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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Stefan Selke, Soziologe

„Das neue Labor ist die Gesellschaft“

Von Evdoxia Tsakiridou | 13. Mai 2016 | Ausgabe 19

Drängende Fragen moderner Gesellschaften lassen sich nicht allein durch technische Entwicklungen beantworten, meint der Soziologe Stefan Selke. Herausforderungen wie der Klimawandel seien nur durch das intelligente Zusammenspiel technologischer und sozialer Innovationen lösbar.

Selge BU 1
Foto: imago/Mike Schmidt

Bürger sind an Innovationsprozessen zu beteiligen, mahnt Stefan Selke. Sie mischen sich bereits in technologisch getriebene Themen ein, wie hier bei einer Demonstration gegen Datenspeicherung.

VDI nachrichten: Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Timotheus Höttges, distanziert sich von „intellektuellem und kulturellem Fundamentalpessimismus“, also von einem Denken, das nicht in Lobeshymnen ausbricht, wenn es um die „digitale Zukunft“ geht. Stört Sie das?

Selke: Ja, ich fühle mich stellvertretend für andere Wissenschaftler respektlos behandelt. Viele Forscher ringen beim Thema „digitaler Wandel“ um Differenzierung und Erkenntnis. Dazu gehören Kritik und das Aufzeigen von Alternativen zum Fortschrittsüberdruss. Wenn man uns als Fundamentalisten bezeichnet, schließt man öffentlichen Dialog aus.

Ingenieur und Soziologe

Welchen Wandel stellen Sie angesichts der zunehmenden Digitalisierung fest?

Grundsätzlich, und das ist meine Hauptthese, geht es um den Wandel von technischen hin zu sozialen Innovationen in einer sogenannten Nebenfolgengesellschaft. Dieser Gesellschaftstyp zeichnet sich etwa seit Mitte der 1980er-Jahre dadurch aus, dass technikgetriebenes Wachstum Nebenfolgen schafft, die nicht allein von Technik „beseitigt“ werden können.

Wo sehen Sie die Quellen dieser Entwicklung?

Grund dafür sind immer mehr „Wicked Problems“, nachhaltig wirkende Probleme wie der Klimawandel, das Bevölkerungswachstum, demografische Veränderungen, ökonomische und politische Instabilitäten, globaler Terrorismus, Arbeitsmigration oder die Erosion des Sozialstaates. Angesichts dieser entgrenzten Probleme werden die Erwartungen der Öffentlichkeit an Wissenschaft und an ein neues Innovationsparadigma immer größer. Das bisherige Modell von Wissenschaft und Technik ist überholt.

Woran machen Sie das fest?

Zu den entgrenzten Problemen gesellt sich zunehmend Skepsis gegenüber der Wissenschaft. Gerade auch, weil die Industrie in vielfältiger Weise Einfluss auf Forschungsvorhaben nimmt. Die Förderung von Stiftungsprofessuren, Public-Private-Partnership oder die Inanspruchnahme verdeckter Subventionen sind Beispiele dafür. In der Folge erodiert das Vertrauen in das Wissenschaftssystem. Von Wissenschaftlern und Ingenieuren wird eigentlich erwartet, dass sie ihre moralische Verantwortung anerkennen und die ethischen Folgen ihres Handelns bedenken. Darüber hinaus wollen Bürger und Bürgerinnen heute mitbestimmen, was mit ihren Steuergeldern geforscht wird, anstatt Entscheidungen zur Kenntnis zu nehmen, die hinter verschlossenen Türen fallen.

Was ist das wesentliche Kennzeichen des Wandels?

Bisher zielte Innovation primär auf die natur- und ingenieurwissenschaftlich getriebene Hervorbringung neuer Produkte und Verfahren. Treiber der wirklich zielführenden Innovationen werden in Zukunft nicht mehr Forscher und Techniker sein, sondern zivilgesellschaftliche Akteure und Netzwerke. Das Neue vollzieht sich nicht im abgeschlossenen Labor, die Gesellschaft ist das Labor. Nicht nur Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind relevante Akteure im Innovationsprozess, auch Bürger und Kunden tragen wesentlich dazu bei. Begriffe wie „Open Innovation“ oder „Citizen Science“ spiegeln einzelne Aspekte dieser Entwicklung wider.

Was wäre Ihre Lösung zur Gestaltung des Wandels?

Notwendig ist ein revidiertes Wissenschafts-, Disziplin- und Innovationsverständnis. Es geht nicht mehr darum, Technologien immer noch ein wenig besser zu machen. Entgrenzte Probleme sind nicht technisch lösbar. Es geht um Gerechtigkeits-, Verteilungs- und Nachhaltigkeitsfragen. Das setzt ein systemisches Innovationsverständnis voraus und läuft auf ein intelligentes Zusammenspiel technologischer und sozialer Innovationen hinaus. Technologische Innovationen müssen in sozio-kulturelle Kontexte eingebunden werden. Statt technikgetriebener Großforschung braucht es die große Transformation, die auch auf günstigen sozialen Innovationen beruhen sollte.

Wie kann man sich das genau vorstellen?

An die Stelle reiner technischer Grundlagen- und Begleitforschung treten „Social-Science-Driven“-Ansätze wie Transformationsdesign, transdisziplinäre und transformative Forschung, die Transformationsprozesse mit der Entwicklung sozialer Innovationen konkret unterstützen. Das Neue vollzieht sich vermehrt auf der Ebene der sozialen Praktiken, nicht im Medium technischer Artefakte. Ein prominentes Beispiel ist die Sharing-Ökonomie.

Welche Rolle spielen in diesem Szenario Ingenieure?

In einer Festschrift des VDI aus den 1980er-Jahren wurden Ingenieure als „Bedienpersonal der Zivilisation“ bezeichnet. Ich denke, heute sind wir wieder an diesem Punkt. Wir sollten uns nicht ständig mit Know-how-Fragen beschäftigen, sondern mehr mit dem Warum. Es gibt Probleme, die erfordern eine reflexive Ebene: Welche Interessen stecken dahinter, welche Folgen gibt es, welche Alternativen sind möglich?

Wie könnte das Prozedere in der Praxis aussehen?

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wünschte ich mir für jedes Dreijahresprojekt eine dreimonatige Klärungsphase. Dabei kommen alle Akteure zusammen – innovative Laien, Bürger, Institutionen, natürlich auch die Techniker. Zunächst klären sie zentrale Begrifflichkeiten. Dann erweitern sie den Validierungsradius gemeinsam erzeugten Wissens. Und sie berücksichtigen die Interessen der anderen. Erst dann wird Wissen lösungsorientiert. Wir brauchen hierfür neutrale Begegnungsräume. Die gibt es heute nicht.

Wenn das industriezentrierte Leitbild ausgedient hat, welches neue könnte an seine Stelle treten?

Man sollte sich davon verabschieden, Innovationen nur an einem messbaren ökonomischen „Impact“ zu bemessen. Stattdessen muss der öffentliche Wert stärker betont werden. Den Nutzen einer Bibliothek oder eines Jugendklubs, z. B. in einem sogenannten „Problemviertel“, kann man nicht messen, aber den Wert wird man nach einiger Zeit erleben. Wir brauchen eine nachhaltige Wissenschaft, die öffentliches Wissen mit Gemeinwohlorientierung erzeugt.

Wie kann man das in eine für alle geltende Form gießen?

Notwendig ist ein Gesellschaftsvertrag, der stärker auf einer konkreten Absicht zur Problembewältigung beruht, anstatt nur Problemverwaltung zu betreiben. Die Sehnsucht nach handlungsleitendem Wissen wächst.

Woran liegt das?

Zum einen ist die Welt zu komplex. Zum anderen, und das ist sicherlich die wichtigste Herausforderung, ist Sinn die eigentliche „Mangelware“ des 21. Jahrhunderts. Ganze Forschungsbereiche beschäftigen sich inzwischen mit Beschleunigungs- und Entfremdungsphänomenen, Burn-out ist ein prominentes Beispiel. Aber tiefer gehende Antworten, wie – poetisch formuliert – das „Herz der Gesellschaft warmgehalten werden kann“, gibt es keine.

Wo ist der Gewinn?

Gerade Deutschland könnte gewinnen, wenn es sich von einer Kultur der Betriebsamkeit zu einer Kultur der Gelehrsamkeit zurückentwickelt und sich weniger für Produkte und mehr für soziale Prozesse interessiert. Eine Zukunft hat ein Land nicht wegen seiner effizienten Autos, sondern aufgrund motivierter Bürger, die – wieder – einen Sinn im Leben sehen. Übrigens zwingen uns die Flüchtlinge, die gerade ins Land kommen, uns mit der wichtigsten aller Fragestellungen auseinanderzusetzen: Wie wollen wir zusammenleben? 

 EVDOXIA TSAKIRIDOU

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