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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Energieexperte Marc Oliver Bettzüge

„Die Prämisse des Weißbuches ist richtig“

Von Stephan W. Eder | 28. August 2015 | Ausgabe 35

Mit dem Weißbuch zum neuen Strommarktdesign hat die deutsche Bundesregierung Anfang Juli die erwartete Richtung eingeschlagen. Sie favorisiert eine Weiterentwicklung des bisherigen Marktes unter dem Schlagwort „Strommarkt 2.0“, kombiniert mit einer Kapazitätsreserve, um Engpässen bei der Leistungsbereitstellung begegnen zu können. Marc Oliver Bettzüge, Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI), analysiert im Gespräch mit den VDI nachrichten das vorliegende Weißbuch.

w - Bettzüge BU
Foto: EWI

Marc Oliver Bettzüge: Der Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) an der Universität Köln plädiert für eine Aufteilung des deutschen Stromgroßhandels in zwei Preiszonen.

VDI nachrichten: Knackpunkt bei der Reform des deutschen Strommarktdesigns ist, ob wir einen eigenständigen separaten Kapazitätsmarkt für Kraftwerkskapazitäten in Deutschland brauchen. Das Weißbuch sagt: Nein. Wie sehen Sie das?

Bettzüge: Ein solcher Kapazitätsmechanismus wäre – unabhängig von seiner Ausgestaltung – ein weiterer staatlich verordneter Eingriff in einen ohnehin schon überregulierten Strommarkt. Und faktisch haben wir derzeit deutliche Überkapazitäten in Kontinentaleuropa, so dass es sich um eine rein fiktive, wenig dringliche Debatte über mögliche Kraftwerksengpässe in der Zukunft handelt.

Weißbuch Strommarkt

Daher müssten die Argumente schon gewichtig sein, um mich von der Notwendigkeit einer solchen Maßnahme zu überzeugen. Was an Begründungen bislang angeboten wurde, hat dafür jedenfalls nicht ausgereicht. Übrigens: So ganz sagt das Weißbuch ja nicht „Nein“, denn die Möglichkeit einer sogenannten „strategischen Reserve“ wird ja explizit erwähnt, aber als angeblich minimalinvasiv verharmlost.

Marc Oliver Bettzüge

Kraftwerksinhaber und -betreiber argumentieren, sie bräuchten einen Kapazitätsmarkt. Ohne ihn seien Langfristinvestitionen nicht planbar.

Mit diesem Argument soll gerechtfertigt werden, dass die Marktrisiken der Kraftwerke – sprich die unsichere Entwicklung von Angebot, Nachfrage und Brennstoffpreisen – zwangsweise auf die Stromverbraucher vergemeinschaftet werden. Warum soll das im Allgemeininteresse liegen? Warum soll es für die Absicherung dieser Risiken keinen freiwilligen Markt geben, auf dem sich nur diejenigen absichern, die das möchten?

Die Kraftwerkswirtschaft hat recht: Es gibt keinen liquiden, langfristigen Markt für Erzeugungskapazitäten – aber es gibt beispielsweise auch keinen für Hotelkapazitäten, und dennoch bauen Investoren Hotels. Ja, die Zukunft ist unsicher, aber das kann niemand – auch der Staat nicht – ändern. Durch staatliche Eingriffe können solche Risiken nur anders verteilt, nicht aber eliminiert werden.

Sie sagen also: Da müsste sich die Politik eigentlich nicht drum kümmern, weil der Markt selbst schlau genug ist?

Ja; übrigens auch, weil ich der Meinung bin, dass das Risiko von denen getragen werden sollte, die die Investitionen tätigen und nicht vom Stromverbraucher. Was würde denn beispielsweise passieren, wenn der Staat einen Kapazitätsmarkt aufbauen wollte, um langfristig eine gedachte Menge an Kraftwerkskapazitäten zu sichern? Der Staat müsste abschätzen, wie die Kraftwerkskapazität in einem bestimmten Jahr sein würde. Dabei würde er mit Sicherheit einen Fehler machen – im Zweifel schätzt er den Bedarf eher zu hoch als zu niedrig ein.

Als Folge würden mit dieser Garantie teure Kapazitäten aufgebaut – die wir dann in zehn Jahren nicht bräuchten und in deren Technologiewahl sich der Staat dann vermutlich auch noch einmischen würde. In einem solchen Modell trüge das Risiko für diese Fehlinvestitionen der Stromverbraucher. Das macht das Ganze zwar attraktiv für Betreiber und die Politik, aber ökonomisch damit noch lange nicht sinnvoll. Zudem gilt: Mit jedem Eingriff fügt der Staat weitere Risiken für Investoren und Nachfrager hinzu, die auf Dauer immer weniger wissen, auf welche Marktordnung sie sich eigentlich einstellen sollen.

Die Bundesregierung macht mit dem Weißbuch alles richtig?

Die Grundprämisse, die die Bundesregierung bei der Werbung für ihr Weißbuchs proklamiert, ist richtig: mehr Markt, mehr grenzüberschreitende Koordination. Das ist auch das, was die EU als Richtung vorgibt.

Doch die Geschwindigkeit und die Radikalität, mit der man das verfolgt, könnten deutlich höher sein. Denn wenn man ins Detail geht, stellt man fest, dass die Politik in das deutsche Marktdesign jede Menge Verzerrungen eingebaut hat, die sie auch mit dem vorliegenden Weißbuch nicht zur Seite räumt.

Wo liegen die wichtigsten Verbesserungsmöglichkeiten?

Die vorgeschlagene Strommarktreform betont nach außen vor allem Maßnahmen, mit denen der existierende Stromgroßhandelsmarkt verbessert werden soll. Diese sind im Großen und Ganzen zielführend und sinnvoll. Zusätzliche wichtige Punkte werden aber nicht adressiert, wie die bestehenden Preisverzerrungen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Denn durch die Förderung der erneuerbaren Energien wird nicht nur der Erzeugungswettbewerb verzerrt, sondern die Umlagen und die darauf erhobenen Steuern erhöhen auch massiv den Strompreis für alle jene Stromverbraucher, die nicht entlastet sind. Das macht elektrische Arbeit sehr teuer, es entstehen falsche Anreize. Dieses Problem wird im Weißbuch überhaupt nicht angesprochen – ein sehr wichtiger Punkt.

Ferner erfährt die Frage der Umgestaltung der Netznutzungsentgelte noch nicht die erforderliche Aufmerksamkeit. Die bisherige Entgeltsystematik ist nicht verursachungsgerecht, und sie führt zu zusätzlichen Verzerrungen im Strommarkt, die mit steigendem Flexibilitätsbedarf immer kritischer werden. Hier müssten wir eigentlich zu einer Art „flat fee“ kommen. Auch zum Problem der innerdeutschen Engpässe gibt es noch keinen überzeugenden Vorschlag. Und schließlich sind auch die Planungen zur „strategischen Reserve“ weniger unschuldig, als sie vordergründig erscheinen.

Was meinen Sie mit „falschen Anreizen“ beim Strompreis?

Der Strompreis, den der Haushaltskunde bezahlt, entspricht nicht den tatsächlichen Marktgegebenheiten. Vielmehr bläst der Staat durch Steuern und Umlagen den Strompreis auf – das sind falsche Anreize, und diese müssten beseitigt werden.

Wenn der Strom inklusive Netzgebühren faktisch 15 Cent/kWh kostet, der Endverbraucher aber 30 Cent/kWh bezahlt, dann wird Strom relativ gesehen stark verteuert, übrigens auch im Vergleich zu anderen Energieträgern. Dadurch wird zum Beispiel der Anreiz gesetzt, in die Eigenversorgung zu investieren – obwohl sich das für die Volkswirtschaft eigentlich nicht lohnt.

Auch bei den Industrieunternehmen, die nicht entlastet sind, erfolgen falsche Anreize. Ein Beispiel: Selbst wenn in windreichen Stunden der Strom fast nichts mehr kosten würde, ergäbe sich für solche Unternehmen wegen der Umlagen und Steuern immer noch ein relativ hoher Strompreis. Diese Unternehmen könnten daher den eigentlich sehr günstigen Strom dennoch nicht sinnvoll nutzen. Dieses Problem wird durch die ungeeignete Netzentgeltsystematik weiter verschärft.

Geografisch werden ebenfalls falsche Anreize gesetzt. Bei einem Engpass innerhalb von Deutschland ist Strom im Süden Deutschlands mehr wert als Strom im Norden und Osten, weil wir dort deutliche Überkapazitäten haben und im Süden ein Defizit. Doch die Marktteilnehmer sehen diesen Preisunterschied nicht.

Eine Folge davon: Die südlichen Nachbarn Deutschlands – die Schweiz, Frankreich und Österreich – zahlen in solchen Situationen zu niedrige Preise für Strom aus Deutschland. Diese Länder fragen dann zu viel Strom nach – und vergrößern damit noch das Kapazitätsdefizit in Süddeutschland. Diese Engpassproblematik wird mit dem geplanten Abschalten weiterer Kernkraftwerke in Süddeutschland noch zunehmen.

Heißt das, dass wir zwei Preiszonen für den Stromgroßhandel in Deutschland brauchen?

Das wäre eine naheliegende Lösung, die allerdings in der energiepolitischen Öffentlichkeit viel Skepsis auslöst. Doch einen Tod wird man hier sterben müssen.

Alle anderen Lösungen für den immer akuter werdenden innerdeutschen Engpass haben jedenfalls Nachteile, die meines Erachtens deutlich größer sind als die Herausforderungen, die sich aus der Aufteilung Deutschlands in zwei Gebotszonen ergeben würden. Denn letztlich würden nur getrennte Preiszonen die Transparenz schaffen, die es den Marktteilnehmern erlaubt, vernünftig zu reagieren. Aber vielleicht ist es ja genau diese Transparenz, vor der sich Politik und Teile der Industrie so zu fürchten scheinen.

Was bedeutet das für den Ausbau der großen Höchstspannungstrassen von Nord nach Süd?

Zunächst würde ein Zwei-Zonen-Modell klarmachen, was der Ausbau der Stromtrassen ökonomisch wert ist. Man sähe dann ja die Preisdifferenz zwischen Nord und Süd und könnte aus den vorliegenden Marktpreisen berechnen, welche Wirkung diese Trassen an Minderungswirkung auf die Strompreisdifferenz hätten. Damit könnte man Sinn oder Unsinn dieser Maßnahmen transparent diskutieren.

Zudem würde man Zeit gewinnen, weil ein Zwei-Zonen-Modell die ausländische Nachfrage in Süddeutschland sicherlich erheblich verändern würde, so dass auch der zeitliche Druck auf den Netzausbau etwas zurückgehen würde, welcher sich vor allem aus dem in Stein gemeißelten Zeitplan der Abschaltung der verbliebenen süddeutschen Kernkraftwerke ergibt. 

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