf enorm gesteigert, Raubbau ist die Folge.

Bildartikel zu 01 ERES-Stiftung_Fortuna Hill_1.jpg
Foto: Stefanie Zoche

Szene aus „Fortuna Hill“ aus dem Jahr 2015 von Stefanie Zoche. Die raumfüllende Zweikanal-Videoprojektion zeigt den illegalen Abbau von Sand in Marokko.

Wer die Ausstellung betritt, steht als erstes vor einem gigantischen Tetrapoden. Weltweit schützen diese sternförmigen, mehr als 2 m hohen Betonstrukturen die Küsten vor der nagenden Brandung. Einer wiegt 6 t – das entspricht dem jährlichen Pro-Kopf-Sandverbrauch jedes Deutschen. Das originalgroße Exemplar in der Ausstellung besteht allerdings im Kern aus Styropor, die Außenhaut aus Sand, durch Epoxidharz gebunden, und ist aus acht leicht versetzten Teilen zusammengesetzt. Der Küstenschutz gerät aus den Fugen – auch in der Realität. So wurden Tetrapoden an der Küste von Sylt unterspült, es ging noch mehr Sand verloren als ohne sie. Vielerorts versucht man heute eher „weiche“ Maßnahmen wie Sandvorspülungen oder Mauern als Sandfänge, um die Strände als Küstenschutz zu halten.

Neue Sicht auf einen Rohstoff

Andernorts werden sie abgetragen, denn Wüstensand ist für Bauzwecke nicht geeignet. Die raumfüllende Zweikanal-Videoprojektion „Fortuna Hill“ zeigt unter anderem, wie Arbeiter mit Schaufeln und Lasteseln an einem Strand in Marokko Sand gewinnen – ein illegaler Abbau, den zu filmen für die Künstlerin nicht ohne Risiko war. In Indien holen junge Männer mit Eimern an Stangen Sand aus einem Flussbett auf einfache Boote. Kontrastiert werden diese Szenen mit Bildern aus Spanien, wo schier endlos Reihen von Bauruinen – Einfamilienhäuser, Hotelanlagen, alle aus Beton – in der Steppe stehen und langsam von Gestrüpp überwuchert werden. Viele Tonnen Sand wurden bei derartigen Fehlinvestitionen verschwendet. Die Ruinen wirken unendlich verlassen, während man die Stimmen von Menschen, die dort hätten leben können, aus dem Lautsprecher hört.

Auch Wasser spielt eine Rolle in der Ausstellung, etwa in der Videoprojektion „High Tide“: Der Meeresspiegelanstieg bedroht Städte wie New York ebenso wie jede andere Küstensiedlung. Vor allem wenn der Sand fehlt, nicht nur wo er illegal abgebaut wird. Denn Staumauern und Staustufen bremsen den Nachschub mit Flüssen aus dem Inland.

Die raumgreifende Installation „Valdrada“ zeigt auf moosgrün glänzenden, unregelmäßig eckigen Tischen Sandskulpturen in strengen geometrischen Formen. Manche erinnern an Fabrikhallen oder Kraftwerke, einige mit „Kaminen“, ihre Außenhaut besteht wie beim Tetrapoden aus einer glatten Sandschicht. Durch die Aufstellung entsteht die Assoziation einer merkwürdigen Stadt mit fensterlosen Gebäuden; tatsächlich ist Valdrada der Name eines fiktiven Ortes, den Italo Calvino in seinem Roman „Die unsichtbare Stadt“ schildert. Die Plastiken in der Ausstellung haben allerdings einen ganz realen Ursprung: Sie entstanden aus Gussformen für technische Bauteile für Windräder und andere technische Anlagen und verweisen auf das Sandguss-Verfahren für die serielle Herstellung solcher Metallbauteile.

Die aktuelle Ausstellung erzählt aus einem neuen Blickwinkel vom Anthropozän, dem Menschen-Zeitalter, über dessen Beginn sich die Wissenschaftler noch nicht ganz einig sind. Einige plädieren für die Zeit um 1800, das Einsetzen der Industrialisierung, andere für die Mitte des 20. Jahrhunderts, weil erst seither so deutliche Spuren entstehen, dass sie auch in späteren Erdzeitaltern noch erkennbar sein werden. Klimawandel, Artensterben und der Zustand der Weltmeere als andere Aspekte des Anthropozäns waren in früheren Jahren Themen für Ausstellungen der Eres-Stiftung, die Kunst und Wissenschaft in einen Dialog bringen sollten: Im Begleitprogramm halten Wissenschaftler Vorträge zum Thema, in der Ausstellung selbst wird der 75-minütige Dokumentarfilm „Sand Wars“ gezeigt. Ohne Vortrag und Film ist man auf den Katalog angewiesen, um diesen Dialog nachzuvollziehen, denn außer den Werkbezeichnungen bietet die Ausstellung selbst keine Informationen.  

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